Fritz Jensen: Februarlegende

11.02.2012, 19:11

Beitrag von: lisl rizy

In einem liberalen Elternhaus aufgewachsen, findet der jüdische Medizinstudent Fritz Jensen (1903 - 1955) zur Arbeiterbewegung. Nach der Internierung in Wöllersdorf, wo er Studien - und Kampfsportzirkel leitet, meldet er sich zum Kampf auf der Seite der Spanischen Republik. 1939 schließt er sich dem Chinesischen Roten Kreuz an und unterstützt den Kampf gegen die japanischen Okkupanten. Es gelingt ihm in die von Mao Zedongs Armee befreiten Gebiete zu gelangen, wo er an deren Seite wirkt. Er kehrte 1948 nach Österreich zurück, übersiedelte 1953 nach China, Reisen führen ihn nach Korea und Vietnam, wo er 1954 Ho Chi Minh besucht. 1955 kommt er bei einem Bombenanschlag auf Zhou Enlai ums Leben.

Die "Februarlegende" ist keine Legende, sondern eine wahre Episode aus dem Kampf des Schutzbundes der österreichischen Arbeiter, der am 12. Februar 1934 begann. Verlassen und verraten von der rechtssozialistischen Führung, erlitten die Arbeiter eine Niederlage, aber ihr Heldenmut ging nicht verloren. Er beseelte einen bedeutenden Teil jener österreichischen Kader, die im spanischen Bürgerkrieg, in der Emigration, in der illegalen Arbeit, in den deutschen Konzentrationslagern den Kampf fortsetzten.

FEBRUARLEGENDE

Die Zeiten sind um, sprach die Heimwehrfront,
nun geht's gegen alle Roten;
die "Rote Fahne", die rote Partei -
die hat man schon lange verboten.

Wir brauchen auch keine SP-Führer mehr,
Reformisten, Gewerkschaftsvermittler.
Wir schaffen uns selbst die Disziplin,
wir machen es wie der Hitler.

Jetzt geht es aufs Ganze, und jeder wird
gemessen nach seinem Maße.
Die Artillerie probt das Arbeiterheim,
die Tanks den Mann auf der Straße.
Die Ritter vom Rathaus, die ließen in Wien
die Häuser wie Burgen erbauen.
Doch als es zur großen Probe kam,
da sind sie abgehauen.

Die Arbeiter gruben die Waffen aus,
die wenigen, die sie fanden.
Der Schutzbund nahm die Gewehre zur Hand.
Er hat die Probe bestanden.

Er kämpfte drei blutige Tage lang,
drei grimmige Ewigkeiten -
am Laaerberg und im Goethehof,
im Marxhof und auf der Sandleiten.

"Genossen, die letzten Patronen sind aus.
Jetzt können wir nicht mehr weiter!"
Sie zahlten mit Kerker und Kugel und Strick
wie der Wallisch und der Münichreiter.
Der Weg zum Galgen ist bitter und kurz,
doch den Kämpfern winkt noch ein andrer.
Von Wien führt ein langer Weg bis nach Prag.
An Moskau denken die Wandrer.

Im Schlingerhof schütteln sie sich die Hand:
Es sollen nicht alle verrecken!
Zwei bleiben zurück beim Maschinengewehr,
um den ändern den Rückzug zu decken.

Zwei bleiben bei dem Maschinengewehr,
ein Großer und ein Kleiner.
Die andern gehen die Straße nach Prag,
am Galgen endet keiner.

Granaten und Minen und sechshundert Mann,
die schießen für Stunden verdrossen
auf nur zwei Mann mit einem Gewehr.
Durch die Auen ziehn die Genossen.

Die zwei visieren zum Fenster hinaus
nach der Stadt mit den Häusern und Türmen.
Ein Volltreffer kracht, es schweigt das Gewehr -
und nun ist es Zeit zu stürmen.

Die Heimwehr sucht: Wo ist ihr Versteck?
Und wo ist die Bande, die rote?
Sie finden die Trümmer von einem Gewehr
und neben den Trümmern zwei Tote.

Der eine war ein hagerer Mann.
Seine starken Finger umschlossen
noch immer den Griff vom Maschinengewehr,
mit dem er zuletzt noch geschossen.
Der andre war ein kleiner Bub,
der hatte Patronen getragen.
In der Hand noch den Gurt, so hat ihn ein Stück
von der gleichen Granate erschlagen.

Drei Kugeln, die fanden sie auch bei ihm
neben Gurt und Patronen und Eisen,
drei Kugeln aus hellem, durchsichtigem Glas
mit bunten Spiralen und Kreisen.

Drei Kugeln waren sein liebstes Spiel,
drei glänzende, gläserne, klare -
denn als er im Kampf für die Freiheit fiel,
da war er erst zehn Jahre.
Und wenn es einst ein Museum gibt,
wo Reliquien der Freiheit stehen,
dort wird man bei Schwert und Patronengurt
auch drei bunte Glaskugeln sehen.

Aus: Eva Barilich: Fritz Jensen, Arzt an vielen Fronten, Biografische Texte zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung Band 5/ Historische Kommission des ZK der KPÖ, Globus Verlag 1991


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