Dieter Kraft: Wie Wissen wird
Der entkettete Knecht. Philosophische Perspektiven auf Brecht und Hacks und Hegel (Teil 1)
Mit Witz und Methode: Brecht und Hacks – zwei Blicke auf Hegel
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Unter dem Motto »Gute Leute sind überall gut. Hacks und Brecht« fand am 6. und 7. November in Berlin die zweite wissenschaftliche Tagung zu Leben und Werk von Peter Hacks statt. Wir veröffentlichen im folgenden den Vortrag von Dr. Dieter Kraft, Theologe und verantwortlicher Redakteur der Halbjahresschrift Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie. Dieser Text und die anderen Materialien der von der Peter-Hacks-Gesellschaft veranstalteten Tagung werden im kommenden Jahr im Aurora Verlag, Berlin, publiziert.
Der entkettete Knecht. Philosophische Perspektiven auf Brecht und Hacks und Hegel (Teil 2 und Schluß)
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
mein Beitrag hat mehrere Probleme. Das erste davon bin ich selber, denn warum ich als Theologe eingeladen wurde, über die philosophischen Beziehungen von Brecht und Hacks zu Hegel zu referieren, kann ich mir nur mit der Assoziation »Götterolymp« erklären. Hilfsweise vielleicht noch mit Brechts und Hacks’ ungewöhnlich konsistenter Bibelhaftung.
Und schon meine erste Frage, die noch relativ harmlos ist und eher historischer als systematischer Natur, kann ich nicht genau beantworten. Nämlich die Frage: Welchen Hegel lesen die – Brecht und Hacks? Natürlich den ganzen Hegel – wiewohl Hanns Eisler der hohen Meinung war, Brecht habe über einen solchen Scharfsinn verfügt, daß es ihm gegeben war, stets nur das zu lesen, was er für seine Arbeit brauchte.1
Und irgendwann brauchte er Hegels »Phänomenologie« und die »Ästhetik« und auch die »Philosophie der Geschichte«, dieses für ihn so »unheimliche Werk« (BW 26, 330)2. Und spätestens im »Fatzer« (1926 ff.) ist Hegel ja auch präsent – mit Marx und Lenin und nicht nur mit dem Stichwort »dialektische Tragik« (BW 10.1, 468). Aber man kann sich auch irren. Als Ernst Schumacher an seiner Dissertation über Brechts frühe Stücke arbeitete und Brecht begeistert vortrug, daß dieser in »Dickicht« (1921/22 ff.) die »idealistische dialektik hegels« »nachgeholt« hätte (BW 27, 339), notierte Brecht in sein Arbeitsjournal: »dabei kannte ich (...) keine zeile von hegel« (ebd.). Also irgendwann zwischen 1923 und 1926 dürfen wir den Hegel bei Brecht als Arbeitslektüre ansetzen. Und wie das bei Hacks aussieht, werden wir bald von André Thiele erfahren.
Ganz unwesentlich sind solche Datierungen ja nicht, denn sie spielen hinein in die übergreifende Frage, wie die beiden den Hegel lesen. Vermittelt oder unvermittelt? Prima vista oder mit Präjudiz, von Marx – und auch von Engels, was ja noch etwas anderes wäre. Auch Lenin müßte bedacht sein, auch mit seiner Überzeugung: Nur wer den Hegel verstanden hat, kann auch den Marx richtig verstehen3.
Aber nun könnte es auch schon kompliziert werden. Sich Hegel von Marx erklären zu lassen, Marx aber ohne Hegel nicht richtig verstehen zu können – da scheint schon ein handfester Widerspruch auf. Und Hegel wär’s zufrieden. Denn ohne Widerspruch geht bei ihm bekanntlich gar nichts. Er könnte sich auch nicht vorstellen, so gänzlich unvermittelt gelesen zu werden. Es würde sein System verletzen, zu dem die Kategorie der Vermittlung schon im Ansatz gehört. Und so bleibt die Frage: Wer wem?
Durch alles hindurch
Für Hegel ist ja Vermittlung ein Gedankenkonstrukt, das zwar auf die Wirklichkeit zielt und aus ihr erwächst, aber als systematische Kategorie notwendigerweise abstrakt bleiben muß. Auf Vermittlungen läßt sich nicht mit dem Finger zeigen. Ebensowenig, wie sich Widersprüche einfach lösen lassen. Die müssen schon aufgehoben werden. Und selbst dann sind sie nicht einfach weg.
Vermittlung, Widerspruch, Aufhebung – wir stecken schon mitten in der Hegelschen Philosophie, obwohl von der eigentlich noch gar nicht die Rede war. Jetzt fehlt nur noch der Geist, und wir könnten das erste Kapitel schon abschließen. Aber vielleicht ist doch eine Nachbetrachtung vonnöten, Hegel betreffend im Ensemble einer Philosophiegeschichte, die sich über die Jahrtausende formiert hat und längst noch nicht kulminiert. Das wird sie erst am Ende aller Tage. Aber bis dahin werden Vergewisserungen nachgefragt sein. Schließlich geht es in der Philosophie um das Leben selbst – von oben betrachtet.
Das jedenfalls meinten jene, für die man später das Etikett »Idealismus« drucken ließ. Großartige Leute, wie man schon an Platon überprüfen kann. Wir sitzen in einer Höhle und staunen, daß wir nicht nur staunen können, sondern schattenhaft sogar die Welt erkennen in ihrem großen Ganzen. Ein unglaublich eindrucksvolles Geschehen, nur erklärbar dadurch, daß uns Erkenntnisideen irgendwie angeboten werden, von wem auch immer – oder eingeboren, wie auch immer. Oder im Kopf einfach hergestellt. Ich spreche im Zeitraffer und nenne keine Namen zwischen Platon und Kant.
Nun gab es aber schon immer auch Leute, die es in Höhlen nicht aushielten und denen bloße Schatten- oder Transzendentalerkenntnis nicht ausreichte. Die schauten sich die Welt erst mal von unten an. Und dann sahen sie, daß alles irgendwie fließt und immer in Streit und Bewegung ist, und daß man nicht weiß, wie man den Vogel im Fluge zeichnen soll, und daß die Erde ziemlich hart ist und wohl aus kleinen Teilchen besteht. Und nachdem der Materialismus geboren ward, zog sich der Widerstreit durch die Geschichte. Ich kürze wieder ab und sage: Bis Hegel kam. Der nämlich läßt diese Alternativität nicht gelten.
Auch bei Hegel spielt sich alles oben im Kopf ab. Wo denn auch sonst. Wenn wir auf einen empirisch nicht verifizierbaren Gesamtzusammenhang, also auf Totalität aus sind, dann kann man sich nicht vom Kopf auf die Füße stellen. Man kann Totalität nur denken, als Begriff, als Kategorie, als System. Aber jetzt kommt das für Hegel Besondere. Er fragt nämlich nicht »Was kann ich wissen?«, sondern Hegel fragt danach, wie Wissen wird. Das »Werden« ist sein großes Thema – und in ihm verbindet sich nun der Blick von oben mit dem Gewordensein von unten. Die »Phänomenologie des Geistes« hat es mit der Natur und mit der Geschichte und überhaupt mit allem zu tun. Denn das Denken entwickelt sich, durch alles hindurch. Und es entwickelt sich im Algorithmus des Widerspruchs, in steter Bewegung der Aufhebung von These und Antithese; und Synthese darf sich nur nennen, was bereits den nächsten Widerspruch gebiert. Und zu alledem und dieses noch ganz prinzipiell: Alles ist zugleich und überhaupt in seinem Gegenteil.
Das alles ist bekannt, und doch läßt man sich immer wieder faszinieren von der unglaublichen Kraft dieser Systematik, die selbst den Kern der Subjekt-Objekt-Spaltung überwindet, weil das Wahre eben das Ganze ist.
Geist und Materie
Auch Marx und Engels waren fasziniert, und dann auch Lenin. Wiewohl eingeschränkt. Doch diese Einschränkung hat es in sich – und sie hatte zur Folge die wiederum folgenreiche Vorstellung, daß sich bei Hegel System und Methode separat beerben ließen. Selbst Lukács und Bloch kamen an dieser Dichotomie nicht vorbei, die von Marx postuliert wird, weil er die brillante Hegelsche Dialektik von dem vermeintlich konservativsten philosophischen System (vgl. Marx/Engels Werke, MEW 2, 203 f.) entbunden wissen will. Das muß er auch, jedenfalls nach Maßgabe seines Hegelverständnisses. Und das kommt zu sehr harten Urteilen: Hegel wolle in seiner »Phänomenologie« »beweisen, daß das Selbstbewußtsein die einzige und alle Realität« sei (MEW 2, 204).
Liest man Hegel nicht mit Marx, dann kommt man womöglich zu dem umgekehrten Urteil. Denn Hegel will doch gerade zeigen, daß im Selbstbewußtsein »alle Realität« versammelt ist, daß es Selbstbewußtsein gar nicht gäbe ohne die vorlaufende Entwicklung in Natur und Geschichte. Selbstbewußtsein ist nicht einfach da, es kommt her, und es hat keinen anderen Logos als den, der ihm voraus ist. Und keineswegs ist bei Hegel »der Denkprozeß (...) der Demiurg des Wirklichen« (MEW 23, 27) Im Gegenteil. Der Denkprozeß findet in der Wirklichkeit seinen Demiurgen, die Dialektik des Seins konstituiert das Bewußtsein des Dialektischen.
Engels war in seiner »Dialektik der Natur« (MEW 20, 305 ff.) ganz nahe dran, diese genuin Hegelsche Erkenntnis aufzunehmen, um Hegel letztlich aber doch vorzuhalten, er habe die »Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyiert« (MEW 20, 348), und »die Dinge und ihre Entwicklung« seien bei ihm nur »die verwirklichten Abbilder der irgendwie schon vor der Welt existierenden ›Idee‹« (MEW 19, 206). Das kann man von Platon, aber doch nicht von Hegel behaupten.
Für Hegel ist der sogenannte Geist ja keine von der objektiven Realität losgelöste, sondern eine sie bestimmende Kategorie. Eine Kategorie, die die allgemeingültigen Prinzipien des Seins in seiner dialektischen Bewegung und also in seiner Struktur und Organisationsform repräsentiert. Und so gesehen ließe sich sogar sagen: Für Hegel ist der Geist das Organisationsprinzip der Materie. Daß dieses Betriebssystem des Seins schließlich auch das Bewußtsein und also die Struktur und Organisationsform des Denkens bestimmt und daß mit der dadurch gewordenen Identität von Sein und Denken nun vom Denken auf das Sein Rekurs genommen werden kann, genauer gesagt: auf das übergreifende Organisationsprinzip des Seins – das ist nun tatsächlich eine grandiose Erkenntnis, die sich durchaus den Satz leisten darf, in dieser erkannten Identität sei der absolute Geist zu sich selbst gekommen.
Hegels Philosophie ist eine Retrospektive des Denkens, das sich in seinem Gewordensein erkennt und sein Werden als Geschichte entdeckt, die mit der Natur anhebt.
Höher läßt sich vom Denken und also vom Menschen nicht reden – aber wohl auch nicht bescheidener. Denn alle Intelligibilität muß nun auf die stolze Behauptung einer autonomen Subjektivität verzichten.
Daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, ist lediglich ein Derivat der Hegelschen Erkenntnis, daß es kein entbundenes Bewußtsein gibt.
Bewegung denken
Das nun ist freilich ein unglaublich hoher Standpunkt, der eine Weltsicht bietet, in der sich Freiheit völlig neu bestimmt, auch weil der Widerspruch von Hause aus ein Wohnrecht hält, das von oben eingesehen werden kann.
Dieser Perspektive haben sich Brecht und Hacks bemerkbar unterschiedlich akkommodiert. Vielleicht nicht gegensätzlich, wohl aber unterschieden in der Wahl des Kontrapunkts und auch des Cantus Firmus. Geschuldet ist das nicht allein der Differenz der Zeit und ihrer Zustände. Brecht und Hacks lesen Hegel auf je ihre Weise. Natürlich auch aufgrund der Differenz der Zeit und ihrer Zustände.
Das widerspiegelt sich bereits im Zugriff auf das Angebot der Dialektik. Der ist bei Brecht geradezu spektakulär, und wir können postum begeistert miterleben, welche Faszination die Entdeckung des Dialektischen auf ihn ausübte. Aber es ist von Anfang an eine »materialistische Dialektik«, der Brechts Lob gilt. Und weil für ihn Materialismus gar nicht materialistisch genug sein kann, da man ihn, bekanntlich, muß fühlen und schmecken können (BW 26, 317), hält sich Brecht die Hegelsche Einbindung der Dialektik in den Weltlauf des Geistigen auf Distanz. Brecht liest Hegel mit Marx. In einer seiner Notizen aus den Jahren 1932/33 heißt es denn auch: »Marx, der die Hegelsche Technik übernimmt, jene geistreiche Methode, die zu so falschen Resultaten geführt hat. Während die andern, trostloses Schicksal, die Gedanken übernahmen und fortan vergeblich sich selbst zu begreifen suchten, schon deshalb vergeblich, weil sie nichts taten.« (BW 21, 566)
Über dieses Tun, über Brechts »eingreifendes Denken« ist vielerorts schon alles gesagt worden. Er selbst hat es in seinem Verständnis von Philosophie und in Transformation des Hegelschen »begreifenden Denkens« (Hegel, Werke 3, 56 f.)4 auf die bündige Formel gebracht: »Die Philosophie lehrt richtiges Verhalten.« (BW 21, 562) Auch wenn es durchaus eine »erlaubte Tätigkeit« sei, »mit dem Denken gewisse Proben anzustellen, die den Materialproben in der Technik gleichen, wo man Stahl zerreißt, um seine äußerste Festigkeitsgrenze zu erforschen« (ebd., 563). Aber letztlich seien Begriffe lediglich – aber immerhin – »die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann« (BW 18, 263).
Daß Dinge noch bewegt werden müssen, hat Hegel freilich nie bestritten, auch wenn ihm gern unterstellt wird, in seiner »Wissenschaft der Logik« habe er den Telos der Weltgeschichte verkündet. Die »Wissenschaft der Logik« schließt aber ganz anders, nämlich mit der Feststellung: »Es sind noch die zwei Welten im Gegensatze, die eine ein Reich der Subjektivität in den reinen Räumen des durchsichtigen Gedankens, die andere ein Reich der Objektivität in dem Elemente einer äußerlich mannigfaltigen Wirklichkeit, die ein unaufgeschlossenes Reich der Finsternis ist.«(Hegel, Werke 6, 544)
Brechts Transformation des »begreifenden Denkens« steht nicht eigentlich in Opposition zu Hegel, auch wenn er die »Räume des durchsichtigen Gedankens« so hoch unmöglich schätzen kann. Metaphysik ist Brechts Sache nicht. Und Hegel denkt natürlich metaphysisch – allerdings in des Wortes präziser Bedeutung, nämlich jenseits jener Kategorien, in denen Empirisches gedanklich verwaltet wird – und die deshalb niemals auf das Ganze gehen können.
Für Hegel aber ist der Begriff der Wahrheit erst eingelöst, wenn es um den »Gesamtzusammenhang« geht, um ein Wort zu benutzen, das nicht von ihm, interessanterweise aber von Marx stammt (MEW 19, 207), der übrigens auch den Begriff der »Gedankentotalität« geprägt hat (MEW 42, 36). Ein »Gesamtzusammenhang« aber ist niemals konkret. Selbst als Wort ist es eine reine Abstraktion. Und obwohl Marx ein Copyright an diesem schönen Begriff hat, Abstraktionen sind ihm eigentlich suspekt5. Und Brecht nicht minder. Die Wahrheit muß konkret sein, sinnlich und geistig erfahrbar, denn nur in der Konkretion läßt sich der Widerspruch begreifen, der den Prozeß treibt und die Dialektik in ihrer Bewegung zeigt.
Aber nun wird es schon wieder kompliziert. Denn selbstverständlich übernimmt Brecht mit Marx die Hegelsche Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, die schließlich zum Kern der Dialektik gehört. Damit aber müssen sich beide nun doch in jenes Reich der Abstraktion begeben, außerhalb dessen vom »Wesen« gar nicht gesprochen werden kann. Wesen ist immer ein Abstrahiertes, auch wenn es sich konkret definieren und also auf den Begriff bringen läßt.
Brecht hat diese Problematik gesehen. Und er hat sie theatralisch aufbereitet. Seine Verfremdungen dienen ja nicht nur einer aufklärerischen Bühnenpädagogik, er versucht, mit ihnen auch jene Herausforderung zu bewältigen, die ihm die Dialektik selbst stellt, nämlich das abstrakte Wesen der Erscheinung zur konkreten Darstellung zu bringen, ohne daß die Darstellung selbst wieder zur bloßen Erscheinung wird. Wunderbar gestaltet in der Doppelrolle der Shen Te in »Der gute Mensch von Sezuan« (1939–41), ein Paradestück, das das Wesen der Kapital-Gesellschaft in der Gestalt des fiktiven Onkels (Shui Ta) buchstäblich in Erscheinung treten läßt, ohne daß der seine Hintergründigkeit verliert.
Geborene Dialektiker
Brecht hat uns das große Vergnügen bereitet, an seiner Entdeckung der Dialektik teilhaben zu lassen. Von Hacks wissen wir da bisher weit weniger. Aber man hat ohnehin immer den Eindruck, daß beide eigentlich als Dialektiker geboren wurden. Denn sie präsentieren die »Große Methode« in einer Genuinität,die fast vergessen macht, daß doch Hegel ihr Spiritus rector ist. Aber es ist schon so: An Hegel wird niemand zum Dialektiker, dem der Witz der Dialektik nicht zu Gebote steht, von Hause aus. Denn Dialektik ist ausgesprochen komisch, weil der »gesunde Menschenverstand« mit Schlüssen konfrontiert wird, die er nicht erwartet hat. Brecht hat das in den »Flüchtlingsgesprächen« auf die Formel gebracht: »Ich habe ... noch keinen Menschen ohne Humor getroffen, der die Dialektik des Hegel verstanden hat.« (BW 18, 264) Und kurz vor dieser Stelle läßt er seinen Ziffel von der »Wissenschaft der Logik« sagen: »Es ist eines der größten humoristischen Werke der Weltliteratur« (BW 18, 263). »Den Witz einer Sache hat« Hegel »die Dialektik genannt. Wie alle großen Humoristen hat er alles mit todernstem Gesicht vorgebracht«. (ebd.)
»Wir haben ein System ...«
So listig hat Hacks wohl nie über Hegel gesprochen, und eine »Methode« war ihm die Dialektik auch nicht. Jedenfalls kein Instrument, mit dem er umzugehen gedachte, das ihm einsetzbar erschien. Entdeckerfreude läßt sich bei Hacks auch nicht ausmachen. Irgendwie ist er ohne Hegel gar nicht zu denken. Brecht ohne Goethe schon, wenn auch nicht ohne Schiller, vielleicht auch nicht ohne Luther. An Hegel läßt sich zielgenau anknüpfen, und Hegel läßt sich auch ordentlich expropriieren, unter Umständen und teilweise sogar okulieren. Hacks aber knüpft nicht an Hegel an, er gründet in ihm. Und wo er sich auf ihn beruft, da klingt das meistens so, als würde er sich auf sich selbst berufen.
Hegel hat gesagt: Erst kommt das Genre, dann die Gesellschaft. Punkt. Und von der Akademie-Prominenz der Arbeitsgruppe Dramatik ringt sich vor 27 Jahren niemand zu einem ordentlichen Widerspruch durch und fragt: Warum eigentlich? Im Ohr haben alle Hacks’ theophane Einleitung: »So wie bei einem (...) Drama die Hauptschönheit bereits in seiner Vorgeschichte liegen muß, so liegt die Hauptschönheit dieser Sitzung bereits in ihrer Vorgeschichte. Wir alle haben wieder einmal im Hegel gelesen. Ich glaube, jeder von uns hat sich gewundert, wieviel mehr der Hegel doch wußte, als wir erinnert haben, daß er wußte. Wir haben den Donner dieses Gottes der Dramatik – nicht nur der Dramatik – vernommen …« (siehe jW-Thema v. 5.7.2008).
Das nun ist freilich ein ganz anderer Ton, als wir ihn von Brecht zu hören bekommen. Schon gar kein Oberton im Flageolett, eher ein Grundton, dem sich alles zuzuordnen hat. Und dieser Grundton ruht auf einem Fundament, das mit einem Hegelschen Zentralbegriff ausgelegt ist. Und der heißt: »System«. Und Hacks sagt: »Wir haben ein System: Wir haben ein System, das vom Drama nicht weniger verlangt als alles. Wir haben ein System, das kaum etwas vergessen hat. Ich meine, es eignet sich, um uns zu ermöglichen, daß wir unsere Begriffe klären, unsere Standorte bestimmen und Vokabeln definieren...« (ebd.)
Bei einem Rhetoriker minderen Formats würde man bei soviel »System« von Redundanz sprechen. Bei Hacks aber klingt das geradezu triadisch. Im Kontext geht es um die Systematik des Dramas, die für Hegel darin bestimmt sein muß, »zur Kollision hinzustreben« (ebd.). Aber wie für Hegel so ist auch für Hacks »System« eine Schlüsselkategorie seiner Ästhetik und des Denkens überhaupt. System heißt Zusammenhang, und weil, wie Hegel sagt, »die wahre Gestalt« (Hegel, Werke 3, 14) der Wahrheit allein im begriffenen Zusammenhang existiert, trägt allein der Begriff ihre Existenz. Und also deshalb: »Begriffe klären«, »Vokabeln definieren«.
Für Hacks sind Begriffe nicht nur »Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann«. Es sind Zugänge zur Wahrheit in ihrer Geschichte, mithin also Zugänge auch zur Geschichte selbst, in der die Dinge, was denn sonst, bewegt werden müssen. Hier hat Hacks’ penibler Umgang mit dem Wort und mit der Wahrheit seinen Sitz im Leben. Und er kritisiert rücksichtslos. Auch Brecht. Weil der »Umfall des Galilei« in Brechts dritter Fassung eben nicht die Ursache dafür sei, »daß der Renaissance eine Periode der Refeudalisierung folgte«, lautet sein Urteil denn auch sehr harsch: »diese rein wissenschaftliche Unstimmigkeit reicht aus, um mir die Freude an einem so glänzend gemachten Stück ganz zu verleiden.« (HW 13, 18)6
Hacks’ Insistieren auf der ganzen Wahrheit des Begriffs und auf dem Begriff der ganzen Wahrheit ist von einer Ästhetik getragen, die in nicht weniger als im System der Weltgeschichte selbst verortet ist. Ein kleinerer Rahmen hält seinen Anspruch auch nicht aus. Aber dieser gebietet das Bewußtsein einer Gleichzeitigkeit, in der die Maßstäbe über die Jahrtausende kommunizieren.
Bezeichnend auch hier die unterschiedliche Hegel-Lektüre von Brecht und Hacks: Warum soll man nicht mit Galilei einen moralischen Imperativ verbinden, der historisch zwar nicht gedeckt ist, dem eingreifenden Denken aber Verbindlichkeit abfordert und Verantwortung, die allergrößte Dimensionen trägt? Weil die Weltgeschichte der einzige Zusammenhang ist, in dem sich der Anspruch der Ästhetik legitimieren kann! Die Maßgaben der Kunst erwachsen aus der Geschichte und schicken sich nicht in die Erfordernisse der Zeit. Es sei denn, einer Zeit, die sich ihrerseits anschickt, Geschichte im allerbesten Sinne aufzuheben.
Hegel wäre begeistert. Und genau hier setzt auch Hacks’ Verständnis von »Klassik« an, die nicht auf Weimar fixiert ist, sondern von der Maßgabe des Übergreifenden, die er freilich, wie bei keinem anderen, bei Goethe findet. »Goethe beweist, daß Kühnheit des Vorgriffs unlösbar verbunden ist mit der Kühnheit zu Rückgriffen.« (HW 13, 231) Hacks geht sogar noch weiter, denn nicht allein Kühnheit bestimmt den Rückgriff, sondern Notwendigkeit. Und ohne Adam und Eva wäre selbst diese nicht gegeben.
1 Hanns Eisler, Gespräche mit Hans Bunge. Fragen Sie mehr über Brecht, Leipzig 1975, S. 132
2 Brecht wird im Text nach der Werkausgabe zitiert (Band, Seitenzahl): Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, 1988-1998 (30 Bände)
3 Lenin, Werke 38, S. 170
4 Hegel-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl): Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971 (20 Bände)
5 auf den 20 Seiten »Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt« in Marx’ »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« (MEW, Ergänzungsband, Teil1, S.568–588) fallen 102mal die Worte »Abstraktion«, »abstrakt« – dezidiert pejorativ
6 alle Hacks-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl): Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003 (15 Bände)
Junge Welt; 29.11.09


