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Gegen den Anschluß

Vor 20 Jahren folgten 20000 Menschen dem Aufruf zu einer Demonstration für eine unabhängige DDR in Berlin
Herbst 1990 auf dem Alexanderplatz in Berlin: Späte Einsicht
Foto: Ingrid Berg
Wir dokumentieren Auszüge aus dem »Berliner Aufruf«, mit dem für den 17. März 1990 zu einer Demonstration in Westberlin gegen die »Wiedervereinigung« mobilisiert wurde. Unter den zahlreichen Unterzeichnern waren Rechtsanwalt Klaus Croissant, die Schauspielerin Hanne Hiob-Brecht, der Spanienkämpfer Fritz Teppich, die Journalisten Till Meyer, Wiglaf Droste, Dirk Schneider und Maria Kniesburges, der Historiker Karl-Heinz Roth, der AStA der Freien Universität Berlin, der Journalist Karl Eduard von Schnitzler, Thomas Ebermann, Rainer Trampert, der Journalist Detlef zum Winkel, die Abgeordnete im Europaparlament Dorothee Piermont (Regenbogenfraktion), der Arzt Michael Venedey, die Lehrerin Laura von Wimmersperg, der Journalist Horst Tomayer und Bernd Görs (Neues Forum)

Was in der DDR unter den Rufen »Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden« auf Kirchentreppen begann, hat in der Parole »Freiheit statt Sozialismus« sein Ende gefunden. Die Leipziger Freiheitshelden des demokratischen Aufbruchs bringen nun auf ihren in Bonn gedruckten Flugblättern jene Parole unter das »einig Volk«, mit der hierzulande Kritiker diffamiert und mundtot gemacht werden sollen. »Freiheit statt Sozialismus«, das heißt in der BRD noch immer: Berufsverbote per Radikalenerlaß, KPD-Verbot, Durchleuchtung, Speicherung und Verfolgung kritischer BürgerInnen mittels des Gesinnungsparagraphen 129a, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Grundstücksspekulation, Aussperrung und Aushöhlung des Streikrechts, sechs Millionen Menschen in Armut. Dies die Kosten einer »Freiheit statt Sozialismus«.

Beklatscht und bejubelt wird der Umbruch in der DDR als »friedliche Revolution« — stattgefunden hat jedoch ein Salto rückwärts zur kapitalistischen Hackordnung. (...)

Der Zusammenbruch des »Großdeutschen Reichs« 1945, die Teilung Deutschlands und die Errichtung des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden war das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Es war ein Schlag gegen das Bank-, Finanz- und Industriekapital, das 1933 Hitler und die Nazis an die Macht brachte. Krupp, Thyssen, Flick, Daimler-Benz und Co, sie alle sind verantwortlich für die Verbrechen des Nationalsozialismus, für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, der Europa in Schutt und Asche legte. (…) Von den Kräften, die die Konsequenz aus diesem Grauen bis heute nicht zu tragen gewillt sind, wird die Teilung Deutschlands und die Errichtung eines antifaschistischen Staates seit dessen Bestehen als »Unrecht« bekämpft – seit 40 Jahren mit dem Ziel der nun bevorstehenden Einverleibung.

Unter bundesdeutschen Flaggen wird Montag für Montag in Leipzig als ein »Befreiungsschlag gegen den Sozialismus in der DDR« gefeiert, was sich als real existierender Kapitalismus bitter rächen wird. Dies gilt ungeachtet unserer Kritik an den Fehlern des real existierenden Sozialismus. Soziale Errungenschaften, die bisher wie selbstverständlich schon zum DDR-Alltag gehörten, werden jetzt für das kapitalistische Ellenbogenprinzip aufs Spiel gesetzt. ( ...)

Seit ihrem Bestehen ist die DDR dem ökonomischen und propagandistischen Druck der BRD ausgesetzt. Zur Reparation der Schäden des Zweiten Weltkrieges haben beide deutsche Staaten an die Siegermächte 101 Milliarden DM bezahlt. 99 Milliarden davon zahlte die DDR. Die BRD stahl sich mit einer Zahlung von lächerlichen zwei Milliarden aus der Verantwortung. Darauf und auf den Milliarden aus dem Marshallplan baute die BRD ihr Wirtschaftswunder auf. (...)

Die BürgerInnen der DDR fordern wir auf: Am 18. März keine Stimme den Anschlußparteien.

Junge Welt; 17.03.2010

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