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Ein Unentbehrlicher ist tot

von Patrik Köbele

Eigentlich sollte dieser Artikel eine Laudatio zum 85. Geburtstag von Hans Heinz Holz, dem großen marxistischen Philosophen unserer Zeit, dem Religionshistoriker, dem Kunstkritiker und Spezialisten für Kubismus, dem Kommunisten und DKP-Parteiarbeiter werden. Nun muss es ein Nachruf auf einen Freund werden.

Der Tod von Hans Heinz löste eine umfangreiche Berichterstattung aus. FAZ, die Süddeutsche, der Freitag, die Neue Züricher, selbst Bild-online meldeten ihn. Erstaunlich die Berichterstattung ‒ sachlich bis wertschätzend. Als Beispiel mag die Schlusssequenz des Artikels von Dietmar Dath in der FAZ gelten, der zum Briefwechsel von Hans Heinz mit Peter Hacks meint: „Der Briefwechsel zwischen dem Gelehrten und dem Dramatiker gehört zum Lebhaftesten, was beide hinterlassen haben. Man sieht darin auch, dass Holz sich eine Weile als Nachlassverwalter einer besiegten marxistischen Gelehrsamkeit sah, am Ende aber ahnte, er könnte Mitbegründer einer neuen werden.“

Dath irrt eigentlich nur in einem, als Nachlassverwalter einer besiegten marxistischen Gelehrsamkeit hat sich Hans Heinz nie gesehen, für ihn war die Niederlage des Sozialismus, die Konterrevolution in Europa eine zeitweilige Erscheinung. Hätte er den Marxismus-Leninismus jemals als besiegt angesehen, es wäre nicht mehr seine Philosophie und Weltanschauung gewesen. Nicht, weil er sich opportunistisch auf die Seite der Sieger geschlagen hätte, sondern, weil er der festen und fundierten Überzeugung war, dass diese Philosophie und Weltanschauung als einzige in der Lage ist, die Welt und die Gesetze der menschlichen Entwicklung zu erkennen. Eine solche Weltanschauung kann nicht besiegt werden; in ihrer Anwendung können Fehler gemacht werden, Fehler können zu vernichtendenNiederlagen führen, Fehler können tödliche Irrtümer produzieren. All diese Fehler sind nicht ausgeblieben, aber besiegbar ist eine solche Weltanschauung nicht.

Insofern war der Philosoph Hans Heinz eine lebende Manifestation der elften Feuerbachthese: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Er vertrat und lebte eine Philosophie der Veränderung.

Dies schloss für ihn Beliebigkeit aus…

Beliebigkeit erkannte er immer, wenn mit neuen, oft undefinierten Begrifflichkeiten um sich geworfen wurde und damit klare Termini über Bord gingen, z.B. in der Debatte um die Analyse des heutigen Stadiums des Kapitalismus. Weder empirisch noch analytisch konnte Hans Heinz sich dafür erwärmen, heute irgendwelche Hinweise auf die Möglichkeit einer nachimperialistischen (im Leninschen Sinne) Phase des Kapitalismus zu geben.

Die Behauptung, dass die Wesenszüge der gesellschaftlichen Realität durch die Leninsche Imperialismustheorie nicht mehr zu erfassen seien und eine nachimperialistische Phase des Kapitalismus angebrochen sei, lehnte er vehement ab.

…und ebenso Dogmatismus

Dogmatismus war für ihn das Nachbeten von Lehrsätzen ohne die Überprüfung an der Realität.

Für den Widerspruch

Das brachte ihm nicht nur Freunde. Dabei war ihm an Kritik und Widerspruch sehr gelegen ‒ nicht umsonst titelten wir „Lust am Widerspruch“ zu seinem 80. Geburtstag. Die Angriffe trafen ihn keineswegs nur vom politischen Gegner. So findet sich, noch während ich dies schreibe, auf der Internetseite www.kommunisten.de ein würdiger Nachruf von Robert Steigerwald neben dem unqualifizierten Verriss „Hans Heinz Holz’ anti-marxistische Apologie“. In einem Gesprächsangebot von Bündniskräften an eine Bezirksorganisation der DKP las ich sinngemäß, dass die Grenze der Zusammenarbeit bei Kräften, die Positionen wie Holz vertreten, verlaufen würde. Dies basiert auf einem Unverständnis der Holzschen Position in Kombination mit dem gängigen Totschlagargument: Stalinismus.

Diese fundamentale Ablehnung der Position von Hans Heinz brach und bricht immer dann durch, wenn eine moralische Herangehensweise den Blick auf seine materialistisch-dialektische Analyse verstellt, denn genau letztere forderte Hans Heinz. Den Disput darüber wollte er. Der inhaltlich unbelegte moralinsaure Bannstrahl prallt an seinem Werk ab. Erlehnte es deshalb ab, „alle Leistungen, Errungenschaften, Institutionen und Ziele“ der sozialistischen Staaten an einem „Idealtypus von Sozialismus“ zu messen, „der nirgends sonst als in den Köpfen einiger Theoretiker existiert“, wie Erich Hahn formulierte (MB 3/09, S.38)

Viele, auch wohlwollende Nachrufschreiber kritisieren Hans Heinz wegen mangelnder Parteilichkeit: Warum wurde dieser Kerl erst 1994 Mitglied der DKP? Die Antwort ist nicht schwer, aber man muss sie kennen: Hans Heinz wurde nach der Befreiung vom Faschismus Mitglied der illegalen KPD und auch nach der Legalisierung der DKP gab es Situationen, in denen Kommunisten, in Absprache mit der Partei, die Mitgliedschaft nicht erwarben. Dass er der Partei auch damals nicht distanziert gegenüberstand, beweist seine Mitarbeit an den „Thesen zur programmatischen Orientierung“, dem ersten programmatischen Dokument nach der Niederlage, das die DKP auf ihrem Parteitag Anfang 1993 (!) beschlossen hat.

Nach der Niederlage die Partei bewahren

Hans Heinz hätte über all diese Anwürfe geschmunzelt. Er sah souverän darüber hinweg, was ihn als Person betraf. Wer solche Argumente braucht und sucht, um sich nicht mit den Inhalten seines Werkes auseinander setzen zu müssen, der bleibt ein schwacher Gegner. Hans Heinz war sich nicht zu schade, vor Ort in zahllosen Veranstaltungen über die Grundlagen einer marxistisch-leninistischen Partei zu diskutieren. In „Niederlage und Zukunft des Sozialismus“ lieferte er eine erste Analyse der Ursachen der Niederlage, was vielen Genossinnen und Genossen in und außerhalb der Partei wieder Mut gab. In „Kommunisten heute“ fasste er die Kriterien für eine kommunistische Partei zusammen. Seine überragenden drei Bände zur Dialektik enthalten grundlegende Untersuchungen zu Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, von der Theorie zur materiellen Gewalt.

Widerspruch war und ist erwünscht. Auf dem Boden des Marxismus-Leninismus. Widerspruch, Diskussion und Verständnis werden die Grundlage für das Wiedererstarken einer marxistisch-leninistischen Partei in unserem Land sein – das ist das Vermächtnis von Hans Heinz. Arbeiten wir daran. Ein kleiner komprimierter Einstieg zu seinem Vermächtnis stellen seine zehn Thesen zur marxistisch-leninistischen Theorie dar – studieren wir sie.

Zum Schluss noch etwas Persönliches. Die Freundschaft und das Zusammensein mit Silvia (das können und werden wir weiterführen) und Hans Heinz (das hat der Tod beendet) war eine politische und menschliche Freundschaft, die mir und vielen anderen Genossinnen und Genossen sehr viel bedeutete. Wie gerne denken wir zurück an die Stunden in San Abbondio, einschließlich des wunderbaren Essens. Hans Heinz konnte genießen ‒ die Diskussion, das Streitgespräch, die Aktion, den Rotwein und die Lammkeule. Trotz aller Trauer, Hans Heinz hätte es gewollt, dass wir nach dem Kampf auch genießen, die Diskussion, das Streitgespräch, die Aktion, den Rotwein und die Lammkeule.

Wir werden um eine starke marxistisch-leninistische DKP kämpfen, uns immer besser unsere Weltanschauung aneignen, sie anwenden und verbreiten und Kraft aus unserem Zusammensein schöpfen – das ist das Vermächtnis von Hans Heinz.

Wir werden in seinem Sinne weiterkämpfen.

Theorie&Praxis - Arbeitskreis: Sozialismus in Wissenschaft und Politik