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"Mit nunmehr aller Konsequenz"

Zur Debatte über Warenproduktion im Sozialismus
Gerfried Tschinkel interviewte hermann jacobs
Du schreibst, in „offen-siv“ wird eine Diskussion zu Ende geführt, die die sozialistische Wissenschaft begonnen, aber nicht vollendet hat. Gemeint ist die Diskussion über die Warenproduktion in nachkapitalistischen Gesellschaftsordnungen. Wie ist der Stand der Diskussion und wo machst du den Dissens-Punkt in der sozialistischen (oder auch kommunistischen) ökonomischen Wissenschaft, von dem du sprichst, aus?

Ja, das ist richtig, „offen-siv“ leistet einen Beitrag, eine Debatte zu Ende zu führen. Zu Ende heißt: bis zur Klärung des Problems. Wir wollen wirklich klären helfen, was es mit der Frage der Warenökonomie im Sozialismus – und im Grunde darüber hinaus – auf sich hat, inklusive praktischer Konsequenzen. Bei der Anlage, die diese Debatte in der Sowjetunion, aber auch in anderen sozialistischen Ländern, darunter insbesondere in der DDR, angenommen hatte, konnte diese Klärung nicht erfolgen. Sie hatte ja den Charakter eines Status quo erreicht, eines bloßen Für und Wider der Argumente. Wir treffen uns in dieser Haltung – nicht zu unserer Überraschung – mit jenem Teil der sowjetischen und deutschen Wissenschaftler, die eine stärkere Berücksichtigung oder überhaupt eine Berücksichtigung der Warenökonomie im Sozialismus gefordert haben bzw. noch immer fordern. Auch sie sind mit dem sowjetischen Stand der Debatte unzufrieden. Wir treffen uns im Punkt „unzufrieden“, wenn auch aus gegenteiligem Grund. Wo dort der Trend zurück zur Warenökonomie geht, geht bei uns der Trend in die andere Richtung: Stärker, entschiedener von ihr weg. Unsere Einschätzung der planwirtschaftlichen Praxis ist so angelegt, dass dort, wo die – ich sage mal restaurative (im Sinne der Warenproduktion restaurative) – Kritik von einer Verletzung der Warenökonomie spricht, wir – in unseren Artikeln – bereits von einer Form ihrer Überwindung sprechen; das sind zwei Sichtweisen auf die Realität des Sozialismus.

Was ist überhaupt Warenökonomie?

Nun, nichts als die bürgerliche, die kapitalistische Produktionsweise. Sie ist Warenökonomie in ihrer höchsten Vollendung. Und wenn von einer politischen Bewegung wie der der Arbeiter innerhalb dieser Ordnung ein Anspruch auf die politische Führung im Staat erhoben wird, dann macht das nur Sinn, wenn er einem Anspruch auf eine grundlegende Veränderung in den ökonomischen Verhältnissen, also in der Produktionsweise gleichkommt. Nur den Kapitalisten aufzuheben, das Kapital nicht, verwandelte den Marxismus aus einer Wissenschaft in eine Ideologie. So oder so ist Kommunismus Aufhebung der bürgerlichen Produktionsweise, was nur anderer Begriff für Aufhebung der Waren- und Wertökonomie ist. Rein praktisch erfolgte in der Sowjetunion der Aufbau der Planwirtschaft, d.h. der Aufbau einer am Gebrauchswert orientierten Ökonomie – was der Aufbau des Gegensatzes zur bürgerlichen Produktionsweise ist. Die Forderung, die Marx einst aufgestellt hatte, ist erfüllt worden. Was als Problem oder Widerspruch zu empfinden ist, ist die Verarbeitung dieser Praxis in der Theorie. Die sowjetische Wissenschaft empfand schon die Planwirtschaft als den Gegensatz zur bürgerlichen Produktionsweise – ausgenommen den Punkt Erhalt des Geldes. Wo Geld ist, meinte sie, da ist auch Ware, da besteht auch die Notwendigkeit des Erhalts des Wertprinzips in der Ökonomie, da wirkt auch – für die Preise, also die ideelle Form für den Wechsel der Ware in die Geldgestalt – das Wertgesetz. Sie sprach daher auch nur von einer Planwirtschaft mit Warenproduktion, und sie kennzeichnete den Sozialismus als die erste Phase des Kommunismus. Heraus kam also „1. Phase des Kommunismus mit Warenproduktion“. Sie nahm den Widerspruch, der damit zum klassischen Ausgangspunkt der Wissenschaft vom Kommunismus entstanden war, gelassen hin; sie berief sich einfach auf den höheren Erfahrungswert der Praxis oder „wirklichen Historie“. Sie empfand sich „höherentwickelt“ (als Marx, Engels usw.). Der eigentliche Gegensatz in seiner ökonomischen Form wurde in die höhere Phase des Kommunismus verwiesen, was einen bedeutungsvollen „Unterschied“ zwischen erster und zweiter Phase – oder Sozialismus und Kommunismus – erzeugte, der zu vielen theoretischen Spekulationen veranlasste.

Was war falsch?

Die sowjetische Wissenschaft berief sich eben nicht (nicht mehrheitlich, nicht einheitlich, einzelne Wissenschaftler schon, aber nicht die Wissenschaft) auf die wirkliche Praxis der Preise und auf das wirkliche Verhalten der Betriebe zu den Geldfonds, die ihnen im Rahmen der Planauflagen zugewiesen wurden, um als Käufer der Produkte anderer Betriebe auftreten zu können. Die Preise waren dem Prinzip nach Festpreise und die Wahrnahme der betrieblichen Geldfonds war an die Planauflagen gebunden. Sie waren also keine freien Geldmittel, wie in einer wirklichen Warenökonomie üblich. Es kommt bei der Bewertung der Ökonomie in einer sozialistischen Planwirtschaft nicht darauf an, was hier und dort noch als Kategorie existiert, um daraus nun abstrakt theoretisch zu folgern, „Aha, das kennen wir doch, das führt doch auf die uns bekannte und theoretisch erschlossene Warenökonomie zurück!“, sondern darauf, wie „Kategorien“ wirklich bewegen. Und ein Festpreis „bewegt“ eben anders als ein Wertpreis, und ein kaufendes Geld mit Planbindung anders als ein Geld, zu dem ich mich als Eigentum verhalten kann. Ich habe den Leiter des Betriebes, in dem ich arbeitete, einmal gefragt, wie er es mit dem betrieblichen Geldfonds halte, und er antwortete mir: „Bis zum Ende des Jahres auf Null fahren“. (Null hieß, alle Auflagen des Planes per Jahr erfüllt zu haben.) Eine sowjetische Theorie hätte um all jene Elemente bereinigt werden müssen, in denen nicht der wirklichen Bewegung der Ökonomie der Planwirtschaft entsprochen worden war, d.h. bereinigt werden müssen um all das „klassische Getue“.

Damit wurde der Sozialismus angreifbar.

Dass die Theorie davon nicht befreit war, konnte nur dazu führen, dass immer wieder Ökonomen auferstanden, die nun ausgehend von den „klassischen“ Definitionen (der Ware, des Wertes, der Preise und des Geldes) Korrekturen bis hin zu Reformen im Sinne der Klassik einforderten. Ein theoretischer Dualismus beförderte den praktischen Dualismus. Der sowjetischen Wissenschaft gelang einfach nicht die eindeutige Orientierung auf das entstandene kommunistische Element in ihrer Gesellschaft, im Gegenteil: mit diesem haderte sie ständig. Wir erkennen dies z.B. daran, dass man von der Planung erwartete, sie könne sich auf die perspektivische Form von Planung zurückziehen, was nichts anderes bedeutete, als die direkte Produktionsplanung aufzugeben. Damit hätte man die Betriebe in den Zwang gebracht, jenes Element wiederzubeleben, über das Betriebe/Unternehmen Produktion regulieren, also den durch lebendige Arbeit geleisteten Wert in seiner gegenständlichen Form, und verstanden als ein Recht auf Aneignung. Auch ein ökonomischer Laie kann unschwer begreifen, dass ein Recht auf die eigene Arbeitsleistung und ein Recht auf die Arbeit, soweit sie gesellschaftlich für mich (den Betrieb) geleistet wird, ein beträchtlicher quantitativer Unterschied sein kann. Aber dieser Unterschied im Quantitativen macht den Unterschied im Qualitativen, den Unterschied von Wert- oder Eigentums-, und Gebrauchswert- und Gemeinschafts-Ökonomie (Ökonomie vereinigter Produzenten) aus.

Was hältst du jenen entgegen, die behaupten, das Problem des real existierenden Sozialismus sei gewesen, dass man Wertbeziehungen als rein formale Angelegenheit behandelt habe? Weil Preise keine „ökonomische Funktion“ ausgeübt hätten, sei es zu Störungen der Produktionsproportionen, zu einer Hemmung der technischen Entwicklung und so weiter gekommen.

Ich sagte ja schon, dass Festpreise das Verhältnis zum Wert, also das Verhältnis, in dem lebendige Arbeit zur gegenständlichen Arbeit quantitativ bewegt, lahmlegen, außer Kraft setzen. Insofern ist es auch nicht richtig, von wenigstens „formellen Wertbeziehungen“ im Sozialismus zu reden – immer, ich betone das noch einmal, ausgehend von der wirklichen Praxis einer Planwirtschaft. (Nicht von einer theoretischen Prämisse in Lehrmeinungen vom Sozialismus). Festpreise können keine Beziehungen zum Wert mehr aufnehmen (sie entfernen sich auch nicht vom Wert, entsprechen diesen „immer weniger“, wie es bei sowjetischen Ökonomen auch hieß; man muß konsequent sein: Sie sind es einfach nicht mehr.) Falsch wäre auch zu sagen, Preise hätten „keine ökonomischen Funktionen“ mehr ausgeübt. Umgekehrt: Dass sie die Wertfunktion nicht mehr ausgeübt haben, muss (!) bedeuten, dass sie in einer anderen ökonomischen Funktion erscheinen. Jeder, der die Werttheorie von Marx gepaukt hat, weiß, dass es den Doppelcharakter der Arbeit gibt, von einerseits Arbeit in abstrakter Hinsicht – und die wird quantitativ bestimmt in ihrer zeitlichen Dauer (Marx) – und von andererseits Arbeit in konkreter Hinsicht – und die bestimmt sich quantitativ in Produktionsmengen. Steigt die Arbeitsproduktivität, so sinkt die Zeit (der Wert) und steigt die Menge (die Summe der Produkte). Wenn also der Preis (im Einzelnen) nicht mehr auf den Wert reagiert, weil er durch das weise Gesetz der Planbarkeit der Produktion in einen Festpreis verwandelt worden ist, so muss dennoch die Summe der Preise steigen wie die Summe der Menge an Produkten gestiegen ist. Das Wachstum in der Ökonomie, gemessen an der Summe der Preise, bekommt in der geplanten Wirtschaft einen anderen Bezug, es drückt die Produktivkraft in konkreter Hinsicht aus, nicht mehr die Arbeitszeit in abstrakter. Das war zu begreifen.

Hat der Verlust des Wertbezugs (gemeint ist nur der in Preisen) zu „Störungen der Produktionsproportionen“ geführt, zur „Hemmung der technischen Entwicklung“?

Wenn die gesellschaftlichen Planungsbehörden dumm genug gewesen wären, sich keinen anderen Einblick in die Ökonomie der Betriebe zu verschaffen – vielleicht, aber bevor man ernsthaft auf dieses Argument einginge, sollte man wohl den Nachweis führen, dass es so gewesen ist. An sich bestimmt der Wert Proportionen des Eigentums, wieviel gehört wem an Arbeit in lebendiger und gegenständlicher Hinsicht, und darauf erhebt der Eigentümer im Wechsel seiner Ware in die Geldform Anspruch, das ist eine Proportionalität, und die geht natürlich in einer Planwirtschaft, die ihre Proportionalität auf Basis der konkreten Arbeit und deren Entwicklung bestimmt, verloren. (D.h. sie existiert noch in der naturalen Form, aber nicht mehr in der Geldform, und besteht, das ist das Wichtigste, nicht mehr als Anspruch; wofür denn auch?) Die wertökonomische Proportionalität nimmt nicht nur Schaden, sie verschwindet in Gänze. Ob nun die gebrauchswertökonomische Proportionalität Schaden nimmt dadurch, dass die wertökonomische verlorengeht – bitte, nachweisen.

Woran scheiterte der real existierende Sozialismus?

Der reale Sozialismus ist nicht gescheitert, sein „Scheitern“ wurde organisiert. (Wann scheitern schon Gesellschaftsformationen? Welche Katastrophen hat der Kapitalismus hinter sich – aber ist er je gescheitert? Auch der Sieg der Oktoberrevolution beruht nicht gleich auf einem Scheitern des Kapitalismus in Rußland.) Ich will nicht gleich von Konterrevolution sprechen. Mir wäre der Gedanke, dass im Rahmen der Arbeiterklasse eine Konterrevolution, also eine bewusste Rückkehr zur bürgerlichen Gesellschaft möglich wäre, historisch … na, ich sage mal: „überwollt“. Konter-, also Gegenrevolution, ist bei Herrschaftsklassen möglich, feudaler zu bürgerlicher Klasse – sie beruhen auf einem jeweils anderen Produktionsprinzip (und da ist nicht automatisch das eine schwach, weil das andere schon stark) –, aber nicht bei Klassen, die an sich einen ökonomischen Gegensatz in Bezug auf denselben Gegenstand, die Arbeit, darstellen. Die Politik der letzten sowjetischen Parteiführung hat einen anderen Grund als den, dem Scheitern des Sozialismus durch Rückkehr in eine bürgerliche Gesellschaftsform zu entgehen. Diesen kann man aus den Reden von M.S. Gorbatschow ab seiner Regierungszeit sehr gut entnehmen – man verstand ihn nur nicht in dieser Dimension eines Rückbaus der sowjetischen Gesellschaft in eine quasi wieder bürgerliche Gesellschaft, in eine mehr staatskapitalistisch bürgerliche als schon unmittelbar in eine umfassende Klasse kapitalistischer Eigentümer der Produktion zurückführende Dimension. Man sollte auch hier auf dem Boden der Realität bleiben. Nur was Rußland ist, ist „Rußlands Konterrevolution“. Was der Sozialismus wirklich erlebte, war eine Schwächephase. Die Sowjetunion/der Sozialismus wäre unvermeidlich untergegangen (nicht gleichbedeutend mit Scheitern, das hätte auf einen inneren Widerspruch des Sozialismus hingedeutet, und den gab/gibt es nicht) – aber erst in einer längeren Perspektive. Rußland entging dieser, indem es sich aus der gesellschaftlichen Form des Gegensatzes Kommunismus-Kapitalismus zurückzog, es nahm die bürgerliche Form an, und zwar in einer politischen Vision, die bis heute den bürgerlichen Klassen suspekt ist: der Vision allgemeiner Menschheitsinteressen, der Vision der Verhinderung der Vernichtung der Menschheit durch einen mit Atomwaffen geführten Krieg. Dem Konflikt zu entgehen, indem man ihm den gesellschaftlichen Bezug nimmt, scheint übergesellschaftlich, und nur einseitig übergesellschaftlich, zu Lasten nur des Sozialismus gehend. Die Sowjetunion bzw. die letzte politische Führung dieses Landes hat einen Kompromiss ganz neuer Art in der Geschichte geschlossen – indem sie die gesellschaftliche Verfasstheit der Sowjetunion aufgegeben, aber damit den staatlichen Bestand Rußlands erhalten (gerettet?) hat. Sollen wir richten? Auch bestimmte bürgerliche Kreise haben erkannt, welche Form von Vernichtung der Menschheit insgesamt, über alle Gesellschaftsformen hinweg droht, würde der so genannte Ost-West-Konflikt auf seine letzte, höchste Konsequenz getrieben worden sein. Nur: zur kapitalistischen Wende hat es noch nicht gereicht. Ich schlage den anderen Weg vor. Wir, d.h. die Arbeiterbewegung in ihrer politischen Form, halten an der Theorie vom Sozialismus bzw. Kommunismus fest, drücken uns nicht um die realistische Einschätzung seiner ökonomischen Leistungen (oder Nichtleistungen), und halten der These vom Scheitern des Sozialismus – als der Ursache des „Debakels“ in der Sowjetunion und darüber hinaus – auch (!) entgegen, dass sie der Wende in der Sowjetunion ein schönes Feigenblatt abgegeben hat und wohl noch immer abgibt. Die These vom Scheitern des realen Sozialismus erklärt nichts, was bis zur Erklärung des Rußlands von heute hinführt, aber sie wird gebraucht von der ganz anderen Theorie eines „grundsätzlich anderen Sozialismus als des sowjetischen Modells“, d.h. sie wird gebraucht von einer Theorie, die inmitten des Sozialismus entstanden ist als die Theorie von der „Notwendigkeit der Warenproduktion im Sozialismus“. Diese Theorie beweist sich mit einem „Scheitern des Sozialismus“, denn das hebt sie in den Rang einer Notwendigkeit unabhängig davon, wieweit sie schon Theorie – oder doch nur These ist. Womit wir wieder bei unserem Thema wären – dem Dualismus in der sowjetischen sozialistischen Ökonomie. Sie konnte nicht eindeutig Planwirtschaft sein, sondern „fummelte“ theoretisch an dieser herum. Es ist viel richtiger, in dieser Frage einen wirklichen Revisionismus (der ökonomischen Form) nachzuweisen und zurückzuweisen, als uns Gedanken über Gorbatschow und den russischen Staat von heute zu machen. Er ist entstanden, aber nicht aus Gründen eines in Rußland gescheiterten Sozialismus.

Einige marxistische Ökonomen schätzen heute ein, dass das Hauptproblem in einem Zurückbleiben des Angebots hinter der zahlungsfähigen Nachfrage bestand. Wie hätte dieses Problem gelöst werden können?

Sofern das eine Frage an die Theorie ist, ist sie so zu beantworten, dass in einer Planwirtschaft mit steigender Arbeitsproduktivität, also wachsendem Produktionsvolumen an Gütern, die Löhne steigen müssen – vorausgesetzt, es handelt sich um Wachstum in der Produktion von Konsumtionsmitteln. Theoretisch müßte es hier um Äquivalenz gehen, also Summe der Preise in II gleich Summe der individuellen Einkommen. Es gibt keinen Grund aus dem Produktionsverhältnis her, dass die Löhne, also die zahlungskräftige Nachfrage, schneller zu steigen habe als die Menge der Konsumtions-Produkte. Wenn doch, dann handelt es sich um ein Übermaß in der Einkommenspolitik, um ein Vorangehen der Löhne vor dem ökonomischen Wachstum – und das ist ein Politikum, kein Gesetz der Ökonomie. Theoretisch wäre das die Frage, ob das Vorangehen der Löhne vor der Produktion ein Muß der Produktion sein muß. Braucht sie immer ein Plus an Geld, um immer realisieren zu können? Im Prinzip würde ich das verneinen, es kommt vielmehr auf angenäherte Parallelität im Vorangehen der beiden Summen an.

Anders sieht die Frage aus, wenn die Produktion plötzlich zurückginge, dann stellte sich das Überangebot an Geld her aus einem unplanmäßigen Unterangebot an Waren. Das wäre aber eine Frage der Wirtschaftspolitik. Von der Seite der Theorie her ergibt sich nur die Frage, wie stellt man sich im Sozialismus in der Lohnsumme auf einen Rückgang der Produktion ein? Soll man die Preise steigern, also in die Inflation ausweichen (wie das der Kapitalismus macht), oder soll man die Löhne senken? Richtig wäre Lohnsenkung, aber dazu müßte in der Voraussetzung ein Teil des Lohnes bezogen auf das Wachstum gezahlt worden sein, und von diesem Teil müßte dann klar sein, dass er mit der Produktionsmenge schwanken kann, und nur ein anderer Teil bezogen auf ein so genanntes Grundeinkommen, und das dann fest, d.h. nichtschwankend ausgezahlt würde. Aber so weit, den Lohn in zwei Formen zu teilen, war der reale Sozialismus nicht gediehen. Was dem Sozialismus in Wahrheit fehlte, war ein das Volkseigentum umsetzendes Lohnsystem. D.h. das sozialistische Lohnsystem hatte sich noch nicht aus dem betrieblichen Lohnsystem, wie es nur der Kapitalismus oder private Eigentümer von Arbeit entwickeln kann, gelöst und in einen gesamtgesellschaftlichen Bezug umgewandelt (und solange die wertbezogene Betriebsform des Sozialismus zur Debatte stand, konnte das auch nicht geschehen.) Als es in den 80er Jahren mit dem normalen Gang des Sozialismus vorbei war und in der Produktion auch Rückschläge zu verkraften waren, traf es den Sozialismus unvorbereitet, d.h. es entstand ein wirklicher Geld- resp. Einkommensüberhang (er betrug in der DDR wohl ca. 160 Mrd. Mark der DDR; die auf diese Sparsumme zu zahlenden Zinsen „fraßen“, wie ich mal hörte, das ganze damalige Wachstum II der DDR auf).

Gab es aber an sich eine Mangelwirtschaft in der DDR, den sozialistischen Staaten, die durch einen permanenten Kaufkraftüberhang oder seitens der Produktion durch eine stete Unterproduktion gekennzeichnet war, ist Disproportionalität zwischen Gut und Geld also ein Systemausdruck des Sozialismus? Diese Frage möchte ich verneinen. Es spielt zuviel Wirtschaftspolitik in diese Frage hinein, als dass man sie im Sinne eines unvermeidlichen Widerspruchs der Planwirtschaft beantworten kann. Die Erscheinung einer Disproportionalität von Angebot in Gütern und Nachfrage in Geld hatten wir nicht zu allen Zeiten in der gleichen Brisanz wie in der letzten Zeit. Aber ich sprach schon von einer Schwächung der ökonomischen Konsistenz der sozialistischen Länder ab etwa Mitte der 70er Jahre. Man muß immer sehen, in welchem Verhältnis schwach. Die 60er und 70er Jahre hatten ja auch eine große Ausdehnung des sowjetischen resp. sozialistischen Einflussbereichs gebracht. Sie führten zu einem nichtäquivalenten Handel der Sowjetunion, andererseits zu einer Schwächung der gemeinsamen Rohstoffbasis des schon entwickelten Internationalismus in den ökonomischen Beziehungen der sozialistischen Länder selbst. Die ökonomischen Probleme konnten auch nicht kompensiert werden durch einen Aufschwung des sozialistischen Denkens in den zuhöchst entwickelten kapitalistischen Ländern. Die sowjetische Politik begann, in engen, eigenen Grenzen über ihre Sicherheit nachzudenken. Wir sollten das nicht immer mit der linken Hand abtun, als müsse einer Sowjetunion alles möglich sein.

Jedenfalls ist es richtig, dass ab den 80er Jahren das Warenangebot teils zurückging, aber darin einen Widerspruch im System zu sehen, der zu dessen Zusammenbruch führen muß, halte ich für abwegig. Wer für Scheitern votiert, dem ist eben alles Scheitern. Der Sozialismus muss sich nur davor hüten, mit dem Geld allzu großzügig umzugehen nach dem Motto: Wir haben es ja. Wichtig ist auch zu wissen, dass die Sowjetunion ab der Mitte der 80er Jahre eine andere Politik aufnahm, und der mangelte es an Interesse, solche inneren Probleme einer Lösung zuzuführen.

Du hebst hervor, dass Warenproduktion und Privateigentum eine Einheit bilden und sprichst in diesem Zusammenhang von „gesellschaftlichen Zwischenstufen überflüssiger Art beim Aufbau des Kommunismus“. Könntest du etwas näher darauf eingehen?

Allgemeinhistorisch oder auch allgemeintheoretisch wäre es nur notwendig, nach einer kurzen Übergangsphase und ohne eine nennenswerte Zwischenpause einzulegen, mit dem Aufbau des Kommunismus zu beginnen, ökonomisch gesehen also mit der Planwirtschaft. Unter Konzession an eine andere Auffassung verstehe ich, sich von der bürgerlichen Produktionsweise nur soweit zu trennen, als man sich von der Person des Kapitalisten trennt, aber nicht von den Verhältnissen und Formen seiner Produktionsweise selbst. D.h. die bürgerliche Produktionsweise oder Warenproduktion würde fortgesetzt werden mit einer genossenschaftlichen hoheitlichen Form, und dies allgemein; der Begriff des Volkseigentums wäre dann auf diese ökonomische Form nicht mehr anwendbar. Bei einem Zurückweisen der These von der besonderen, historisch dritten Form der Warenproduktion im Sozialismus wäre es unvermeidlich gewesen, die Frage der Periodisierung beim Aufbau des Kommunismus anders zu stellen. Was nicht mehr Ware, ist was? Elemente des Kommunismus hätten schneller, früher bestimmt werden müssen, das Ableben der Elemente der bürgerlichen Produktionsform auch. Das ist nicht ein theoretischer Wunsch, sondern hätte nur der Aufnahme der planwirtschaftlichen Praxis in das Denken entsprochen.

Und was China betrifft, so hat es in gewaltigen Mengen ausländisches Kapital ins Land geholt und hat damit einen Fortschritt importiert, den es sonst selbst hätte entwickeln müssen – sicher sehr viel später. Was ein Zuviel an Schritten ist, ist sicher nur an einer erfolgreichen Planwirtschaft zu messen.

Du sagst, dass man das Geld von der Ware trennen müsse können. Wie soll das bewerkstelligt werden?

Der Form nach ist Frage mit dem System fester, konstant bleibender Preise im Sozialismus beantwortet; Preise, die fest bleiben – angesichts der Veränderungen in der Produktivkraft der Arbeit – vermitteln nichts mehr über den Wert, wenn Vermittlung nicht an sich verstanden ist als Vermittlung der Bewegung der Werte. Die Werttheorie von Marx wäre undenkbar ohne den Satz: Die Wertgröße der Ware wechselt umgekehrt wie die Produktivkraft der Arbeit; mit steigender Produktivkraft sinkt sie, mit sinkender steigt sie. Aber in der sowjetischen Ökonomielehre ist es gelungen, von einem Satz „Der Preis der Ware bleibt fest, egal wie die Produktivkraft der Arbeit wechselt“ dasselbe zu denken wie von Marx, als wäre es Marx. Nun, es ist Sozialismus, und diese Praxis verlangt eine sozialistische Erklärung, aber mit Werttheorie hat das nichts mehr zu tun.

Die „Trennung des Geldes von der Ware“, von der ich bezogen auf das Geld im Sozialismus spreche, ist quasi in der Doppelpoligkeit der Wertform schon vorgegeben. Ware, die in Geld wechselt, ist Geld, das in Ware wechselt. In der ersten wechselnden Form realisiert die Ware ihren Wert im Geld, Geld ist Wertgestalt der Ware, und in der zweiten wechselnden Form, derselbe Wechsel also betrachtet unter dem Gesichtspunkt der anderen Seite, der des Geldes, wechselt Geld nur seine Gebrauchwertgestalt. Dass, wer die Ware anwendet, nur seinen Wert erwirbt, und dass, wer Geld anwendet, nur einen Gebrauchswert erwirbt – und nicht etwa auch seinen Wert –, ist in der Doppelseitigkeit der Wertform vorgegeben. Dass hinter diesen beiden jeweiligen Formen der Realisierung aber nichts weiter als die Realisierung des Doppelcharakters der Arbeit lauert, man in der einen Beziehung das Interesse an der abstrakten Seite der Arbeit realisiert, in der anderen aber das Interesse an der konkreten Seite der Arbeit, dass dies tatsächlich ökonomisch verschiedene Interessen sind, bringt uns eine neue Einsicht in das ökonomische Verhältnis resp. in den inneren Widerspruch der Warenproduktion.

In einer realen Warenproduktion ist natürlich das Interesse auf die Realisierung des Wertes in der Wertform gerichtet, und was Interesse des Geldbesitzers ist, tritt zurück oder fällt aus der ökonomischen Betrachtung heraus. In einer Planwirtschaft, oder bereits in einem Verhältnis, wo grundsätzlich das ökonomische Verhältnis mit dem Geld eröffnet wird – und das ist beim Lohnarbeiter der Fall und eben im Sozialismus – tritt natürlich das andere Interesse, das Interesse auf den Gebrauchswert, hervor. In welchem Verhältnis braucht jemand, der am Gebrauchswert interessiert ist, Geld? Im selben Verhältnis, in dem er als Gebrauchswert, Bedürfnis auf diesen, bestimmt ist. Alles Weitere regelt sich dann von selbst.

Wir fragen immer danach, was Kommunismus ist. Was will denn eigentlich jener in der Gesellschaft ändern, der für den Kommunismus ist? Welche Antwort erwarten wir denn eigentlich – im Unterschied zu der Antwort, die der Kapitalismus gegeben hat? Dass wir auch (!) ein Verhältnis zum Geld in der realen Planwirtschaft hatten, das dem Kommunismus ohne Geld entspricht, heißt, dass wir uns bereits dem Inhalt nach in einer kommunistischen Produktionsweise befanden, also auch die Periodisierung des Kommunismus neu, anders, vorverlegt in den Sozialismus bestimmen mussten. Die Warenproduktion unterscheidet sich nach Wesen und Form, aber für die Form gilt, kann gelten, dass sie auch für ein neues Wesen spricht, sprechen kann.

Wie würdest du aus heutiger Sicht das NÖS bewerten?

Das „neue ökonomische System“ in der DDR wäre möglich gewesen, wenn damit eine Aufhebung des ökonomischen Rechts verbunden gewesen wäre, das sich in der führenden Partei, der SED, und in den staatlichen und gewerkschaftlichen Organen herausgebildet hatte. D.h. es wäre möglich gewesen, wenn es zur Neuschöpfung eines neuen ökonomischen Subjekts gekommen wäre – die eigenverantwortlich agierende Betriebsbelegschaft. Eine Warenökonomie, die sich immer nur mit den Preisen im Sozialismus herumschlägt, hat ja keine Perspektive. Um Warenökonomie zu machen, muss man ein warenökonomisches Subjekt im Sozialismus bestimmen. Und im NÖS war man der Meinung, man habe es gefunden in der Betriebsbelegschaft. Dieses Theorem ist aber nie durchgesetzt worden. Ich bin auch der Meinung, dass diese Konzeption nie richtig durchdacht worden ist. Es hätte ja auch einer Ausarbeitung der Betriebsdemokratie bedurft. Wie waren denn die Rechte der Betriebsleiter/Betriebsleitungen gesetzt und wie die der Belegschaften? Welche Rechte in Bezug auf den Preis hatten die Betriebe? Was war mit dem Teil des Geldes, den Betriebe nicht zum Zweck der eigenen Erweiterung ausgegeben hatten? Blieb er im Besitz/Eigentum des Betriebes? Sollte er in Banken gelagert werden und von dort ausgeliehen werden können an andere Betriebe? Zu welchen Konditionen? Sollten die Betriebe Zinsen auf Sparvermögen erhalten? Hätte Geld in Kapital verwandelt werden können? Usw. usf. Unklar am NÖS war auch das perspektivische Preissystem, seine allgemeine Bewegungsrichtung. Sollten Preise also mit den Werten sinken? Bei sinkenden Preisen, was sollte dann mit den Löhnen geschehen, sie werten doch in ihrer Kaufkraft auf – außer, sie würden auch gesenkt werden, d.h. Preissenkungen würden in Lohnsenkungen umgesetzt werden. Vielleicht langsamer als die Preise gefallen, so dass sie historisch aufwerten (Marxsches Theorem!), aber immerhin sinken. Im NÖS sollten Löhne am Gewinn beteiligt werden oder in Abhängigkeit von der Erzielung von Gewinn gezahlt werden – an die Belegschaften, die Subjekte der neuen Warenökonomie. Wie passt das überhaupt zusammen: Wertpreise, aber steigende Löhne entsprechend Betriebs-Gewinn? Wertgesetz im allgemeinen Rahmen, nach außen, aber nicht nach innen? Ist es ökonomisch möglich, den Lohn wie den Gewinn/Profit zu behandeln, also steigend mit steigender Produktivkraft? Das sind derart viele offene Fragen, dass man vom NÖS nicht (!) als einem ausgereiften ökonomischen System sprechen kann, das dem „sowjetischen Modell“ der zentralen Planwirtschaft hätte erfolgreich entgegen gestellt werden können. Man sollte lieber nicht so tun, als habe man schon ein System gehabt. Man kann ja meine Ausführungen auch als Aufforderung betrachten, Versäumtes nachzuholen.

Im Unterschied zu anderen Fragen, die der reale Sozialismus aufgeworfen hat (wie z.B. die Frage Trotzki, Bucharin, Moskauer Prozesse, Arbeitslager, und auch sagen wir Chruschtschows Außenpolitik), die alle ihren historischen Bezug hinter sich haben und eben Historiker beschäftigen, ist uns das Thema Warenökonomische Reform, Genossenschafts-Sozialismus – insbesondere in der Form NÖS (weniger in der Form Jugoslawische Selbstverwaltung, erstaunlich!) – als aktuell, als gegenwärtig geblieben. Man stellt dem realen Sozialismus ein anderes Modell des Sozialismus entgegen, wenigstens wird das kundgetan. Deutsche Ökonomen aus der DDR, im Umfeld der Partei Die Linke, engagieren sich hier besonders. Dieser Auseinandersetzung wegen muß man sich der Debatte über die Warenproduktion im Sozialismus noch immer stellen – mit nunmehr aller Konsequenz.