Hans Heinz Holz: Stoßrichtung Kant
Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft: »Vom Standpunkt des modernen Materialismus, das heißt des Marxismus, sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt, unbedingt aber ist, daß dieses Bild ein objektiv existierendes Modell wiedergibt.« (Lenin)
Wir lesen Lenin heute anders als vor 100 Jahren. Damals stand der Kampf gegen den Positivismus an, der als eine Form des Revisionismus den Marxismus infiltrierte. Die Formen revisionistischer Ideologie haben sich seitdem häufig geändert. Lenin selbst ist auf den Empiriokritizismus nicht mehr zurückgekommen. Das war erledigt. Nicht aber der Revisionismus, der in vielen Spielarten politisch und philosophisch die Grundlagen des Marxismus aushöhlt und mit dem die Auseinandersetzung nicht aufhören kann. Deren philosophischen Wurzeln, aus denen er erwuchs, galt Lenins unverändertes Interesse; sie waren in »Materialismus und Empiriokritizismus« erstmals angesprochen, sie wurden in den Hegel-Konspekten dann immer wieder pointiert. Vergessen wir nicht, daß das Hegel-Studium Lenins im Zusammenhang mit dem Verrat der Sozialdemokratie am Beginn des Ersten Weltkriegs ausgelöst wurde.
Das größte Verhängnis
Was Lenin seit der Polemik gegen die Empiriokritizisten erkannt hat und aussprach, ist die Tatsache und innere Notwendigkeit, daß jede revisionistische Strategie allgemeinen philosophisch-weltanschaulichen Voraussetzungen entspringt und sich zu ihrer Rechtfertigung auf sie stützt. Es sind dies erkenntnistheoretisch-ontologische und aus ihnen abgeleitet soziologisch-anthropologische und moralistische Veränderungen, die an den Grundlagen des Marxismus vorgenommen werden. In der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir dies in mehreren Schüben im französischen Existentialismus, in der sogenannten Frankfurter Schule (einschließlich Marcuse), in der jugoslawischen Praxis-Philosophie und neuerdings wieder in der Tendenz des »Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus« unter der Leitung von Wolfgang Fritz Haug erlebt.
Diese philosophischen Strömungen haben verschiedene Gesichter, alle laufen objektiv letzten Endes auf eine Sozialdemokratisierung des Kommunismus hinaus – auch wenn es vielleicht manche ihrer Vertreter subjektiv gar nicht wollen. Lenins Bedeutung ist es, daß er von den Anfängen her diese Richtung durchschaut und kenntlich gemacht hat. Ihm wurde klar, daß die philosophischen Revisionismen nur deshalb ideologisch-politische Kraft gewinnen konnten, weil sie sich von einem großen, verehrten Übervater die Substanz holen konnten, aus deren Brocken sie geistreich oder dümmlich ihre Gebilde zimmerten.
Der Übervater ist Immanuel Kant. Er war der große Vollender der bürgerlichen Weltanschauung, deren philosophische Begründung mit Des¬cartes und Bacon begann. Er lieferte dem Subjektivismus die erkenntnistheoretische Rechtfertigung, dem Individualismus den ethischen Horizont. Er schuf ein Riesenwerk systematischer Denkanstrengung, er hat eine »Revolution der Denkart« vollzogen, ohne die auch sein größter Kritiker Hegel und also auch Marx nicht möglich gewesen wären. Ich habe ihn zuweilen das größte Verhängnis der europäischen Philosophie genannt, aber eben ein Verhängnis von einsamer und verführerischer Größe. Das hat Lenin gesehen, darum hat er die Antithese Kant–Hegel artikuliert.
Man kann Kant auch anders lesen, nicht als letzten großen bürgerlichen Aufklärer, der Subjektivismus und Individualismus untermauerte; nicht als den »Alles-Zertrümmerer« der Metaphysik, der zugleich den Glauben restituierte, sondern als den progressiven Zeitgenossen der französischen Revolution, wie Domenico Losurdo (»Immanuel Kant. Freiheit, Recht und Revolution«), als einen dialektischen Experimentator des spekulativen Denkens wie Andreas Hüllinghorst (»Kants spekulatives Experiment«). Das ist aber die Ausnahme, nicht die Sicht derer, die den Revisionismus auf Kant stützen wollen.
In der Stoßrichtung der Revisionismus-Kritik auf Kant liegt die über die zeitbedingte Polemik hinausgehende philosophische Bedeutung von »Materialismus und Empiriokritizismus« – eine Stoßrichtung, die in den Hegel-Glossen von 1914/15 treffsicher verstärkt wird. Die Bände 14 und 38 der Lenin-Werke müssen im Zusammenhang gelesen werden. Natürlich ist der systematische Umkreis der Hegel-Konspekte viel weiter als nur der einer Kant-Kritik, aber es ist doch auffällig, wie oft und zuweilen ausführlich Lenin die auf Kant bezüglichen Stellen bei Hegel exzerpiert und kommentiert. Er hatte da ein besonderes Interesse. Der Faden zu Marx und Engels wird zurückgesponnen; an einigen wenigen Stellen wird dabei mit Kant auch noch an Ernst Mach erinnert, nicht aber mehr an die russischen Machisten; die waren abgetan.
Verzicht auf objektive Wahrheit
Hegels Kritik an Kant war grundlegend auch für die philosophische Konzeption von Marx und Engels. Sie kritisierten zwar Hegels Idealismus, den »objektiven«, demgegenüber Lenin dann wegen des objektiven Charakters der Begriffe das von Marx vorgezeichnete Programm der Umkehrung Hegels ausführen konnte. Aber Marx und Engels kritisieren mit Hegel und auf seiner Grundlage den subjektiven Idealismus Kants, und Lenin nimmt diese Linie auf und setzt sie systematisch fort. Ging es bei Marx und Engels ursprünglich vor allem um die Begründung des Materialismus und trat erst in der Konfrontation mit Lassalle der politische Charakter des philosophischen Kantianismus hervor, so gibt Lenin in »Materialismus und Empiriokritizismus« der politischen Konsequenz des Kantianismus im Zusammenhang des Positivismus Priorität und baut erst in den Hegel-Konspekten die philosophische Argumentation aus.
Gegenüber dem theologischen Dogma der scholastischen Philosophie, die als »Magd der Theologie« dem Wort Gottes als vorgegebene Wahrheit zu dienen hatte, war es ein weltanschaulicher Befreiungsschlag, die Wahrheit auf die Vernunft, auf die Erfahrung und die Gesetze des Denkens zu gründen. Das geschah mit dem Beginn der Neuzeit, mit dem Aufstieg der bürgerlichen Klasse. Symbolnamen für diese Revolution der Denkart sind Bacon, der Begründer des Empirismus, Descartes, der Begründer der Vernunftphilosophie. Mit ihnen hebt eine neue Epoche das Denkens an.
Aber die Befreiung vom Zwang nicht zu erfahrender Glaubenssätze war zunächst nichts anderes als die Befreiung des bürgerlichen Individuums zu seiner moralischen wie zu seiner ökonomischen Handlungsfreiheit. Die Befreiung vom Zunftreglement ging der Befreiung vom Priesterwort voraus, und diese wurde wie jene als Lösung des Individuums aus fremdbestimmten Bindungen verstanden. Erkenntnis der Wahrheit bleibt aber, wenn sie nur im Subjekt ihre Quelle findet, immer ungewiß gegenüber dem Anspruch des Objektiven, auf Verbindlichkeit bestehenden Allgemeinen. Durch diese Hintertür brachte der englische Philosoph und Bischof Berkeley die Theologie wieder in die Erkenntnis, indem er formulierte »esse est percipi« – Sein ist Wahrgenommenwerden. Was wir wahrnehmen, ist ungenau, oft täuschend, von Fall zu Fall und von Individuum zu Individuum verschieden; also liegt die eigentliche Wahrheit hinter der Erfahrungswelt, die Transzendenz gewinnt ihren Rang zurück.
Wollte man diesem Rückfall in die Theologie entgehen, blieb nur der Skeptizismus, der universelle Zweifel am Wahrheitswert von Erkenntnis überhaupt; David Hume hat diese Konsequenz gezogen. Er ist bis heute eine der Hauptstützen des Neopositivismus geblieben.
Mit dem Verzicht auf objektivierbare Wahrheitsgründe ist auch das Maß des Erkenntnisfortschritts preisgegeben. Dann wird bestenfalls die intersubjektive Akzeptanz zum Kriterium – richtig ist, was die scientific comunity denkt. Wahrhaft auch eine Theologie! Schlimmstenfalls kann jede sektiererische Meinung Erleuchtung für sich reklamieren – und der erkenntnistheoretische Anarchist Paul Feyerabend verkündet: anything goes – irgend etwas geht immer. Daß damit das Instrument gegeben wird, jede wissenschaftliche Begründung politischer Zielsetzung und Handlung auszuhebeln, liegt auf der Hand. Das ist der Grund für Lenins erkenntnistheoretischen Feldzug.
Unmöglichkeit des dritten Wegs
Warum Kant im Zentrum? Kant hatte die theoretischen Schwächen des Positivismus von Berkeley und Hume erkannt und begriff auch, daß sie dem Weltanschauungsbedürfnis einer sich auf dem Fortschritt der Produktivkräfte errichtenden neuen Gesellschaft nicht entsprachen. Die Naturwissenschaften mußten ein Fundament bekommen (das letzten Endes eigentlich nur materialistisch sein kann) und mit der Morallehre der Religion versöhnt werden (die eine überweltliche Instanz brauchte). Kants Philosophie ist das mit großem begrifflichen Aufwand und Scharfsinn ausgearbeitete Konstrukt einer solchen Versöhnung.
»Der Grundzug der Kantschen Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß zwischen beiden, eine Verknüpfung verschiedenartiger, einander widersprechender philosophischer Richtungen zu einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist auf. (...) Die Materialisten machten Kant seinen Idealismus zum Vorwurf, sie widerlegten die idealistischen Züge seines Systems, sie wiesen nach, daß das Ding an sich erkennbar, diesseitig ist, daß kein prinzipieller Unterschied zwischen ihm und der Erscheinung besteht (...). Die Agnostiker und Idealisten machten Kant seine Annahme des Dinges an sich als Zugeständnis an den Materialismus, den ›Realismus‹ oder ›naiven Realismus‹ zum Vorwurf (...) während die Idealisten die konsequente Ableitung der ganzen Welt überhaupt aus dem reinen Denken verlangten.« (LW 14,195)
Nun führt ein Kompromiß zwischen zwei einander entgegengesetzten, logisch einander ausschließenden Lehrmeinungen zu einem Widerspruch in der Theorie, der nur dadurch beseitigt werden kann, daß einer dieser Gegensätze das Übergewicht erhält. Wenn meine Empfindungen als autonomer Inhalt meiner Erkenntnis (Idealismus) von Dingen außer mir hervorgerufen werden (Materialismus), die aber unerkennbar sind (Kompromiß), dann bleibt die Welt so, wie sie ist, die Welt meiner Empfindungen, der subjektive Idealismus ist wieder hergestellt, das Sein ist identisch mit dem Wahrgenommenwerden, esse est percipi. Ziehen wir die Parallele: Das Proletariat soll sich von der Ausbeutung durch die herrschende Klasse befreien (Kommunismus), indem es dies im Rahmen der Herrschaftsform der bürgerlichen Demokratie tut (Kompromiß), dann bleibt die Herrschaftsform der Bourgeoisie bestehen (Kapitalismus) und das System der Ausbeutung ist unangetastet. Wenn auch die Vermittlungsschritte tatsächlich komplexer als die einfache Analogie sind, so ist dies doch die logische Grundfigur, auf die die Widerlegung des dritten Weges zu bringen ist.
Genau das ist der Weg der Sozialdemokratie, und es ist durchaus konsequent, daß Helmut Schmidt sich den Neopositivisten Karl Popper zum philosophischen Leitstern auserkoren hat. Das ist der Weg der Reformisten, der sich im »rechten« Revisionismus seine Theorie gibt, die vom Sozialismus wegführt. Dagegen bleibt der »linke« Revisionismus spontaneistisch, aktivistisch, voluntaristisch, auf dem Boden der kommunistischen Gesellschaftsidee, verfehlt aber die dialektischen Vermittlungsschritte des realen Geschichtsverlaufs und verfällt ebenso dem subjektiven Idealismus, das Sollen dem Sein überzustülpen, nicht antikommunistisch, sondern eine »Kinderkrankheit des Kommunismus«. Beiden Abwegen muß eine kommunistische Partei widerstehen. Um sie als solche grundsätzlich zu erkennen und von den Taktiken des politischen Kampfes zu unterscheiden, bedarf es der dialektischen Theorie in ihrer revolutionären Konsequenz.
Geschichte ist eine ständige Veränderung der realen Verhältnisse. Die Theorie muß dieser Veränderung folgen, sonst wird sie scholastisch, versteinert, wirklichkeitsfremd. Das Kapital hat gegen die Macht des Proletariats seine Überlebensstrategie verändert … Mit der Produk-tionsweise hat der Typus des Klassenverhältisses ein anderes Gesicht bekommen. Darauf muß die marxistische Theorie reagieren. Nicht aber indem sie formationsspezifische Gesetze der gesellschaftlichen Bewegungsform und ihre Begriffe aufgibt; das Kapitalverhältnis mit Ausbeutung, Mehrwert, Überproduktion, Konkurrenz und den Folgen ist eine Konstante unter dem Privateigentum an Produktionsmitteln. Es gilt, die komplexe Form der Kapitalverwertung auf ihrem heutigen Niveau zu entwirren und die Einsichten in ihre konstante Grundstruktur zu vertiefen.
Relative und absolute Wahrheit
Der große Wissenschaftshistoriker Ludovico Geymonat hat das einmal so ausgesprochen: »Der Anhänger des dialektischen Materialismus führt die leninistische Kategorie der Vertiefung ein, die uns den relativen, beschränkten Wert der Wissenschaft mit ihrem Erkenntniswert zu vereinen erlaubt. Die Wurzeln des Vertiefens als eines mit dem Erkenntnisvorgang untrennbar verbundenen Verfahrens sind eben darin zu suchen, daß im Erkenntnisbegriff selbst die Vorstellung vom ›Über-das-Bekannte-hinausgehen‹ enthalten ist. Daraus ergibt sich die folgende Konsequenz: Eine wirklich vollständige Analyse des Erkenntnisproblems muß nicht nur die einzelnen Erkenntnisakte, sondern die Reihenfolge untersuchen, in der jeder einzelne Akt die von vorhergehenden Akten erreichten Ergebnisse zu vervollständigen und zu vervollkommnen sucht.«
Wird die Geltung einer wissenschaftlichen Theorie, gar eines wissenschaftlichen Weltbildes nicht in der Entsprechung zur an sich seienden Wirklichkeit begründet, sondern bloß in ihrer Konsistenz und Funktionsfähigkeit, dann kann wissenschaftlicher Fortschritt letzten Endes nur in der Falsifikation eines Systems und dessen Substituierung durch ein anderes System bestehen, und es gäbe keine objektive Wahrheit. Thomas Kuhn hat dies als die »Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« bezeichnet, aber Geymonat hat dagegen geltend gemacht, daß dies eine mißbräuchliche Verwendung des Revolutionsbegriffs ist, der ja nicht einfach »Bruch« bedeutet, sondern die Einheit und Vermittlung von Kontinuität und Diskontinuität enthält. Dieser Dialektik der gegensätzlichen Tendenzen wird die Leninsche Kategorie der »Vertiefung« gerecht, die den Fortgang von einem Wissensstand zum anderen und die qualitative Veränderung eines »Paradigmas« im Verlaufe dieses Fortgangs benennt.
Vertiefung und daraus folgende Veränderung von Erkenntnissen kann nur als Prozeß (und prinzipiell als ein infinitesimaler Prozeß) gedacht werden, wenn keine Erkenntnis und schon gar nicht ein irgendwann erreichter historischer Stand des Systems der Wissenschaft als absolute Wahrheit gesetzt wird. Das endliche Wissen von einer unendlichen Welt ist immer ergänzungs-, vertiefungs-, veränderungsfähig und -bedürftig. Das heißt nicht, daß es in seiner Unvollständigkeit, Unvollkommenheit schlechterdings unwahr wäre. Es kann relativ wahr sein, als partiell richtige Erkenntnis, als funktional und kontextuell sich bewährende Handlungsorientierung, als Integration der Mannigfaltigkeit von Fakten auf dem Stand des Wissens einer Zeit, als perspektivische Wahrnehmung der Wirklichkeit vom Standpunkt des Erkenntnissubjekts aus. In jedem Fall ist das Wissen limitiert, und in bezug auf diese Limitationen kann ihm nur relative Wahrheit zukommen; die Art der Limitation bedingt die Art der Relativität.
Auch relative Wahrheiten sind Wahrheiten, das heißt, sie haben eine Entsprechung in der Wirklichkeit außerhalb des Bewußtseins, die sie in gewisser Weise zutreffend ausdrücken. Anders als in diesem objektiven Sinn kann nicht von Wahrheit gesprochen werden; eine bloß »subjektive« Wahrheit wäre nur ein psychologisches Faktum (»Wahrhaftigkeit«), keine erkenntnistheoretische Kategorie. Lenin rügt, daß Bogdanow die Fragen nach der Objektivität und nach der Absolutheit der Wahrheit vermischt: »Gibt es eine objektive Wahrheit, das heißt, kann es in den menschlichen Vorstellungen einen Inhalt geben, der vom Subjekt unabhängig ist, der weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängig ist? Wenn ja, können dann die menschlichen Vorstellungen, die die objektive Wahrheit ausdrücken, sie auf einmal, vollständig, unbedingt, absolut oder nur annähernd, relativ ausdrücken? Diese zweite Frage ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen absoluter und relativer Wahrheit.« (LW 14, 116) Und Lenin stellt fest: »Man kann nicht die absolute Wahrheit verneinen, ohne daß man die Existenz der objektiven Wahrheit verneint.« (LW 14, 117)
Allerdings meint »absolute Wahrheit« zwei zu unterscheidende Sachverhalte. Einmal die korrekte Feststellung einer Tatsache – zum Beispiel der Größe der Lichtgeschwindigkeit oder des Todesdatums von Napoleon. Zum anderen die (nie erfahrbare) Gesamtheit aller in der Welt vorkommenden Tatsachen. »Das menschliche Denken ist seiner Natur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrheiten zusammensetzt, zu vermitteln, und es tut dies auch. Jede Stufe in der Entwicklung der Wissenschaft fügt dieser Summe der absoluten Wahrheit neue Körnchen hinzu; aber die Grenzen der Wahrheit jedes wissenschaftlichen Satzes sind relativ und können durch die weitere Entwicklung des Wissens entweder weiter oder enger gezogen werden. (...) Vom Standpunkt des modernen Materialismus, das heißt des Marxismus, sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt, unbedingt aber ist, daß dieses Bild ein objektiv existierendes Modell wiedergibt.« (LW 14, 129 f.)
Achten wir darauf, daß Lenin sagt, das menschliche Denken sei fähig, uns die absolute Wahrheit zu vermitteln! Das bedeutet doch gerade, daß wegen der Limitation des endlichen Wissens die absolute Wahrheit nicht unmittelbar gegeben ist, sondern durch eine Methode des Denkens, durch ein »Mittel« vorgestellt werden muß. (Darum ist es nicht reduktionistisch, wenn Engels nach der Ablösung der positiven Wissenschaften von der Philosophie dieser noch die Gesetze des Denkens, die Dialektik vorbehält.)
Denn die Gesetze des Denkens sind es eben, gemäß denen sich diese Vermittlung vollzieht. Die Begriffe sind das Instrumentarium der Vermittlung. Marx bemerkt, daß wir gar keine Wissenschaft brauchten, wenn unsere Wahrnehmungen uns schon den Begriff der Sache gäben; und Engels sagt, die Naturwissenschaftler (seiner Zeit) hätten besser etwas mehr Metaphysik getrieben. Lenin hat das beherzigt und Hegel gegen Kant in sein Recht gesetzt. Sein spöttisches Wort, noch sei Marx von keinem Marxisten verstanden worden, ist auch nach einem Jahrhundert nicht gegenstandslos geworden. Die Bände 14 und 38 der Lenin-Werke bleiben Pflichtlektüre für die Theorie-Praxis der Kommunisten.
[Quelle: Junge Welt, Berlin, 14. Mai 2009]


