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Cristina Fischer: Die Mumifizierung der Hausfrau

»Herdprämie« oder Zentralküche? Die unbezahlte Hausarbeit im Fokus linker feministischer Diskussionen von August Bebel bis Frigga Haug
Wie viele Millionen braver Hausmütterchen verkochen und verscheuern ihren Lebensmut, ihre Rosenwangen und Schelmengrübchen im Dienste der häuslichen Sorgen, bis sie runzlige, vertrocknete, gebrochene Mumien geworden sind. Die ewig neue Frage: ›Was soll heute gekocht werden‹, die immer wiederkehrende Notwendigkeit des Fegens und Klopfens und Bürstens und Abstäubens ist der stetig fallende Tropfen, der langsam, aber sicher, Geist und Körper verzehrt.« Eine beeindruckende Anklage der Hausarbeit! Formuliert hat sie der ehemalige preußische Offizier Gerhard von Amyntor (d.i. Dagobert von Gerhardt) in seinem 1876 erschienenen Buch »Randglossen zum Buche des Lebens«. Der Sozialdemokrat August Bebel zitierte sie in seinem epochalen Werk »Die Frau und der Sozialismus«, das vor 130 Jahren, im Februar 1879, erstmals erschien – und kam dann allerdings zu anderen Schlüssen als der konservative Autor, der den heimischen Herd zu Ehren der ihm geopferten Frauen wie einen Altar »heiligsprechen« wollte.

Heute scheiden sich die Geister an den ab 2013 geplanten, als »Herdprämie« kritisierten Zuschüssen für Eltern – zumeist natürlich Mütter –, die ihre Kinder bis zu drei Jahren zu Hause betreuen wollen oder müssen. Derartige und weitergehende Forderungen wurden und werden hauptsächlich von konservativen Parteien wie CDU/CSU, aber auch von Christa Müller in der Partei Die Linke vertreten. Die Diskussion über die Entlohnung von Hausarbeit war allerdings früher eine Spezialität der linken Frauenbewegung.

Her mit der Kohle!

In den 70er Jahren brachte die Italienerin Mariarosa Dalla Costa, die auch die erste feministische Organisation der außerparlamentarischen Opposition, »Lotta feminista«, gründete, mit ihrem Aufsatz »Die Frauen und der gesellschaftliche Umsturz« (1972, deutsch 1973) die sogenannte Hausarbeitsdebatte in Gang. Sie versuchte zu beweisen, daß Hausarbeit Mehrwert schaffe, ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Produk­tionsweise sei und daher bezahlt werden müsse. Sie wollte so die Hausfrauen in die Arbeiterklasse und in den revolutionären Kampf einbinden. Den Zusammenschluß von Hausfrauen und deren Rebellion, zum Beispiel in Form von Streiks, sah sie als entscheidenden Faktor an, um das kapitalistische System umzustürzen. Illusorische Vorstellungen, die auch innerhalb der Frauenbewegung auf Kritik stießen.

Die französische Soziologin Christine Delphy, Mitbegründerin des »Mouvement de Libération de la Femme« (MLF) und der Zeitschrift Nouvelles questions féministes, legte ihre feministischen Grundpositionen in ihrem Werk »Der Hauptfeind« (1970) dar. Sie stellte fest, daß die von den Frauen geleistete Hausarbeit in den ökonomischen Analysen des Kapitalismus meist vernachlässigt wird. 2004 schrieb sie in einem Aufruf in der Zeitschrift Le Monde diplomatique: »Die offenkundige Ungleichheit zwischen Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt stützt sich auf die Ausbeutung der Hausarbeit der Frauen, die von ihnen zu 90 Prozent geleistet wird.« Diese Ausbeutung sei Teil der Grundstruktur des sozialen Systems wie die Gliederung in soziale Klassen. Die Aufteilung der Hausarbeit scheine zwar das Resultat interindividueller Verhandlungen der Paare zu sein, doch in Wirklichkeit verberge sich dahinter die patriarchalische Organisation der Gesellschaft.

In der Bundesrepublik prägte die Soziologieprofessorin Maria Mies, heute Mitglied von ATTAC, Ende der 70er Jahre den polemischen Begriff »Hausfrauisierung«, der die strukturelle Entwertung weiblicher Arbeit im Kapitalismus, aber auch Kolonialpolitik und Neokolonialismus in der »Dritten Welt« umfaßt.

Theorieansätze moderner, sich auf Marx beziehender Feministinnen werden in dem von Frigga Haug herausgegebenen »Historisch-kritischen Wörterbuch des Feminismus« deutlich. Darin sind den Stichworten »Hausarbeit«, »Hausfrau« und »Hausfrauisierung« umfangreiche Kapitel gewidmet. Haug hat sich ausgehend von der Marxschen Theorie grundsätzlich mit dem Verhältnis von Produktions- und Reproduktionsverhältnissen auseinandergesetzt. Sie meint, »daß die Geschlechterverhältnisse immer auch Produktionsverhältnisse« seien.

Sozialistische Alternative

Eine andere Position vertrat die US-amerikanische Bürgerrechtskämpferin Angela Davis. Sie widmete der Hausarbeit das 13. und letzte Kapitel ihrer 1981 erschienenen Publikation »Women, Race and Class« (dt. »Rassismus und Sexismus. Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA«, 1982). Bei der Hausarbeit handele es sich um nicht profitable Arbeit in oft primitiver Form, die daher im Kapitalismus als minderwertig gelte und zumeist von Frauen erledigt werde. Davis setzt sich auch mit der Forderung nach Bezahlung auseinander, wobei sie sich namentlich auf Dalla Costa bezieht, der sie energisch widerspricht. Zum einen sei der Kapitalismus nicht von der Hausarbeit abhängig, zum anderen würde auch eine Entlohnung nicht ihren unterdrückenden und erniedrigenden Charakter kompensieren.

Die Hausarbeit solle »von der industriemäßigen Wirtschaft übernommen« und von »Teams von ausgebildeten und gut bezahlten Arbeitern, die von Wohnung zu Wohnung ziehen«, ausgeführt werden. Dafür seien umfangreiche staatliche Subventionen vonnöten. Letztlich hält sie eine Vergesellschaftung der im Haushalt anfallenden Aufgaben erst im Sozialismus für möglich. »Die einzig sichtbaren Schritte zu einer Beendigung der Haussklaverei« seien in den sozialistischen Ländern getan worden, schließt Davis.

Rezept Auslagerung

Marxistische Feministinnen haben immer auf eine Auslagerung der Hausarbeit in den öffentlichen Sektor orientiert, wie sie bereits von August Bebel in »Die Frau und der Sozialismus«, später unter anderem von Lenin und Alexandra Kollontai, propagiert wurde. Zentralheizung, Wäschereien, Zentralküchen, Nutzung der Elektrizität im Haushalt – fast alles, was Bebel Ende des 19. Jahrhunderts angepriesen hatte, und viele technische Errungenschaften, die er sich nicht einmal hätte vorstellen können, sind heute in den westlichen Ländern Standard – ohne daß das Problem der auf den Frauen lastenden Hausarbeit dadurch gelöst werden konnte.

Schon Betty Friedan hatte bei ihren Studien zur Situation US-amerikanischer Hausfrauen der Nachkriegszeit (»Der Weiblichkeitswahn«, 1963) herausgefunden, daß der technische Fortschritt nicht zu einer Beendigung, sondern nur zu einer Verfeinerung der »Haussklaverei« führt. Hausfrauen werden nun von Werbeprofis als »Expertinnen« umschmeichelt und trickreich zum Kauf von immer neuen Haushaltsgeräten, Reinigungsmitteln und Konsumgütern animiert.

Die historischen Erfahrungen zeigen, daß die Hausarbeit im Sozialismus ebenfalls noch zumeist Frauensache blieb, wenngleich es im Laufe der Jahrzehnte zu Verbesserungen kam. Das Problem der Doppelbelastung wurde in der DDR immer wieder angesprochen, etwa in dem repräsentativen Band »Die Frau im Sozialismus« von Marlis Allendorf, der im Internationalen Jahr der Frau 1975 erschien.

Kürzlich hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) offengelegt, daß Frauen bei uns nach wie vor mehr im Haushalt gefordert sind als Männer – und daß sie dadurch in ihrer beruflichen Karriere behindert werden. Die ungerechte Verteilung der Hausarbeit bleibt also weiterhin ein Stein des Anstoßes und ein Motiv für feministische Kämpfe. Feministinnen können sich dabei auch auf den alten Bebel berufen: »Die Entwicklung unseres sozialen Lebens geht nicht dahin, die Frau wieder ins Haus und an den Herd zu bannen, wie unsere Häuslichkeitsfanatiker wollen (...), sondern sie fordert das Heraustreten der Frau aus dem engen Kreise der Häuslichkeit und ihre volle Anteilnahme an dem öffentlichen Leben (...) und an den Kulturaufgaben der Menschheit.«


* Cristina Fischer studierte Slawistik, Romanistik und Pädagogik und ist als freie Journalistin und Publizistin tätig. Inhaltliche Schwerpunkte ihrer Arbeit: Feminismus und Frauenbiographien, insbesondere von DDR-Künstlerinnen, Antifaschismus; langjährige jW-Autorin. Veröffentlichungen u.a. in Z-Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Marxistische Blätter, Wir Frauen sowie bei FemBio Frauen-Biographieforschung e.V. (www.fembio.org)
Junge Welt; 23.12.09

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