Rainer Rupp: Aus dem Ruder
Unisono wird der Entscheid von Afghanistans Präsidenten Hamid Karsai, den Wahltermin in seinem Land vom Herbst auf den Frühling vorzuziehen, von der »westlichen Wertegemeinschaft« verurteilt. Zuletzt zeigte sich dazu am Montag der stellvertretende UN-Vizegeneralsekretär Alain Le Roy »besorgt«. Vorher hatte bereits Washington sein Mißfallen über den Alleingang Karsais ausgedrückt. Der Mann lief offensichtlich aus dem Ruder. Dabei schien er lange Zeit als zuverlässig. So hatte Karsai noch im Januar 2008 in einem Interview mit CNN seinen tiefen Gefühlen gegenüber den USA Ausdruck verliehen: »Wenn ich eine Marionette genannt werde, weil wir Amerika dankbar sind, dann soll das mein Spitzname sein.«
In jüngster Zeit indes wuchs in Washington die Unzufriedenheit mit der verächtlich »Bürgermeister von Kabul« genannten Marionette, die man nun offensichtlich gegen eine andere austauschen will. In den USA und in Europa laufen dafür die medialen Vorbereitungen. So richtig eröffnet wurde die Jagd auf Karsai am 28. Januar mit einem Artikel der New York Times. Dort hieß es unter Berufung auf hochrangige Mitglieder der Obama-Führungsmannschaft wörtlich: »Mister Karsai stellt nun ein potentielles Hindernis für die amerikanischen Ziele in Afghanistan dar.«
Die »Korruption in Karsais Regierung« grassiere und trage »zu einem blühenden Drogenhandel und der Wiedererstarkung der Taliban bei« – so die Begründung. Diese toppt sogar noch die Heuchelei der Bush-Administration: Oder wann in der Geschichte hat der Tatbestand der Korruption jemals eine US-Regierung davon abgehalten, mit ihren Vasallenstaaten eng zusammenzuarbeiten? Und auch der in der New Yorker Zeitung als »Beweis« für die Korruptheit Karsais angeführte Fakt wirkt wie Realsatire: Er habe es bisher vermieden, seinen eigenen Halbbruder wegen Drogenhandels zu verhaften. Ein einflußreicher, hoher Beamter mit besten persönlichen und familiären Beziehungen bis in die höchsten Stellen der Regierung wird wegen eines Verbrechens nicht verhaftet? So etwas könnte in Washington niemals geschehen!
Nein, die USA wollen Karsai aus anderen Gründen loswerden. Erstens mißfallen ihnen die zunehmend scharfen Verurteilungen der NATO-Massaker unter der afghanischen Zivilbevölkerung durch den Präsidenten in Kabul. Sie stehen der von Obama geplanten Eskalation des Kriegs im Weg. Und zweitens braucht Washington einen Sündenbock für das »Erstarken der Taliban«. Um indes einen passenden Gegenkandidaten zu Karsai aufzubauen, benötigt die US-Administration Zeit – mehr Zeit zumindest als bis April. Deshalb war der Urnengang auf Druck der Besatzer bereits in den Herbst verschoben worden – »aus Sicherheitsgründen«. Mit der nun erfolgten Vorverlegung in den Frühling hat Karsai einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Ob er sich jedoch gegen den Willen des Imperiums durchsetzen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Junge Welt; 04.03.2008


