Gegen(d)darstellung
Im Januar soll ein Duplikat der Rosa-Luxemburg-Statue von Rolf Biebl am Rande des Platzes, der den Namen der Revolutionärin trägt, aufgestellt werden. Sie wird dort zwischen allerlei Kunst stehen
Foto: Archiv Rolf Biebl
Ende Oktober/Anfang November 2008 fanden vor der Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz Bauarbeiten statt. Das Straßenpflaster wurde aufgerissen und einige der 60 Platten, die der Künstler Hans Haacke dort 2006 in Gehwege und Fahrbahnen eingelassen hatte, wurden zeitweise entfernt. Die Platten tragen Zitate und Fragmente aus Rosa Luxemburgs Schriften.
Nach Abschluß der Arbeiten informierten Passanten die jW-Redaktion, daß die Bauarbeiter die Fragmente puzzleartig wieder ins Pflaster zurückgelegt und festgeklopft hatten, d. h.: Sinnvolle Sätze waren nicht mehr zu lesen. Das wurde – nach Rückfrage der jW-Redaktion bei der Volksbühne – so rasch korrigiert, daß keine fotografische Dokumentation mehr möglich war.
Die hätte die Redaktion gern gemacht, denn die Angelegenheit war symbolisch für den zeitgenössischen Umgang mit Platz und Namensgeberin: Es herrscht jene Beliebigkeit, die als künstlerischer, architektonischer und städtebaulicher Ausdruck des neoliberalen Wahns der letzten Jahrzehnte weltweit für unbenutzbare Häuser, sinnfreie Stadtmöbel oder z. B. einen gigantomanischen, aber nicht für Bahnbenutzer geeigneten Hauptbahnhof in Berlin sorgt. Architekten sind Stararchitekten und fahren nicht mit der Bahn, arbeiten nicht in Bürowaben, sondern haben Privatjets und eine Insel zu haben. Wo Autokonzerne Banken sind, die auch Fahrzeuge auf den Markt werfen, funktionieren Banken nicht und die Automobile sind moralisch und technisch verschlissen, bevor sie die Fabriken verlassen. In der bildenden Kunst ist das Fragment unter solchen Verhältnissen hochsubventionierte Stilikone; aus Unbildung resultierender Eklektizismus wird gegen klassische Kunstformen als Ausdruck von Freiheit, Gleichheit oder andere Beschreibungen humaner Gesinnung, mit deren Relikten sich der Casinokapitalismus der Investmentbanken und der Steinbrücks gern modisch ausstaffiert, in Stellung gebracht.
Was übers Gewerbe hinausgeht, ist in dieser Welt Luxus. Da reicht es weder für öffentliche Schulen, die Lesen und Schreiben für alle gewährleisten, noch für ein Gesundheitswesen, das allgemein gesund macht, schon gar nicht für historische Bildung oder für Förderung von Kunst, die sich dem Warenwahn der Kunstkrämer in Behörden, Medien und Galerien verweigert. Denn Voraussetzung für die Symbiose von Investmentbankern und jenen, die ihnen Kunst an ihrem Gesellschaftsbau liefern, ist, daß nicht über dessen Kellergeschosse hierzulande oder im Süden des Erdballs gehandelt wird. Nur die oberen Etagen gewähren, wie Max Horkheimer vor fast 80 Jahren in der letzten Weltwirtschaftskrise schrieb, einen schönen Ausblick auf den gestirnten Himmel. Nur dort gilt das Sittengesetz.
Wer über die soziale Frage nicht reden will, schweigt natürlich auch von deren Geschichte. Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, der dazu viel historischen Stoff liefern könnte, findet sich der Name Rosa Luxemburgs auf den Straßenschildern und auf Haackes Zitatenplatten. Auf die stößt nur der, der auf sie tritt und nach unten blickt. Eine Einrichtung, in der die Geschichte des Platzes geschildert oder gar Biographisches zu der Revolutionärin mitgeteilt wird, gab der Etat für den teuren Umbau des Platzes unter der Ägide des Kultursenators (2002 bis 2006) Thomas Flierl (PDS) nicht her. Dafür gibt es einen generellen Grund: Denkmäler konnte die Bundesrepublik noch nie und kann sie nicht, wie sich nicht nur rund ums Brandenburger Tor besichtigen läßt, es sei denn, man hält Betonklotzzusammenstellungen für solche. Und einen speziellen: Der herrschenden Phobie vor aufklärerischer Geschichte entspricht die Dominanz staatsfrommer Legendenbildungen. die wilhelminische Formen angenommen hat: Wie herrlich weit wir es gebracht haben. Speziell die Geschichte der Arbeiterbewegung und die DDR können da nur sehr schlecht abschneiden. Hinzu kommt: Wichtige ostdeutsche Mandatsträger der PDS bzw. der Linkspartei lassen sich bei der Verunglimpfung und antikommunistischen Hysterisierung dieser Geschichte ungern von anderen übertreffen.
Der erreichte Grad an Dummheit und Unwissenheit drückte sich in der Erregung aus, die jüngst die bloße Erwähnung der Verantwortung von Sozialdemokraten für die Ermordung Rosa Luxemburgs in einem Interview, das die hessische Landtagsabgeordnete Janine Wissler im September jW gegeben hatte, in Wiesbaden auslöste: »Geschichtsklitterung« war noch das mildeste, was da verlautete. Der Furor der Bilder- und Denkmalstürmer von 1990 ff ist noch lange nicht gewichen, er steigert sich gerade wieder. Erst jüngst setzte die Berlin-Ausgabe von Bild den Abriß des Thälmann-Denkmals im Prenzlauer Berg wieder auf die Tagesordnung.
Der Berliner Kulturetat hätte genug Möglichkeiten, z. B. den Wandel der Namen des heutigen Rosa-Luxemburg-Platzes darzustellen und zu erläutern. Laut Lexikon hieß er von 1907 bis 1910 Babelsberger Platz, wurde dann nach des Kaisers Reichskanzler von Bülow benannt und 1933 von den Nazis zum Horst-Wessel-Platz gemacht. 1945 bis 1947 hat er demnach Liebknechtplatz geheißen, danach Luxemburgplatz und seit 1969 Rosa-Luxemburg-Platz. Nicht gerade unwichtige Stationen eines Jahrhunderts deutscher Geschichte sind da angedeutet. Außerdem: Eine der größten Parteien der Weimarer Republik, die KPD, erwarb 1926 an diesem Platz ein Bürohaus für zentrale und regionale Parteieinrichungen, für das sich, sagen Historiker, danach der Name Karl-Liebknecht-Haus einbürgerte. Hier arbeitete Ernst Thälmann, woran eine Gedenktafel erinnert, hier folterten nach Verhaftung und Ermordung ungezählter KPD-Mitglieder ab dem 8. März 1933 Politische und Geheime Staatspolizei, hier forschten zu DDR-Zeiten Mitarbeiter des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED.
Berichtet wird darüber an diesem Ort kaum. Der Blick ist der Zukunft zugewandt. Am 29. Mai verkündete Springers Berliner Boulevardblatt BZ: »Rosa-Luxemburg-Platz wird Rosa-Luxus-Platz«, und schrieb: »Schwarz, verschachtelt, dreieckig: Das spektakuläre Wohnhaus, das an der Ecke Rosa-Luxemburg-Platz/Linienstraße entsteht, ist auf die Bedürfnisse von Kunstsammlern zugeschnitten. Fertig ist das sechsstöckige Haus im Sommer 2009. ›Einen Beitrag zur klassischen Moderne, einladend und abweisend zugleich‹, nennt der Berliner Stararchitekt Roger Bundschuh sein Werk aus schwarzem Sichtbeton... Die Luxuslofts sind zwischen 67 und mehr als 300 Quadratmetern groß... Wer hier einzieht, hat Platz. Platz vor allem für Kunst und Gemälde. Die Decken sind bis zu sieben Meter hoch. Wer sich das elegante Kunstquartier leisten will, muß tief in die Tasche greifen: Bis 5000 Euro sind für den Quadratmeter zu bezahlen.« So wandelt sich die Welt zum Besseren, sicher auch im Sinne der Senatskulturverwaltung.
Das künstlerische Pendant zu den Unterkünften für Bestverdienende läßt sich am anderen Ende des Dreiecks, das der Platz bildet – Linienstraße/Ecke Weydingerstraße – besichtigen. Dort hat der »Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e. V.« ein Sammelsurium von nachgebildeten Fragmenten, eine »skulpturale Collage« aufstellen lassen, die anderenorts in Berlin komplett zu besichtigen sind. Hier steht der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. – eine der widerlichsten Figuren der an Widerlichkeiten reichen Hohenzollerngeschichte – neben einer Replik des 1981 im Lustgarten aufgestellten Gedenksteins für die Gruppe um den Kommunisten Herbert Baum, die 1942 die Nazipropagandaausstellung »Das Sowjetparadies« in Brand steckte. Der Gedenkstein im Lustgarten verzeichnet 34 Todesopfer aus der Gruppe. In einem Land, in dem die Potsdamer Garnisonkirche, wo sich Preußen und Nazis 1933 symbolisch die Hand reichten, wiederaufgebaut wird, ein antifaschistischer authentischer Gedenkort wie die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals bei Berlin aber zum Abriß freigegeben werden soll, ist solche Zusammenstellung nicht verwunderlich. Das eine ist so monströs-reaktionär wie das andere: Die Menschenschinder und ihre Opfer verschwinden hinter Gleichsetzung des »Gedenkens« - eine Methode, mit der in der Bundesrepublik stets die reaktionäre Blutspur der deutschen Geschichte geleugnet und verdrängt wurde und wird. Im Internet liest sich das bei dem Verein, der sich die Website www.rosa-luxemburg-platz.de gesichert hat, so: »Das Projekt reproduziert keine Manifestation spektakulärer inszenierter Repräsentationen geschichtlicher Momente im öffentlichen Raum, vielmehr ist das Phänomen jener Erinnerungskultur in Form von Denkmälern der Gegenstand der Reflexion.« Die in die Dutzende gehenden Berliner Denkmäler des preußisch-deutschen Adels, der Kriegsverbrecher vieler Jahrhunderte, werden so in den an zwei Händen aufzuzählenden Denkmälern deutscher Aufklärung, der Klassik, der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandes »reflektiert«. Ob die Autoren dieser Zumutung sich bereits um das Denkmal für die neuen Kriege und ihre Helden, dessen Grundstein der Bundeswehrminister vor wenigen Tagen legte, beworben haben, ist nicht bekannt. Gut aufgehoben wären sie dort allemal. Diese Kriege dienen schließlich ausschließlich demokratischen Zwecken, verdienen einfach eine Denkmals-«Reflexion«.
Es ist kein Zufall, daß der Antikapitalistin und Kriegsgegnerin Rosa Luxemburg auf diesem Platz nur in der geschilderten Form gedacht wird. Sie paßt weder in die ältere noch in die neue deutsche Herrlichkeit. Nun soll ein Duplikat des Denkmals, das der Bildhauer und Maler Rolf Biebl (geb. 1951) schuf, gegenüber von der erwähnten Fragmentensammlung aufgestellt werden – hinter dem Gebäude, in dem sich die junge Welt-Redaktion befindet, das Karl-Liebknecht-Haus in Sichtweite. Dort stand das Original, das wieder entfernt wurde. Auch die Geschichte dieses Denkmals ist ein Zeitdokument.
Im Januar 1995 schlug die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger (geb. 1915) den Delegierten eines PDS-Parteitages vor, ein Denkmal für Rosa Luxemburg in Berlin aufzustellen. Das stieß in der Partei auf positive Resonanz, in Basisorganisationen wurde für die Skulptur gesammelt. Am 9. Februar 1998 unterstützte auch der PDS-Bundesvorstand die Initiative, obwohl die Begeisterung der Parteioberen bereits merklich gedämpft war. Das war einer Beschlußvorlage zu entnehmen, die vorsah, Ingeborg Hunzinger »für ihre Initiative, Rosa Luxemburg durch ein von der PDS gestiftetes Denkmal im Berliner Stadtraum zu ehren«, zwar zu danken, aber andererseits von der Realisierung des vorgelegten Denkmalentwurfs am Karl-Liebknecht-Haus – der Zentrale von PDS bzw. heutiger Linkspartei – »absehen« zu wollen. Auf Anregung von Klaus Höpcke, ehemals stellvertretender Kulturminister der DDR und 1998 PDS-Landtagsabgeordneter in Thüringen, folgte der Parteivorstand nach längerer Diskussion diesem Vorschlag nicht, sondern entschloß sich zu folgendem: Erstens sollte die Idee, das Denkmal am Karl-Liebknecht-Haus zu errichten, unterstützt werden. Die von Ingeborg Hunzinger und Rolf Biebl vorgelegten Entwürfe sollten zugrunde gelegt werden. In das Konzept einzubeziehen seien, so hieß es weiter, die Anregungen zur dokumentarischen Darstellung der Geschichte des Karl-Liebknecht-Hauses.
Zweitens wurde das Bemühen unterstützt, für künstlerische Arbeiten zur Erinnerung an Rosa Luxemburg auch größere Plätze im öffentlichen Raum der Stadt Berlin ausfindig zu machen und Kräfte der Öffentlichkeit sowie Künstlerinnen und Künstler über eine Ausschreibung für deren Gestaltung zu gewinnen. Der Vorstand der PDS ging bei seinem Beschluß auch davon aus, daß angesichts der Überhäufung Berlins mit feudalen und militaristischen Erinnerungspunkten mehrere an Rosa Luxemburg – sowie an Karl Liebknecht – erinnernde Denkmale zum notwendigen Gegengewicht beitragen könnten.
Mit Sätzen wie diesen skizzierte Klaus Höpcke am 9. Januar 1999 die Beschlußlage der PDS. Er sprach aus Anlaß der Aufstellung des Denkmals von Rolf Biebl im Eingang des Karl-Liebknecht-Hauses. Das Antieiszeitkomitee – eine Berliner Vereinigung PDS- bzw. der Linkspartei naher Künstler – hatte die Initiative ergriffen und den 80. Jahrestag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zum Anlaß genommen, um das Denkmal einzuweihen.
Die Aufregung darüber war in Teilen der PDS groß. Es handele sich um eine »Nacht- und Nebelaktion«, wie der damalige Baustadtrat des Bezirks Berlin-Mitte Thomas Flierl in einer offiziellen Erklärung formulierte. Mit »Nacht und Nebel« wird seit den Nürnberger Prozessen ein Erlaß Adolf Hitlers von 1941 bezeichnet, der das spurlose Verschwinden von Gegnern des deutschen Faschismus in ganz Europa zur Folge hatte. In der Stellungnahme Flierls war außerdem von einem »erpresserischen Coup« und »die PDS lächerlich machen« die Rede. Der beleidigten bis desolaten Terminologie war Flierl schon 1997 in einem Papier gefolgt, in dem er u. a. von einem »vormodernen Kunstbegriff« sprach und die These aufstellte, mit einem Luxemburg-Denkmal der PDS an diesem Ort würde die Partei »kulturell im Pleistozän verschwinden«. Den starken Vokabeln folgte das starke Stück Kulturpolitik. Wie sich zeigte, wollte die PDS gemeinsam mit SPD sowie Walter Jens, Friedrich Schorlemmer, Klaus-Uwe Benneter, Hans-Christian Ströbele und anderen eine »Initiative für ein künstlerisches Gedenkzeichen für Rosa Luxemburg auf dem Berliner Rosa-Luxemburg-Platz« unterstützen. Was daraus wurde, kann heute dort besichtigt werden: Der Rosa-Luxus-Platz.
Dieses Resultat ließ einige Menschen, vornehmlich Künstler, den Vorsatz fassen, ein Duplikat der Skulptur Rolf Biebls, die heute an einer – um es vorsichtig auszudrücken – nicht besonders attraktiven Stelle vor dem Gebäude des Neuen Deutschland am Franz-Mehring-Platz steht, fast am ursprünglich vorgesehenen Ort aufzustellen. Am 11. Januar 2009, zum 90. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, um 14 Uhr, soll die Statue auf dem Grundstück Ecke Linien-/Weydingerstraße aufgestellt werden.
Spenden für Rosa gesucht!
Wir bitten, das Vorhaben – den Guß des Duplikats und die Aufstellung des Denkmals – zu unterstützen.
Spendenkonto:
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Kontonummer: 6 95 68 21 00
Stichwort: Denkmal
Von Arnold Schölzel [Junge Welt; 30.11.2008]


