Tottenham brennt
London: Augenzeugenbericht der Ereignisse in Tottenham/Großbritannien
von Reuben Bard-Rosenberg; übersetzt von Jens-Torsten Bohlke
Es war am 6. August 2011 um 22 Uhr, als ich an einer Barrikade der Polizei südlich der Polizeistation von Tottenham ankam. Dort traf ich auf eine Menschenmenge von ca. 500 Leuten aller Altersklassen. Die meisten Menschen waren wütend. Einige Menschen waren Schaulustige. Andere Menschen wollten einfach nur nach Hause kommen.
23 Uhr / An der Polizeikette von Tottenham
An der Polizeikette kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ein paar Mädchen mit Ghana-Flaggen mußten die Straße hinauf gehen. "Meinst du, daß uns die Polizei durchläßt, wenn wir sie darum bitten?", fragte eines der Mädchen. "Wenn wir da raufgehen, dann schlagen die uns nieder", antwortete ihre Freundin.
Bis Mitternacht passierte somit nicht viel auf unserer Seite der von Polizeiposten gezogenen Barrikade. Aber die Lage war doch spürbar angespannt. Unterdessen stieg auf der anderen Seite der Barrikade Rauch auf. Kurz darauf sahen wir riesige Brände hinter den Polizeiketten. Ein Postamt und ein Doppeldecker-Bus brannten dort nieder.
24 Uhr / Brennende Barrikaden
Einige Freunde zogen mit mir los. Wir gingen ein paar Seitenstraßen hinunter und wollten zur anderen Seite hinter den Polizeiketten gelangen. An der Ecke von Bruce Grove und Tottenham High Road hatten sich die demonstrierenden Leute völlig im Griff. Polizeiketten, die nun südlich von uns standen, wurden nach Mitternacht dort ständig beworfen. Die Luft war voller Rauch. Als die Polizei vorstieß, reihten einige Jugendliche rasch Mülltonnen auf und bauten daraus eine brennende Barrikade. Dabei holten sie immer mehr Mülltonnen von der Bruce Grove. "Geht nicht zu The Farm", sagte ein Mann und meinte damit das Broadwater Farm - Gebäude, wo es zu ähnlichen Auseinandersetzungen in den frühen 80er Jahren gekommen war. Derweil wurde von Randalierern ein William Hill - Wettbüro zerschlagen.
Die Menschenmenge auf den Straßen war immer noch ein buntes Gemisch. Jetzt waren es allerdings vor allem junge Männer und Frauen. Einige wollten gegen die Polizei losschlagen. Andere wollten ihre Unterstützung zeigen. Zahlreiche Schaulustige und Anwohner wollten einfach nur sehen, was da abging. Ein paar Häuserblöcke weiter war die High Road durch eine riesige Barrikade in zwei Teile getrennt. Die Angriffe der Polizei wurden immer stärker, andererseits griffen die großen Brände in der Fläche immer stärker um sich.
Brandnacht in Tottenham
Wir sprachen mit einer Gruppe von Frauen außerhalb ihres Hauses. Sie fanden es überhaupt nicht in Ordnung, die kleinen Geschäfte in Brand zu setzen, weil ja "diese Leute sehr hart arbeiten". Andererseits meinten sie, daß die Polizei jetzt bekommen würde, was sie längst verdient hat. Und sie freuten sich über eine Frau mittleren Alters, die ein riesiges Huhn aus dem Aldi geplündert hatte. In der Tat war es so, daß ich die ganze Nacht hindurch keine direkte Verurteilung der Ausschreitungen von den Anwohnern oder Schaulustigen zu hören bekam.
Tottenham hat nichts mehr zu verlieren
Im sozial ungleichsten Stadtteil Großbritanniens randalieren die Jugendlichen nicht aus Spaß. Armut und Chancenlosigkeit sind die tieferen sozialen Ursachen hinter dem öffentlichen Wutausbruch in Tottenham in diesen Tagen, so Elly Bad*censored*.
Tottenhams Parlamentsmitglied David Lammy sagte am Sonntag, daß das Viertel "sich das Herz herausgerissen hat" durch "gewissenenlose Menschen". Einerseits ist dies völlig wahrheitsgemäß: gewissenlose Politiker setzen drakonische Sparmaßnahmen durch und haben das Herz aus einem Viertel gerissen, welches seit Jahrzehnten in Rassismus und sozialer Ungleichheit erstickt.
Viel hämische Freude kam auf, als Anwohner Plünderungen von Kosmetik- und Lebensmittelläden anschauten. Gelächter gab es über das Foto jener grinsenden Frau, die nachts ein Brathähnchen vom Aldi hochhält. All jene jedoch, die da voller Verachtung für die Menschen vor Ort sind, die gerade mal jetzt nachts mit ihren Einkaufswagen durch Rauch und Schutt steigen, sollten zweimal nachdenken: Haringey hat die vierthöchste Rate an Kindersterblichkeit in London, dort leben 22% der Alleinerziehenden von weniger als 134 Pfund pro Woche. Haben diese Menschen die Gelegenheit, sich mit Windeln und Toilettenpapier einzudecken, dann ist dies für diese Anwohner eine sinnvolle Sache, denn wenn der Winter kommt, können sich einige Familien so sogar leisten, ihre Wohnung zu heizen.
Dies ist die Realität, wenn Menschen nichts mehr zu verlieren haben. Dies ist die Realität, die Jugendliche dazu führt, mit Benzinbomben Supermärkte anzuzünden, Polizeiwagen niederzubrennen, Sprengkörper und Steine und Flaschen auf Einsatzkommandos der Polizei zu werfen, brennende Barrikaden zu errichten - und dies auch noch alles ohne Furcht zu tun.
Lange aufgestautes Mißtrauen in die Polizei trug zur Furchtlosigkeit der jungen Tottenhammer bei. 1985 führte der Tod der 49 Jahre alten Cynthia Jarrett bei einer polizeilichen Razzia zu Ausschreitungen am Tottenham's Broadwater Farm - Gebäude und den Tod des Polizeibeamten Keith Blakelock. Die Anwohner benutzten Benzinbomben, Steine, Gewehre und brennende Barrikaden in Reaktion auf rassistische Angriffe auf ihr Viertel. 26 Jahre danach bieten die Tode von Jean Charles de Menezes, Smiley Culture und Mark Duggan eine schon vertraur zu nennende Kulisse für ein sehr ähnliches Geschehen.
Wer letzte Nacht die Tottenham High Road runtergelaufen ist, hatte es unglaublich schwer, jemanden zu entdecken, der die Randale verurteilt. Die bürgerlichen Konzernmedien gaben ihr Bestes, um nach endlosen Versuchen irgendwo doch noch einen verängstigten Anwohner aufzuspüren, der sich "unsicher" fühlt. Gegen 3 Uhr früh sprach ich mit einer Familie von 5 Leuten außerhalb ihrer Eingangstür, unter denen die Mutter sich an die Ausschreitungen vom Tottenham Broadwater erinnerte. Auch wenn sie sich über die Folgen der Plünderungen kleiner ortsansässiger Geschäfte beklagten, so war die Trauer dieser Familie um den Verlust von Mark Duggan als Freund dieser Menschen weitaus größer und wurde herb darüber gescherzt, daß beim Aldi ein Randale-Sonderpreis vermißt werden würde. Die alte Großmutter der Familie machte sich dann auf den Weg nach Hause auf der anderen Seite von Tottenham. Auf einen Weg durch Barrikaden und Polizeiketten. Die Kamerateams versteckten sich verschämt hinter den Polizeiposten nahe Seven Sisters. Dies ist ein Stadtteil mit einer langen Geschichte und einem guten Gedächtnis und einer wirklich 'großen Gesellschaft'. Die Anwohner stehen zusammen, furchtlos und vielschichtig. Sie stehen zusammen gegen einen Staat, der ihnen Schmerzen zufügt, durch den sie unter Diskriminierung leiden. Und all dies seit Jahrzehnten.
Die um sich greifenden Ausschreitungen des Samstags von der Gegend um die Tottenham High Road bis hin nach Wood Green und am Sonntag bis Enfield Town betrifft Gegenden, die von den drastischen Kürzungsmaßnahmen schwerwiegend betroffen sind und zu den ärmsten Verwaltungsbezirken Londons zählen. Verfolgt man enfield, woodgreen und tottenham auf Twitter sowie den Counterfire live blog, dann erhält man ständig Updates.
Quellen:






