Werner Pirker: Failed state

Leichen pflastern US-Rückzugsweg
In dem durch den Abzug der US-Truppen entstandenen Machtvakuum bringen Selbstmordattentäter serienweise ihre Bomben zur Explosion. Allein am Mittwoch belief sich die Opferbilanz im Irak auf mindestens 43 Tote und über 120 Verletzte. Bevorzugtes Ziel der Terrorbrigaden sind die einheimischen Sicherheitskräfte. Der (selbst)mörderische Nihilismus birgt durchaus eine politische Botschaft in sich. Die von ihren Urhebern allein gelassene irakische Staatsmacht soll in ihrer ganzen Erbärmlichkeit bloßgestellt werden. Das Scheitern des amerikanischen »Nation building«-Projekts im Irak – die Zerstörung eines bestehenden Nationalstaates und sein US-Vorgaben folgender Neuaufbau – ist offenkundig. Die Eile, mit der die US-Einheiten noch vor Ablauf des auf den 31. August festgelegten Termins das Zweistromland verlassen haben, hinterläßt den Eindruck einer Flucht.
Nach uns die Sintflut. Die Besatzer lassen einen gescheiterten Staat (failed state) zurück. Nicht einmal die Geduld, die Regierungsbildung in Bagdad abzuwarten, wurde noch aufgebracht. Seit Monaten betreiben die säkularen, um eine Einbindung der Sunniten bemühten Kräfte auf der einen und der schiitische Block auf der anderen Seite eine Politik der gegenseitigen Blockade. Was sich vorerst noch wie ein eher harmloser Konflikt innerhalb der Pro-Besatzungskräfte ausnimmt, könnte sich leicht zur künftigen Hauptfrontlinie entwickeln. Das würde bedeuten, daß die eher säkular orientierten Kollaborateure der ersten Stunde sich mit dem sunnitisch-baathistischen Block, der die erste Welle des antiimperialistischen Widerstandes getragen hatte, in einer gemeinsamen Allianz wiederfänden. Ihnen gegenüber stünden die schiitischen Gruppierungen. Während erstere das prowestliche Lager bilden würden, kämen letztere an einem engen Bündnis mit dem Iran wohl kaum vorbei. Schon jetzt kann sich Teheran als der eigentliche Sieger im Krieg um den Irak wähnen.
Dieser unter verlogenen Vorwänden entfesselte Krieg hat mindestens einer halben Million Irakern das Leben gekostet. Allein die Tatsache, daß die US-Aggressoren ihre eigentlichen Kriegsziele, die Eroberung der Herrschaft über das irakische Öl und den Ausbau des Irak zu einer Bastion der Pax Americana im »Greater Middle East« grandios verfehlt haben, läßt den Ausgang dieses Krieges in einem positiven Licht erscheinen. Sofern er mit dem Abzug der Invasoren tatsächlich zu Ende gehen sollte. Während ihres siebenjährigen Aufenthaltes haben die Besatzer alle Varianten des Teile und Herrsche ausprobiert. Indem sie zuerst den bis dahin benachteiligten Schiiten zu einer Vorherrschaft verhalfen, den kurdischen Nationalismus gegen den arabischen in Stellung brachten, um schließlich einen Strategiewechsel zugunsten der Sunniten und der früheren Machteliten zu vollziehen. Geschlagen ziehen die US-Truppen von dannen. Doch wer wird siegen?






