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Die Heilslehre von der oralen Wut

Otto F. Kernberg, Psychoanalytiker und Menschenverächter, tritt auf einem Kongreß in Köln auf. Es gibt Fortbildungspunkte von der Ärztekammer
Einer, der im Alter von zwölf Jahren die Ermordung seiner Familie im KZ miterlebt hat, verhält sich als Erwachsener gegenüber Frau und Kindern auffallend aggressiv. Diese »chronische Aggression«, psychoanalysiert Otto Friedemann Kernberg, müsse der Patient als Säugling an der Mutterbrust entwickelt und in das KZ mit hineingebracht haben. Mit solchen Weisheiten schult Kernberg angehende Psychoanalytiker. Man lernt bei ihm auch, Fragen eines KZ- oder Folteropfers – »Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht entsetzlich?« – therapeutisch korrekt zu beantworten: »Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?«

Gerühmt wird auch die Erkenntnis des Meisters, daß eine Grundschülerin den sexuellen Mißbrauch durch ihren Vater »in typischer Weise (…) als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter« erlebe; sie müsse »ihre Schuld tolerieren«.

Vor einiger Zeit nahm sich eine Pa­tientin mit der Erfahrung sexuellen Mißbrauchs in der Kindheit das Leben, nachdem sie in Kernbergs Klinik von ihrem Therapeuten sexuell mißbraucht worden war. Therapeut und Klinik wurden angeklagt. Kernbergs zynische »Analyse« des Falles: Die »antisoziale« Patientin habe ihren Therapeuten verführt. Es liege die »Transformation des Opfers in einen Täter« vor: »Sie sehen, wie sie im Tode sich noch r…[ächte], wie sie Opfer und Täter zugleich wurde.«

Eine Therapie läuft im übrigen nach Kernberg gut, wenn der Analytiker die Lust verspürt, den Patienten aus dem Fenster im 80. Stock zu werfen und dabei freudevoll zu warten, bis er unten ein leises »Plopp« hört.

All dies und mehr Unsägliches ist in dem Aufsatz »Persönlichkeitsentwicklung und Trauma« nachzulesen, der auf einem gleichnamigen Vortrag Kernbergs bei den »Lindauer Psychotherapiewochen« basiert. Bis 2008 saß Kernberg in deren wissenschaftlichem Beirat. Kurz nach diesem Vortrag wurde er 1997 zum Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) gewählt.

Wie auf einem Audiomitschnitt des Vortrags zu hören ist, bringt Kernberg sein Publikum zu grölendem Lachen, als er von der Patientin berichtet, die sich nach dem Mißbrauch durch ihren Therapeuten das Leben genommen und sich damit an ihrem Analytiker »gerächt« hatte. Der begeisterte Applaus von etwa 1000 Zuhörer/innen, der Creme der Therapeutenschaft, vermittelt die Sicherheit, hier auf Perlen psychoanalytischer Weisheit gestoßen zu sein.

Von Freitag bis Sonntag haben die ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten des Landes nun wieder einmal die Möglichkeit, Kernbergs großer Heilslehre teilhaftig zu werden. Die Anwesenheit beim Kongreß »Person – Persönlich – Persönlichkeit« wird von Ärzte- und Psychotherapeutenkammer mit zwölf Fortbildungspunkten pro Tag belohnt. »Otto F. Kernberg kommt!« beginnt die Ankündigung für die »Kölner Therapietage 2009«: »Es ist nicht übertrieben, den inzwischen 80jährigen Psychoanalytiker, Forscher, Theoretiker, Praktiker und Erneuerer als eine Legende der Psychotherapie zu bezeichnen.« Der Veranstalter, die Akademie für Verhaltenstherapie Köln, überschlägt sich vor Begeisterung: »Der Name Otto Kernberg bringt Berufskollegen dazu, in Superlativen zu sprechen. Kernberg wird als einer der führenden und einflußreichsten Denker in der Psychiatrie und Psychoanalyse angesehen und gilt als der am häufigsten zitierte Psychoanalytiker der Welt. Das Ausmaß seiner Produktivität, seines Engagements und seines Leistungsspektrums ist faszinierend. Kein großer psychotherapeutischer Kongreß, der sich nicht gerne mit seinem Namen ziert. Otto Kernberg ist mit zahllosen Auszeichnungen, Ehrungen und Titeln hoch dekoriert.«

Für kritische Psychologen ist dieses Anhimmeln ein Offenbarungseid der psychotherapeutischen Zunft. Der Name des Gurus ist der gesamten Therapeut/innenschaft geläufig. Nachfragen im Kolleg/innenkreis legen nahe, daß seine Bücher kaum jemand wirklich gelesen hat. In Kernbergs Vorträgen verbergen rhetorische Phrasen eine perfide, quasi neoliberale Menschenverachtung: Jeder Säugling bzw. jedes Kleinkind ist seines eigenen Glückes Schmied. Grundlage dieser »Theorie« ist die gläubig übernommene Doktrin Sigmund Freuds. Ihre Zuspitzung ist Kernbergs persönliche Note.

Kernberg, der 1939 mit seiner jüdischen Familie aus Wien nach Chile emigrierte und von dort 1961 in die USA, blendet sämtliche realen Leidenserfahrungen seiner Patient/innen aus. Den Ursprung von Verhaltensproblemen sucht er im diffusen Nebel unterstellter frühkindlicher Perversionen im Umkreis von »oraler Wut« (was immer das heißen mag). Die Kölner Akademie verbrämt diese Masche Kernbergs so: »Seine Weiterentwicklung der Objektbeziehungstheorie fokussiert die Qualität früher Beziehung und Bindung als grundlegend für die Persönlichkeitsentwicklung. So wurde er zum Pionier und Verfechter wissenschaftlicher Forschung, der den Versuch wagt, die Psychoanalyse aus dem Nebel persönlicher Wirksamkeitsüberzeugungen auf das Niveau evidenzbasierter Wissenschaftlichkeit zu heben.«

Ein sexuell mißbrauchtes kleines Mädchen hat seine Schuld zu tolerieren. Ein KZ-Aufenthalt ist unproblematisch gegen das Säuglingsverhalten an der Mutterbrust. So etwas gilt als »wissenschaftlich« und »evidenzbasiert«.

Von Klaus Schlagmann, Diplompsychologe in Saarbrücken [junge welt; 31.10.09]