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Hans Heinz Holz: Die Nähe ferner Zukunft

Johannes R. Becher – ein politisch-lyrischer Kommentar zum Jahrhundert


Gemälde von Ludwig Meidner, 1916 Foto: jW-Archiv
Um seinen 50. Todestag am 11. Oktober ist es still geblieben. Wer wollte sich schon an ihn erinnern, den Präsidenten des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, den ersten Kulturminister der DDR; da verdrängte man lieber auch die schwermütigen und zuweilen mit der Schwermut spielenden Verse des jungen Dichters, die zu den Glanzstücken des deutschen Expressionismus gehören. Johannes R. Becher. Ich lernte ihn kurz nach dem Krieg, kennen, es muß 1946 gewesen sein. Ich war nach Berlin geschickt worden mit einem Auftrag des westdeutschen Kulturbundes, seines Vorsitzenden Johann Fladung (ein Mann, der eines besonderen Gedenkens verdiente: kommunistischer Reichstagsabgeordneter vor 1933, durch die Folterer der Gestapo bis an die Grenze des Todes geschädigt, stand er nach 1945 für den Rest seines Lebens wieder in vorderster Linie beim Kampf um die Demokratisierung Deutschlands).

Nach Erledigung der Gespräche sagte man mir, Becher wolle den jungen Genossen aus Westdeutschland kennenlernen. Ich begab mich also zu der, wie ich meinte, kurzen zeremoniellen Begrüßung. Doch die Begegnung verlief ganz anders. Becher ließ sich berichten, von den Universitäten, vom Theater, von der Literatur, vom Haß auf Thomas Mann, der im »Feindsender« gegen das Hitler-Reich gesprochen hatte. Er war interessiert an dem, was der junge Mann berichtete, fragte, entgegnete, diskutierte mit dem Neunzehnjährigen, und keinen Augenblick spielte er die überlegene Erfahrung des Älteren oder gar die Besserwisserei des hohen Funktionärs aus. Als er mich schließlich nach zwei Stunden verabschiedete, nahm ich das Bild eines warmherzigen, aufgeschlossenen, liebenswürdigen Menschen mit.

Meine Erinnerung. Wir wissen, daß er manche menschliche Schwäche hatte – und jene, die den Kommunisten Becher befeindeten, haben das später gegen sein Andenken ausgespielt. Mir bleibt er so im Gedächtnis, wie er mir entgegentrat, die Wärme, die er ausstrahlte, die Ungezwungenheit in der Zuwendung zu dem viel Jüngeren. (So habe ich damals viele alte Genossen erlebt.) So wirkten auch seine Gedichte auf mich, auf den Leser und Hörer zugeschrieben, ohne einen gehobenen Ton anzuschlagen; nicht für das literarisch gebildete Publikum zugeschnitten, sondern für das einfache Volk, mit einem Rhythmus, der auch zum Mitsingen geeignet wäre. Zugegeben, zuweilen mit einem Hang zur Sentimentalität, der unseren nüchternen Zeiten peinlich ist.

Empörung und Anruf

Die Gehalte des Volkstümlichen kommen aus dem Klassenkampf. Hunger und Gewalt, Not und Unrecht haben schon den jungen Becher (dessen Werk ich damals noch nicht kannte) zur Empörung getrieben. Die Wallfahrt nach Alt-Ötting öffnet ihm die Augen für Himmel und Hölle:

Damals trug ich ein Amulett um den Hals
Mit dem Bild der Mutter Gottes. Es war geweiht
Am St. Josefstag
In der Kirche zur »Heiligen Dreifaltigkeit« ...

Und siehe: Der Himmel war über mir aufgetan!
Über dem Himmel kein anderer Himmel war.
Mitten im Himmel aber saß ein Leierkastenmann,
Kinder hüpften um ihn – eine fröhliche Schar ...

Die Hölle war gleich daneben.
So groß war die Hölle, daß sie den ganzen Himmel verschlang.
Und ich sah‚ daß wir alle in der Hölle leben,
Schon lang, unser Leben lang …
Die Hölle ist das Menschengesicht,
Das hinter den Scheiben klebt mit käsigen Wangen.
Diese Hölle hält uns alle gefangen.

Es erreicht ihn die Stimme, nicht aus dem Himmel, nicht aus der Hölle, sondern aus dieser Welt. Die Worte Lenins:

Er rührte an den Schlaf der Welt
mit Worten, die Blitze waren,
Sie kamen auf Schienen und Flüssen daher
Durch alle Länder gefahren.

Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Brot,
Mit Worten, die wurden Armeen
Gegen die Hungersnot …

Becher wurde Kommunist, so wie einige aus dem Kreis der Expressionisten, die zuvor ihre Anklage gegen die bürgerliche Welt anarchisch herausgeschrien hatten; andere wurden Faschisten. Am Roten Oktober schieden sich die Geister: Verzweiflung und Utopie, Zynismus und Aufstand lagen dicht beieinander, der Widerspruch brachte beides hervor – Hanns Joost und Bertolt Brecht, Gottfried Benn und Johannes R. Becher. Bis in die Emigration setzte sich der Zwiespalt fort, der als politisch-literarischer in der Expressionismus-Debatte ausgetragen wurde.

Politische Dichtung


Widmungsblatt an die Russische Revolution 1917: »Augen zu: Laßt Guillotinen spielen! / Menschenknäuel übern Platz gefegt ... / Daß die Strahlen eurer Finger zielen / Durch den Raum ins Herz der Kaiser schräg!!!« Foto: jW-Archiv
Becher war davon schon nicht mehr berührt. Mit dem Übergang von der spätbürgerlichen Rebellion zur proletarischen Revolution hatte er auch einen Stilwandel vollzogen – wie übrigens auch sein Antipode Benn sagte: »Expressionist bleibt man nicht sein Leben lang«. Becher war nun ganz dem hingegeben, was die Zukunft erfüllen sollte. Der Titel des späten Gedichtbandes »Glück der Ferne – leuchtend nah« sagt es aus. Die Spannung zwischen dem Noch-Nicht und dem Vorschein im Jetzt bestimmte seine Gemütslage, ein Hauch von Melancholie liegt aber über dem Leuchten der Ferne, nicht resignativ, sondern die Aufgaben der Gegenwart anpackend: Eine Zukunft in Frieden, ein Wiederaufblühen der deutschen Nationalkultur.

»Politische Gebrauchsdichtung« heißt es abfällig darüber im dtv-Lexikon. Als wäre Wal­ther von der Vogelweide ein geringer Dichter, weil er eh und je für politischen Gebrauch dichtete! Uns näher liegend: Ernst Moritz Arndt ist doch immer als ein deutscher Dichter akzeptiert worden; und es war ja auch keineswegs martialisch reaktionär, wenn er einforderte: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte« und den »Zorn der freien Rede« pries. Ein Echo des Klanges der Marseillaise tönt darin an. Aber mehr zu Herzen geht uns doch und betrifft unsere Erfahrung, daß Becher der DDR in ihre Nationalhymne das Friedensgelöbnis schrieb:

Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint.

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen – dieses weihnachtliche Wunschpaar, könnte man sagen, war Becher utopisch ins Herz geschrieben. Die Erfahrung der Unwirklichkeit des Utopischen legte sich melancholisch und leidvoll darüber. Er suchte den Menschen, doch der Mensch blieb dem Menschen fremd. Diese Klage durchzieht die frühen Gedichte:

Ich habe mit Menschen gewohnt.
Wir wohnten dicht an dicht.
Die Uhren schlugen harten Schlag.
Wir kannten einander nicht.

Sich zu verfehlen ist immer wiederkehrendes Thema dieser Strophen des jungen Mannes: »Menschen gingen, Menschen kamen – und verloren sich«. In der Liebe scheint es möglich, zueinander zu kommen; doch sie hält nicht:

Haben zueinander im Schlaf gesprochen:
Wir wollen uns lieben immerdar.
Unser Wort war gebrochen
Bevor es Morgen geworden war.

Entsagungsvoll schließt das Gedicht:

Menschen gehen an Menschen vorüber,
Menschen gehen durch Menschen hindurch.

Doch wenn ihn der Anruf der Geschichte erreichte, erwachte der Dichter aus der Trauer. Jäh bricht es, schon im Ersten Weltkrieg, aus dem Fünfundzwangjährigen:

Der Dichter meidet strahlende Akkorde.
Streik. »Krieg dem Krieg!« Er peitscht die Trommeln schrill.
Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.

Da kommt ein Ton auf, wie wir ihn auch von Brecht kennen: Das Schöne zu besingen ist ein Verrat an den Elenden und Bedrückten. Wir, die wir zärtlich sein möchten, müssen zu Stein werden. »Ich bin aus Stein', heißt es in einem Gedicht. Und dann der Sechszeiler:

Wie unheimlich hart wir geworden sind!
Und waren doch allemal ein Kind
Und haben geweint.
Wir sind durch das viele Morden
Alle so unheimlich hart geworden.
Man hat es nicht gut mit uns gemeint.

Erst der antifaschistische Kampf bringt die Lösung. Der Weg durch die Stationen der Emigration – Tschechoslowakei, Frankreich – führt Becher 1935 in die Sowjetunion. Hier findet er zwar nicht die vollendete Utopie, aber doch eine Gesellschaft im Aufbau menschlicher Solidarität, in der er über die kummervolle Ich-Bezogenheit der bürgerlichen Existenz hinauskommt.

Oft bin ich mir selbst entwichen,
Und vergeblich suchte ich mich
über mich eil' ich entgegen
Einem grenzenlosen Ziel,
Und die Kräfte spür ich, die bewegen
Dieses wunderbar verschlungene Spiel.

Nicht vollendet sein, an der Vollendung arbeiten – das war die Unruhe seines Lebens. Von ihr spricht er in dem 1914 erschienenen Gedichtband »Verfall und Triumph«: »Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich«.

Obwohl es auffällig ist, wurde bei der Beschäftigung mit Becher nie beachtet, wie stark bei ihm – nicht nur bei dem Expressionisten, sondern auch bei dem Kommunisten – die Motive und Leitvokabeln der christlichen Tradition sind. Auch in der Konsequenz des Klassenkampfs lebte in ihm noch das Evangelium weiter. Nicht in Kirchenherrlichkeit und Theologie, die ihn in München aufdringlich umgaben, sieht er den ideellen Inhalt, mit dem er seine kommunistische Utopie vereinbaren könnte; das lag ihm fern. Ihm blieb einfach ein Rest von Volksglauben unverloren, den er als Schulknabe in Oberbayern ganz unreflektiert mitbekommen hatte. Christentum als Liebe, als Einklang mit den Menschen, als Predigt des Friedens. In den Zeilen aus der »Wallfahrt nach Alt-Ötting« haben wir den Umschlag aus dem Gottvertrauen in die Verzweiflung über diese gottferne Welt erlebt: Der verhießene Himmel verwandelte sich in die irdische Hölle, der fromme Kinderglaube zerbrach. Es ist die Umkehrung der Erweckung, die Augustinus zum Glaubenseiferer machte.

Vertrauen zur Zukunft und zur Menschheit gewann Becher erst wieder da, wo der Sozialismus aufgebaut wurde, in der Sowjetunion und in der DDR. Bürgerliche Kritiker haben das dem anarchischen Expressionisten angekreidet und als bloße Anpassung diskreditiert. Wer ernsthaft der Abfolge seiner Werke folgt, erkennt die ideologische Absicht dieser Verleumdung. Die Beweggründe seines Schaffens sind sein Leben lang dieselben geblieben. Aber es ist etwas anderes, ob man den Verfall einer Welt erleidet oder Streben nach Neugründung einer Welt miterlebt. Das Lebensgefühl ändert sich und damit auch der Stil, in dem sich dieses Lebensgefühl ausdrückt. Gerade in seiner poetischen Form und ihrem Wandel ist Becher ein Zeuge der Zeit. An ihm kann man einen Begriff von der Historizität des Ästhetischen gewinnen.

Klassizistische Reife

Gereift nimmt Becher – ein poetisches Wagnis – die klassische Form des Sonetts auf, diese disziplinierteste Gestalt des lyrischen Ausdrucks, in der Gefühl wie Gedanke zur Architektur werden. Vierzehn Zeilen, zweimal vier, zweimal drei, die letzteren einander im Reim übergreifend. Zuerst das Thema in Anklang und Gegenklang, dann die Auflösung der Spannung. Keinen größeren Gegensatz zur Wort-Ekstatik des Expressionismus könnte man sich denken. Hier gehen bei Becher Sozialismus und Klassizismus Hand in Hand. Die Zucht des Sonetts spiegelt die poetische Läuterung des Rebellen zum Kommunisten; die ungebärdige Dialektik des Widersprechens wird zur logischen Struktur des Widerspruchs. Schauen wir uns das an einem Beispiel an:

Sind's Träume nicht, wohin ihr Zuflucht nehmt,
Wenn das, was ihr euch wünscht, nur karg und spärlich
Die Wirklichkeit erfüllt? Und mancher schämt
Sich dessen, daß er träumt, und meint: gefährlich

Ist solch ein Traum, da er die Tatkraft lähmt.
Im Traum erreichst du alles, was begehrlich.
Das Unerklärte wird im Traum erklärlich.
So wurde mancher durch den Traum gezähmt,

Daß still er hielt, geduldig jede Schmach
Ertragend, träumend seinem Traume nach –
Doch Träume gibt es, unruhvolle, wilde,

Darin dein ganzes Dasein sich entwirrt,
Daß du nicht ruhst, nachjagend diesem Bilde,
Bis deinem Traume die Erfüllung wird.

Die erste Strophe läßt einen utopischen Sinn des »Traums nach vorn« (Bloch) aufscheinen und gleitet mit einem Enjambement in die zweite Strophe, die den Gegensatz dazu, die Gefahr der Wirklichkeitsferne, aufruft.

Die dritte Strophe, neu ansetzend, hält den Widerspruch der zwei Arten des Träumens fest und leitet hinüber zur vierten Strophe, die den Traum zur Zukunft hin öffnet, die sich, befreiender Schlußsatz, in der Tat verwirklicht. In der Ruhe des Sonetts gelingt eine stille Meisterschaft.

»Zwischenwelten«

Er war besessen vom Schreiben. Was er dachte und fühlte, mußte er ins Gedicht entlassen; so wurde er seiner selbst inne. Die Verse fügten sich ihm mühelos, die Reime fielen ihm leicht zu. Wer so sein Inneres nach außen ins Wort kehrt, fegt auch vieles heraus, was dem Augenblick entspringt und nicht Bestand hat. Das gilt für manche bedeutende, selbst für große Dichter. In einem späten Rückblick auf sein Werk hat Becher selbstkritisch gesagt, er habe viele schlechte Gedichte gemacht. »Wenn ich die schlechten durchsehe, so erscheint es mir unglaublich, daß ich je solche geschrieben habe. Was für ein unmöglicher Mensch, der derlei verfaßt hat.« Das war keine Koketterie, wie Marcel Reich-Ranicki unterstellte; Becher hat sein Leben lang damit gerungen, das Unmögliche möglich zu machen: in der nicht mehr stimmenden Empfindungswelt des humanistischen Bürgertums beheimatet und zugleich von der unerbittlichen Leidenschaft des kommunistischen Revolutionärs ergriffen zu sein – oft genug blieb es unmöglich. Doch wo es gelang, entstanden große Gedichte. Mit ihnen gehört Becher zur deutschen Nationalliteratur.

Becher gehörte zu der Generation, die Bloch die »Zwischenwelten« nannte. Er war, aus bürgerlicher Familie stammend, politischer Kommunist mit einer bürgerlichen Seele. Umso leidenschaftlicher war er Kommunist, als er den Zerfall der bürgerlichen Kultur als den seiner eigenen Herkunft erlebte. In seinen Klagen um Deutschland kommen die beiden Komponenten zusammen. Als ich jung war, berührte mich das Übergewicht des Deutschland-Themas in seinem Werk unangenehm. Die eigene Erfahrung war zu sehr mit Nationalsozialismus, mit Klassenherrschaft, Restauration und neuem imperialistischen Kapitalismus im Westen besetzt, als daß ich damals Bechers Patriotismus für deutsche Geschichte und Kultur, sein Heimweh nach deutscher Landschaft hätte mitfühlen können. Merkwürdig, daß ich heute, seit einem halben Jahrhundert im Ausland lebend und Deutschland noch ferner gerückt, seit es keine DDR mehr gibt, Bechers Bindung an die Nation, wenn auch nicht mitfühlen, so doch besser verstehen kann. Sprache und Kulturprägung sind für den geistig Schaffenden ein bestimmendes Moment seiner Identität. Man schreibt als Dichter anders, wenn man Goethe und Heine, Lessing und Fontane in seinem Rücken hat, als wenn es Corneille und Voltaire, Shakespeare und Byron sind. Kant und Hegel hinterließen einen anderen Denkstil als Descartes und Locke. Wie kein anderer deutscher Dichter des 20. Jahrhunderts ist Becher deutsch; kein anderer hätte wie er eine Nationalhymne schreiben können, die auf jeden Anklang an »Deutschland, Deutschland über alles«, an »Rule Britannia, rule the waves«, an »Le jour de gloire est arrivé« zu verzichten vermag. Für mich ist seine Hymne die bewegendste, voll Liebe zur Heimat, zu den Menschen, zum Frieden.

Ausdruck der humanen Selbstbesinnung nach den Exzessen des Unrechts und der Unmenschlichkeit, die ja nicht deutsch, sondern die Zuckungen des um sich schlagenden untergehenden Kapitalismus sind.

Becher stand für das Neue, für das wir seit der Oktoberrevolution kämpfen, von dem wir 1945 hofften, daß es nun anbreche. Er hat ein Dutzend Jahre die Kultur des Friedens in der DDR mitgeprägt. Vergessen wir nicht, was es heißt, daß die DDR in den kurzen Jahren des Aufbaus der Schaffensort von vier kommunistischen Lyrikern war, die zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts gehören und wahrhaft Gegensätze sind, in denen sich der Reichtum dieses Neuanfangs zeigt: Becher und Brecht, Hermlin (den ich vor seinem späten Rückfall in den bürgerlichen Individualismus dazu rechnen möchte) und Hacks – zugespitzte Antithesen und doch in dem gleichen Boden wurzelnd.

Literatur

– Johannes R. Becher, Werke in drei Bänden, Berlin/DDR 1970
– Hans Heinz Holz, Philosophie der zersplitterten Welt, Kap. 1: Philosophie im Zeitalter des deutschen Expressionismus, Bonn 1992
– ders., »Erbe und Novum. Zur Philosophie der ›Zwischenwelten‹«, in: Bloch-Almanach 25/2006, S. 21 ff.
– Hans Jürgen Schmitt (Hg.), Die Expressionismus-Debatte, Frankfurt/M.1973


Johannes R. Becher

Wir
Unsere Zeit
Das 20. Jahrhundert

Ich weiß, hier diese Zeit, in der ich bin,
Ist allgewaltig. Keine andere kann
Sich mit ihr messen. Sinn und Widersinn
Der Zeit verheißen: eine Zeit bricht an!

Mit ungestümer Kraft gestalte ich
Mich um, daß ich nicht diese Zeit verliere.
Und sieh: die neue Zeit gestaltet mich
Und wandelt mich, denn ich bin ganz der ihre.

Oft blicke ich in dich hinein, verwundert, Du, meine Zeit. …
Und hätte ich die Wahl,
Mir auszusuchen eine von den Zeiten,

Ich wählte dich, und würde noch einmal
Verkünden stolz und rufen in die Weiten:
Wir, unsere Zeit, das zwanzigste Jahrhundert!

(Von Becher als Motto der ersten Auswahlausgabe seiner Werke im Aufbauverlag 1949 vorangestellt).


Junge Welt; 20.11.2008