Der falsche Krieg im Krieg

29.03.2012, 01:53

Beitrag von: RedAktion

Vorabdruck: Mai 1937: Aufstand der POUM in Barcelona. Auszug aus »Der Spanienkrieg 1936–1939«

Von Peter Rau


Mit »revolutionärem Übereifer« (George Orwell): Kavallerieeinheit der POUM im Innenhof der Lenin-Kaserne in Barcelona, dem Hauptquartier der POUM-Milizen (ca. 1936) Foto: akp/dpa
Im Juli 1936 putschte die Reaktion in Spanien gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung und entfesselte damit einen Bürgerkrieg, dessen Folgen weit über die Grenzen des Landes hinaus reichten. Die faschistischen Mächte Deutschland und Italien leisteten den Militärs um Francisco Franco Beistand und trugen so zur Eskalation des Konflikts am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bei. Antifaschisten aus aller Welt eilten der bedrängten Bevölkerung zu Hilfe und kämpften in den legendären Internationalen Brigaden für die Befreiung der Republik.


In einem Mitte April im Kölner PapyRossa Verlag erscheinenden Band »Der Spanienkrieg 1936–1939« stellt jW-Redakteur Peter Rau die damaligen Ereignisse zusammenfassend dar und ordnet sie in die weltpolitische Situation ein. In einem von zehn Kapiteln beschäftigt sich der Autor unter der Überschrift »Facetten am Rande: Die POUM und der Krieg im Krieg« mit den Mai-Ereignissen vor 75 Jahren in Barcelona.

Hervorgegangen war die Partido Obrero de Unificación Marxista (auf Katalanisch: Partit Obrer d’Unificació Marxista), POUM, 1935 aus einem Zusammenschluß der trotzkistisch orientierten Kommunistischen Linken (Izquierda Comunista) um Andreu Nin und Juan Andrade mit dem Arbeiter- und Bauernblock (Bloque Obrero y Campesino) von Joaquin Maurin und Julián Golkin. Beide Gruppierungen waren Ende der zwanziger Jahre aus der damals noch kleinen und unbedeutenden Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden. Andreu Nin, zu Beginn des Jahrzehnts Sekretär des anarchosyndikalistisch geprägten Gewerkschaftsverbands Confederación Nacional del Trabajo, CNT, und von 1922 bis 1928 in Moskau stellvertretender Generalsekretär der Roten Gewerkschaftsinternationale, galt als Anhänger Trotzkis. Auch Joaquin Maurin kam aus der CNT, von der er allerdings wegen seines Eintretens für die Oktoberrevolution in Rußland ausgeschlossen worden war. Der Historiker Reiner Tosstorff vergleicht in seinem Buch »Die POUM in der spanischen Revolution« (Neuer ISP-Verlag, Köln 2006) beide Oppositionsgruppen, zu der etliche Mitbegründer der KP gehörten, »mit der linken bzw. mit der rechten Opposition im internationalen Kommunismus seit Beginn der Stalinschen Machtergreifung Mitte der zwanziger Jahre«.

Programmatisch trat die POUM für die sozialistische Revolution ein – insbesondere für die bisher unerfüllt gebliebenen Aufgaben der bürgerlichen Revolution wie Landreform, Trennung von Kirche und Staat sowie Lösung der Nationalitätenfrage in Katalonien, im Baskenland und in Galicien. Ihr Eintreten für Leo Trotzki als Weggefährten Lenins, Initiator der Roten Armee und Mitbegründer der Sowjetunion wie für dessen Bestrebungen zur Schaffung einer neuen, der Vierten Internationale trug ihr seitens der kommunistischen Propaganda den Stempel des »Trotzkismus« ein, mit dem damals die meisten tatsächlich oder vermeintlich antisowjetischen Bewegungen gebrandmarkt worden sind. Daß Trotzki selbst auf Distanz zur Haltung der POUM etwa gegenüber der Volksfrontstrategie gegangen war, spielte da keine Rolle.

Dem Kampf nicht gewachsen

So sympathisch, verständlich und nachvollziehbar der Einsatz der POUM für die Belange der sozialistischen Revolution auch gewesen sein mag, so war dies doch nach dem Beginn des Militärputsches nichts anderes als kontraproduktiv. Das galt gleichermaßen für die angestrebte und zum Teil auch bereits drakonisch durchgesetzte Landnahme zwecks Kollektivierung der Landwirtschaft wie für die in Betrieben eingeführte Arbeiterselbstverwaltung, wodurch potentielle bzw. tatsächliche kleinbäuerliche und kleinbürgerliche Bundesgenossen im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus verprellt wurden oder hätten werden können. Auch die seit Mitte Juli 1936 mehr oder weniger spontan entstandenen Milizen der verschiedenen Arbeiterorganisationen mit ihrem insbesondere in den anarchistischen Einheiten oft losen Verhältnis zur militärischen Disziplin entsprachen nicht den Erfordernissen eines sich abzeichnenden längerfristigen Krieges. Über deren Kampfbereitschaft und Zuverlässigkeit kursierten seinerzeit überdies etliche böse Legenden. So sollen in Figueras, dem ersten Anlaufpunkt von über die Pyrenäen ins Land gelangten ausländischen Freiwilligen, Hunderte Neuangekommene von hier stationierten anarchistischen Einheiten tagelang an der Weiterreise zur Brigadenbasis in Albacete gehindert worden sein; nicht wenige wurden überredet, in deren Milizen einzutreten bzw. auch kurzerhand dafür rekrutiert.

In anderen Fällen ist wiederholt vom eigenmächtigen Verlassen der Frontstellungen berichtet worden, so u.a. von dem Schweizer Inter­brigadisten Antonio Canonica in dem 1939 in Zürich erschienenen Sammelband »Schweizer kämpfen in Spanien«, der von einer Kolonne der POUM schreibt, die vor Brunete einen von ihr bewachten Laufgraben »ohne Kampf« verlassen hatte. »Zu dieser Zeit gab es noch kein reguläres Heer mit einem einheitlichen Kommando. Jede Kolonne handelte unabhängig von der anderen. Zu unserer Linken hatte eine Kolonne der POUM (…) die Stellungen im Stich gelassen, ohne uns davon zu benachrichtigen. Als wir es entdeckten, war es schon zu spät. Auf der rechten Seite hatte sich offenbar etwas Ähnliches abgespielt mit der Kolonne der FAI1 (…) Die Faschisten waren zu beiden Flügeln vorgedrungen, die von den Kolonnen der POUM und der FAI preisgegeben worden waren.«

Patience Darton, eine Krankenschwester aus Großbritannien, die in einem Fronthospital der Interbrigaden arbeitete, äußerte ihren »Verdacht, daß die anarchistischen und faschistischen Soldaten am Sonntag miteinander Fußball spielten«. Im Mai/Juni 1937, vor den Kämpfen um Belchite und Quinto im Sommer, so erklärte sie 1990 im Gespräch mit Petra Lataster-Czisch, »hatten die Truppen der POUM die Front klammheimlich verlassen, um in Barcelona die Revolution zu machen. Die POUM-Leute ließen unsere linke Flanke offen! Und wir hatten an unserer rechten Flanke die Anarchisten, die sich selbst ununterbrochen anschrien, weil ihnen ihre eigene Desorganisation so auf die Nerven ging.«

Aus einer anderen Sicht bestätigte indirekt Waldemar Bolze, ein Anhänger der KPD-Opposition in den Reihen der POUM-Milizen, in einer Spanien-Broschüre der »Gruppe Arbeiterstimme« aus dem Jahr 1987 diese Zustände, hier bezogen auf die Lage vor Huesca zwischen April und Juni 1937: »Der Miliziano lebte an der Front einen faulen Tag. Es gab nicht viel zu tun im Graben. (…) Darüber hinaus gab es keinen regulären Dienst, weder in bezug auf Erweiterung der Waffen- oder der allgemeinen militärischen Kenntnisse. (…) Militärisch hat sich dieser inoffizielle ›Waffenstillstand‹ an der Aragon-Front nur für den Feind günstig ausgewirkt.« Auch Josef Herget, ein tschechoslowakischer Freiwilliger, berichtete später, im Duktus seiner Zeit und seiner Ideologie, von den »Umtrieben spanischer Anarchisten und Trotzkisten« während der Kämpfe um Zaragoza und Huesca. »In Teilen Aragons bestand zu diesem Zeitpunkt eine anarchistische Alleinregierung, waren Gemeinderäte und Parteien abgeschafft. Privatbesitz war weitgehend eingezogen, jede Kuh, jeder Pflug vereinnahmt. Hier wurde gegen den Willen der Bevölkerung versucht, eine ›neue soziale Ordnung‹ durchzusetzen, die keinerlei reale Grundlage hatte und die politische und militärische Lage in diesem Gebiet gefährdete.«

»Hinterlandputsch« gegen die KP

Damit gerieten die POUM wie die anarchistischen Organisationen zwangsläufig in Widerspruch zur sozialistisch geführten Volksfrontregierung, die ihren Sitz am 6. November 1936 von Madrid nach Valencia verlegt hatte, wie zur Landesregierung in Katalonien und den darin vertretenen Kommunisten. Deren Einfluß in der Bevölkerung wie in den diversen Gremien des Landes war indes in dem Maße gewachsen, wie die Republik auf die Waffenlieferungen aus der Sowjetunion angewiesen war. Die waren übrigens auch von Teilen der anarchistischen Bewegung durchaus anerkannt und honoriert worden, wie das Beispiel eines ihrer bereits in der Schlacht um Madrid gefallenen Führers bewies. Buenaventura Durruti, der sich von Katalonien aus mit einer großen Kolonne zur Verteidigung der Hauptstadt auf den Weg gemacht hatte, erkannte schon früh die Notwendigkeit einer ständigen Armee. »Wir werden eine eiserne Disziplin einführen. Die Hauptaufgabe ist, den Faschismus zu zertreten, Spanien zu verteidigen.«

Anders und im Gegensatz dazu agierte die Führung der POUM, die dabei von Teilen der CNT und der FAI assistiert wurde, als sie Anfang Mai 1937 in Barcelona ihren »Hinterlandputsch« in Szene setzte. Über den Beginn dieser Auseinandersetzungen wie deren Ende gibt es ganz unterschiedliche Darstellungen. Die einen behaupten, die Besetzung der »Telefónica«, der von einem Arbeiterkomitee unter Führung der CNT verwalteten Telefonzentrale an der Plaza de Catalunya, durch die katalanische Polizei am 3. Mai hätte die folgenden tagelangen Barrikadenkämpfe ausgelöst. Auf der anderen Seite war lediglich von einer Inspektion durch Polizeichef Rodríguez Sala, einem Kommunisten der in Katalonien mitregierenden PSUC2, die Rede, die von den dort arbeitenden Anarchisten als gewissermaßen feindliche Übernahme bewertet wurde und mit Waffengewalt verhindert werden sollte. Daraufhin hatten sich Anarchisten und POUM-Anhänger in etlichen Gebäuden der Innenstadt verschanzt und von dort aus Regierungsstellen und Polizeiwachen beschossen. In der POUM-Literatur, wie sie hier von Reiner Tosstorff wiedergegeben wird, heißt es: »Es entstanden überall Barrikaden, auf denen sich Anarchisten und POUM in einer spontanen revolutionären Einheitsfront zusammenschlossen und gegen die Ordnungskräfte der Regierung, die katalanischen Nationalisten und vor allem gegen die KP kämpften. Zug um Zug gelang es den Anarchisten und der POUM, ihre Gegner auf die Regierungsgebäude in der Stadtmitte zurückzudrängen. Zweifellos stand das militärische Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten.«

Doch es sollte anders kommen. Die Zentralregierung in Madrid entsandte die beiden anarchistischen Kabinettsmitglieder José García Oliver und Federica Montseny – zwei von vier Anfang November 1936 von Ministerpräsident Caballero ins Kabinett geholten Ministern der Anarchisten – zu Vermittlungsgesprächen nach Barcelona. In ihrer Begleitung befand sich auch der Sekretär der CNT Mariano Vásquez. Ihre Aufrufe zur Mäßigung hatten Erfolg. Am 7. Mai appellierte die CNT an ihre Anhänger, zur Normalität zurückzukehren. Einige tausend aus Valencia nach Katalonien beorderte Sturmgardisten halfen, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Offiziell wurden die Verluste auf beiden Seiten mit 400 Toten und rund 1000 Verwundeten angegeben. Der aus den USA stammende und seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Publizist Victor Grossman nennt sogar die Zahl von 950 Todesopfern und 3000 Verwundeten.3 Eine Woche später wurde von der Regierung die Ablieferung aller Waffen innerhalb von drei Tagen angeordnet.

Orwells Resümee

Selbst der englische Schriftsteller George Orwell kam als Parteigänger der POUM im nachhinein nicht umhin, sich auf die Position der Volksfrontparteien zu berufen: »Im Augenblick ist nichts von Bedeutung, als den Krieg zu gewinnen. Ohne Sieg in diesem Krieg ist alles andere bedeutungslos. Darum ist es nicht der richtige Augenblick, davon zu sprechen, die Revolution voranzutreiben. Wir können es uns nicht leisten, uns die Bauern zu entfremden, indem wir ihnen die Kollektivierung aufzwingen, und wir können es uns auch nicht leisten, die Mittelklasse abzuschrecken, die auf unserer Seite kämpft (…) Wer versucht, den Bürgerkrieg in eine soziale Revolution zu verwandeln, spielt in die Hände der Faschisten und ist in der Wirkung, wenn nicht sogar in der Absicht, ein Verräter« An anderer Stelle resümierte Orwell: »Es ist leicht verständlich, warum ich zu dieser Zeit den kommunistischen Standpunkt dem der POUM vorzog. Nach dem gesunden Menschenverstand, der nur die nahe Zukunft im Auge hat, besaßen die Kommunisten eine entschiedene praktische Politik, also offensichtlich eine bessere Politik. Sicher war außerdem die tagtägliche Politik der POUM, ihre Propaganda und so weiter, unaussprechlich schlecht. Das war sicher so, denn sonst hätten sie eine größere Gefolgschaft anziehen müssen. Den Ausschlag aber gab – so schien es mir –, daß die Kommunisten in diesem Krieg vorankamen, während wir und die Anarchisten stillstanden. Dieses Gefühl hatte zu jener Zeit jeder. Die Kommunisten hatten die Macht und einen großen Zuwachs ihrer Mitgliedschaft teilweise dadurch gewonnen, weil sie sich, die Revolutionäre bekämpfend, an die Mittelklasse wandten, aber teilweise auch, weil sie die einzigen Leute waren, die aussahen, als ob sie fähig seien, den Krieg zu gewinnen. Die russischen Waffen und die großartige Verteidigung Madrids durch Truppen, die hauptsächlich unter kommunistischer Kontrolle standen, hatten die Kommunisten zu den Helden Spaniens gemacht. Jedes russische Flugzeug, das über unsere Köpfe flog, war, wie es jemand einmal ausdrückte, kommunistische Propaganda. Der revolutionäre Übereifer der POUM erschien mir ziemlich fruchtlos, obwohl ich seine Logik einsah. Denn schließlich kam es in diesem Krieg allein auf den Sieg an.« Abschließend resümiert Orwell, der bis heute zitiert wird, um die Volksfront und insbesondere die Kommunisten zu verunglimpfen und die POUM als die »wahren Revolutionäre« darzustellen: »Es gab keine Entschuldigung dafür, einen Kampf hinter der Front anzufangen.« (»Mein Katalonien. Bericht über den spanischen Bürgerkrieg«, Erstausgabe: London 1938)

In Valencia kam es u.a. aufgrund des Geschehens in Barcelona zu einer Regierungskrise. Vermutlich auf Betreiben der Kommunisten hin, insbesondere der Komintern bzw. der sowjetischen Führung, mußte Ministerpräsident Largo Caballero Mitte Mai 1937 seinen Platz räumen; auch sein Amt als Kriegsminister, an dem er unbedingt festhalten wollte, mußte der Linkssozialist aufgeben. An seine Stelle an der Kabinettsspitze trat der bisherige Finanzminister Juan Negrín, ebenfalls ein Sozialist. Der von der spanischen KP unterstützte Akademiker – er war bis 1936 als Professor für Physiologie an der Universität in Madrid tätig – ernannte seinen rechten Parteifreund Indalecio Prieto zum neuen Kriegsminister. Negrín, dem ein gutes Verhältnis zum sowjetischen Wirtschaftsberater Artur Sta­schewski nachgesagt wurde, mit dem er die Bezahlung der Waffenlieferungen aus der Sowjetunion ausgehandelt hatte, reduzierte die Anzahl seiner Minister von 15 auf neun. Die Anarchisten lehnten eine weitere Regierungsmitarbeit ab. Neben dem Sozialisten Julián Zugazagoitia als Innenminister behielten die KP-Funktionäre Jesús Hernández und Vicente Uribe ihre Posten als Bildungs- und Landwirtschaftsminister.

Das POUM-Verbot

Im folgenden Monat konnte sich die KP mit ihrer Forderung nach einem Verbot der POUM durchsetzen. In Barcelona wurde am 16. Juni deren Parteiführung mit Andreu Nin an der Spitze verhaftet. Erleichtert wurde dieses rigorose Vorgehen durch verschiedene Hinweise auf ein mögliches Zusammenwirken der POUM mit faschistischen Untergrundkräften im Vorfeld und während der Mai-Ereignisse. So verweist der – durchaus antikommunistische – englische Historiker Hugh Thomas auf entsprechende Berichte: »Der deutsche Botschafter Faupel berichtete aus Salamanca nach Berlin, Franco habe ihm am 7. Mai gesagt, daß in Barcelona dreizehn nationalspanische Agenten tätig seien. Ein Agent habe berichtet: ›Die Spannung zwischen Kommunisten und Anarchisten ist so groß, daß ich mich dafür verbürgen kann, den Ausbruch von Kämpfen zwischen ihnen zu bewirken.‹ (…) Man kann über dieses Dokument nicht hinweggehen. Es gab zweifellos in der POUM und CNT eine Anzahl Falangisten, die bei Ausbruch des Bürgerkriegs eingetreten waren, um ihre Haut zu retten.«

Abgesehen von dem späteren Prozeß gegen die POUM-Führung sorgte insbesondere das nach wie vor nicht endgültig geklärte Schicksal Nins für Aufregung – und bis heute für entsprechende Schlagzeilen. Andreu Nin soll demzufolge gleich nach der Verhaftung von den übrigen Funktionären getrennt worden sein. Reiner Tosstorff: »Wie den später in den Gerichtsakten aufgetauchten Verhörprotokollen zu entnehmen ist, bemühte man sich um ein ›Geständnis‹ seiner angeblichen Zusammenarbeit mit dem Faschismus. Doch blieb er standhaft. Nach diesen Verhören vom 18. bis 21. Juni verlieren sich seine Spuren, auch wenn sich sehr schnell die Ansicht durchsetzte, daß er umgebracht worden war. Jahrelang gab es nur Gerüchte über sein Schicksal.« Gerüchte, mit denen sich bis in die Gegenwart hinein bestens spekulieren ließ und läßt. Tosstorff verweist so auf eine spanische TV-Dokumentation aus den 1990er Jahren über eine »Operation Nikolai«. »Dies war angeblich das Codewort des NKWD (des sowjetischen Geheimdienstes – P.R.) für die Verhaftung und Ermordung Nins (mit anschließender Beseitigung seiner Leiche). (…) Damit läßt sich nun Nins Schicksal genau nachzeichnen.« In diesem Zusammenhang fällt an erster Stelle immer wieder der Name von Alexander Orlow, des sowjetischen Beraters für Geheimdienstangelegenheiten in Spanien. An anderer Stelle muß jedoch auch Tosstorff einräumen, daß Orlows Drahtzieherschaft oder gar dessen direkte Beteiligung am spurlosen Verschwinden des POUM-Führers letztlich nicht bewiesen werden kann, zumal der NKWD-Resident nach seiner späteren Flucht in die USA eine Mittäterschaft stets kategorisch ausgeschlossen hatte.

Vor Gericht

Etwas anders stellt sich die Beweislage dar, was die meisten anderen Anhänger der POUM betrifft. Caballero hatte noch als Ministerpräsident durchgesetzt, daß etliche der Festgenommenen wieder freigelassen wurden. Auch sein Amtsnachfolger Negrín verzichtete auf Massenrepressalien und ordnete lediglich gerichtliche Konsequenzen für die Hauptverantwortlichen an. Vor dem Ende Juni 1937 geschaffenen »Gericht für Spionage und Hochverrat« wurde zunächst gegen die im Mai in Katalonien verhafteten Agenten der faschistischen Falange verhandelt. Laut Thomas wurden 13 von ihnen »zum Tode verurteilt und erschossen; sie hatten tatsächlich Spionage betrieben«. Gegen die bis auf Generalsekretär Joaquin Maurin (der 1936 als einziger Abgeordneter seiner Partei in die Cortes Gewählte war im September 1936 auf Franco-Gebiet in Haft geraten und dort bis 1946 festgehalten worden) ebenfalls verhafteten Führungsmitglieder der POUM fand der Prozeß allerdings erst im Oktober 1938 statt. Angeklagt waren acht Mitglieder des Exekutivkomitees, drei davon – darunter auch Nin – in Abwesenheit, sowie ein ZK-Mitglied und ein Mitarbeiter der Parteizeitung. Die Staatsanwaltschaft forderte für die POUM-Funktionäre wegen ihrer Gegnerschaft zur Regierung und damit verbundener Spionage eine Verurteilung zu 20 bzw. 15 Jahren Arbeitslager; der technische Mitarbeiter sollte freigesprochen werden. Angesichts der von der KP und indirekt von der Komintern verlangten Todesstrafe fiel das Gerichtsurteil sogar noch milder aus: Die Mitglieder der POUM-Exekutive erhielten Haftstrafen von 15 bzw. elf Jahren, die beiden anderen Angeklagten wurden am 22. Oktober freigesprochen, wobei das Gericht allen eine antifaschistische Gesinnung bescheinigte. Zudem wurde die POUM ausdrücklich von dem Vorwurf freigesprochen, mit Franco zusammengearbeitet zu haben.

Apropos Komintern: Palmiro Togliatti als der damals führende Vertreter des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale in Spanien nannte diesen Ausgang des Gerichtsverfahrens ein »skandalöses Resultat«. Das nährte den von Antistalinisten wiederholt geäußerten Verdacht, daß mit dem Vorgehen gegen die POUM analog zu den in der Sowjetunion stattfindenden »Säuberungen« das Wirken einer internationalen faschistisch-trotzkistischen Verschwörung bewiesen werden sollte, zumal in Spanien selbst ein weiterer Prozeß gegen trotzkistische Kleingruppen geplant war. Doch der konnte infolge der Besetzung Barcelonas durch Franco-Truppen Ende Januar 1939 nicht mehr durchgeführt werden. Den hier Angeklagten gelang ebenso wie den zu Gefängnisstrafen verurteilten POUM-Führern die Flucht nach Frankreich.

Victor Grossman kritisiert zu Recht jene Darstellungen, wonach die Mai-Vorkommnisse 1937 »als wichtigstes Ereignis des ganzen Spanienkrieges erscheinen konnten. Indem sie den mysteriösen Tod des POUM-Führers Andreu Nin und die Verfolgung der POUM-Leute zu einer bösen Verschwörung der Sowjets reduzierten, stellten sie den ganzen Krieg des spanischen Volkes, seiner Regierung und der Interbrigadisten, die ihr Leben riskierten und auch hingaben, in ein äußerst schlechtes Licht.«

Anmerkungen

1 Federación Anarquista Ibérica, deutsch: Iberische Anarchistische Föderation, d. Red.

2 die im Juli 1936 aus dem Zusammenschluß von Kommunisten und Sozialisten in Katalonien hervorgegangene Partit Socialista Unificat de Catalunya, d. Red.

3 Victor Grossmann: Madrid – Du Wunderbare. Ein Amerikaner blättert in der Geschichte des Spanienkrieges. GNN-Verlag, Schkeuditz, 2006

Peter Rau, »Der Spanienkrieg 1936–1939«, ­PapyRossa Verlag (Reihe Basiswissen), Köln 2012, 124 Seiten, brosch., 9,90 Euro, erscheint Mitte April (dann auch im jW-Shop erhältlich)

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http://www.kominform.at/article.php/20120329015348973