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DDR-Erfahrungen für kommende Kämpfe bewahren

Nach Jahren des Schweigens hat sich die Witwe von Erich Honecker interviewen lassen. Nichts falsch gemacht, lautet Margot Honeckers Botschaft.

Seit mehr als 20 Jahren lebt die Witwe von Erich Honecker im Exil in Chile. Westliche Medien hielt sich die Polit-Seniorin stets eisern vom Hals. Nun hat Margot Honecker in einem Interview mit dem ostdeutschen Publizisten Frank Schumann ihr politisches Vermächtnis zu Protokoll gegeben. Die DDR sei nicht an ihren Fehlern zugrunde gegangen, sagt die Ex-Ministerin. Sondern: "Wir haben es nicht vermocht, dem Gegner hinreichend Widerstand entgegenzusetzen." Das Gesprächsbuch mit dem nüchternen Titel "Zur Volksbildung" aus der Eulenspiegel Verlagsgruppe erscheint in diesen Tagen.

Kritische Einsichten finden sich nicht in dem Band, der aus Fragen, Antworten und Fotos besteht. Vorgeführt wird eine Rund-um-Verteidigung der DDR als das bessere System. Rund 26 Jahre war Margot Honecker Chefin des Volksbildungsministeriums im Arbeiter- und Bauern-Staat, von 1963 bis zu ihrem Rücktritt im Herbst 1989. Vielen galt die First Lady der DDR mit dem Blaustich im Haar als dogmatisch und als heimliche Machthaberin.



Seit 1992 wohnt Honecker in Santiago de Chile, in der Nähe von Tochter und Enkeln. Im April wird die schmale Frau 85 Jahre alt. Ihr Mann Erich lebte dort nur kurz. Er starb 1994. Der frühere DDR-Staats- und SED-Parteichef hatte Anfang 1993 Deutschland verlassen. Zuvor war der Prozess wegen der Todesschüsse an der Mauer gegen den schwer krebskranken Spitzenfunktionär eingestellt worden.

Die Telefonistin Honecker hatte in der DDR schnell Karriere gemacht. Mit 22 Jahren war sie jüngste Abgeordnete in der Volkskammer, dem DDR-Parlament. Heute sagt sie, die DDR-Schule habe das humanistische Menschheitsideal vermittelt. Unabhängig von sozialer Herkunft oder wirtschaftlicher Lage der Eltern - alle Kinder hätten die gleiche Bildung bekommen. Die DDR habe auf Gleichheit, Gerechtigkeit, Glück und Wohlstand gefußt.

Ihr Weltbild ist unverrückbar, sie ist mit sich im Reinen. Zwänge in der DDR? "Nirgendwo gibt es einen Staat, in dem die Bürger mit allem einverstanden sind, was ihnen der Staat vorschreibt." Indoktrination? Die Einheit von Bildung und Erziehung sei Vorbereitung auf das Leben gewesen. "Sinn der Volksbildung war nicht, Gegner des Sozialismus oder desinteressierte Mitläufer zu erziehen." Militarisierung des Unterrichts? Ausgangspunkt für den Wehrkunde-Unterricht sei die Rüstung der Nato gewesen.

Zwangsadoptionen von Kindern, deren Eltern ausreisten? Schon der Begriff sei falsch - "aber wunderbar demagogisch", sagt die Witwe ironisch. Zwang hätten doch die ausgeübt, die ihre Kinder verantwortungslos zurückließen, so dass sich die DDR ihrer annehmen musste.

Honecker teilt strikt in Gut und Böse. DDR-Friedens- und Umweltaktivisten habe der Westen als Fünfte Kolonne in Stellung gebracht, einige Bürgerrechtler seien später noch "als Narren am Hofe übernommen" worden. Jeder Dissident habe Rückendeckung aus dem Westen bekommen. Seit 1990 werde die DDR mit "antikommunistischer grobschlächtiger Hetze" überzogen. Gepredigt werde das Recht des Stärkeren - das sei falsch. Da lande man dann bei Deutschland, Deutschland über alles.

Die glühende und zugleich nüchterne Verteidigerin der Schule im Sozialismus lobt aber das Internet als "wunderbare Einrichtung". Dort sei sie täglich mehrere Stunden unterwegs und auf dem Laufenden über die Bundesrepublik. Sie zitiert Karl Marx, Wilhelm von Humboldt oder Martin Luther. Parat hat sie auch das Grundgesetz.

"Ich bin weder zornig noch verbittert", sagt Honecker - auch wenn die DDR nicht wiederkomme. Ihre Empfehlung: Die DDR-Erfahrungen sollten für kommende Kämpfe aufbewahrt werden. Verleger Schumann lobt im Buch die Analyse der Ex-Ministerin: Immer auf den Punkt, der Blick aus der Ferne sei keineswegs unscharf.

www.swp.de