Ramona Sinclair: Unterwegs zu Lenin

29.09.2008, 10:12

Beitrag von: RedAktion

Vom Kampf um Unabhängigkeit und Sozialismus: Auf den Spuren des »roten Tampere«. Eine Begegnung mit Gegenwart und Geschichte der finnischen Stadt


Finnische und russische Rotgardisten 1918 nahe Tampere, einem Zentrum der finnischen Arbeiterbewegung
Wer »Finnland« denkt, denkt zumeist an Seen, Sauna, Mücken und Angeln. Und wer sich als Erholungssuchender nicht an ein stilles Gewässer setzt, um ahnungslosen Forellen aufzulauern, durchfährt das Land oft mit dem Campinganhänger schnurstracks in Richtung Nordkap. So manche Sehenswürdigkeit bleibt dann links liegen.

Unsere Gruppe setzte per Fähre von Rostock nach Helsinki über, zog von dort aus entlang der Küste. Ausgerechnet auf einem Friedhof erwartete uns dann eine Überraschung. Wir besichtigten in einem Dorf unweit der überwiegend schwedischsprachigen Stadt Ekenäs die mittelalterliche Kirche, begingen dann den angeschlossenen »Gottesacker«, auf dem der monumentale Grabstein aus rotem Granit, davor frische Blumen, kaum zu übersehen war: »Für die Freiheit der Arbeiter« stand in schwedischer und finnischer Sprache darauf. Hinter den eingemeißelten Namen stand fast ausnahmslos als Todesjahr »1918« – einige der fünfzig Getöteten, derer hier gedacht wurde, hatten gerade erst das sechzehnte Lebensjahr vollendet.

Rotgardisten in der Nacht

In einem Café in Ekenäs fragen wir nach. Die Inhaberin weist uns auf das ausliegende Werk eines lokalen Historikers hin. Wir kramen unsere Kenntnisse der schwedischen Sprache zusammen und erleben eine erneute Überraschung: Von einem Generalstreik und revolutionären Auseinandersetzungen ist in dem Buch die Rede, von Kämpfen zwischen roten Garden auf der einen und weißen Schutzkorps und kaiserlich-deutschen Truppen auf der anderen Seite. Der Bürgerkrieg des Jahres 1918 hätte in der finnischen Geschichtsschreibung lange Zeit als eine Art »nationaler Befreiungskrieg« von Rußland firmiert, so die Caféhausbesitzerin. Schließlich hätten auf seiten der finnischen Rotgardisten auch russische Soldaten gekämpft. Die Stadt Tampere sei Schauplatz der Entscheidungsschlacht gewesen.

Als gelernten DDR-Bürgern war uns im Schulunterricht die Geschichte der russichen Oktoberrevolution ausführlich nahegebracht worden – über das, was sich fast zeitgleich im benachbarten Finnland zugetragen hatte, besaßen wir indes nur fragmentarische Kenntnisse. Also entschieden wir uns, dem Nachholbedarf zu entsprechen und den ursprünglich nicht auf unserer Reiseroute liegenden Verkehrsknotenpunkt am südlichen Rand der zentralfinnischen Seenplatte anzusteuern – vor allem die Museen dort. Um Tampere zu erreichen, müssen wir einen Abstecher ins Landesinnere unternehmen; die drittgrößte Stadt Finnlands liegt etwa 200 Kilometer von der Küste entfernt. Die schnurgerade Autobahn führt durch endlos scheinende Birken- und Fichtenwälder. Ein Brecht-Kenner unter uns witzelt, Herr Puntila hätte ruhig seinen Wald verkaufen können – hier gäbe es noch mehr davon.

Handelspartner Sowjetunion

Ein einzigartiges Projekt: Lenin-Museum in Tampere. Es wurde 1946 gegründet. Hier fanden 1905 und 1906 Konferenzen der SDAPR (Bolschewiki) statt


Tampere ist erreicht. Im Touristenbüro erläutert uns ein Mitarbeiter Eckpunkte der neueren Stadtgeschichte: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner Finnlands hätten zahlreiche Industriebetriebe mangels Absatzmarkt schließen müssen. Im Rahmen einer umfangreichen Sanierung seien die leerstehenden Gebäude dann zu Gaststätten, Kaufhäusern, Kulturprojekten und Museen umgebaut worden – das einstige Industriezentrum Tampere gelte mittlerweile als Kulturmetropole.

In der Tat hat die Stadt diesbezüglich allerhand zu bieten. Sogar unsere doch sehr spezielle Suche nach der Revolutionsgeschichte des Landes ist schnell erfolgreich – nämlich im am östlichen Ende Tamperes gelegenen »Arbeitermuseumsviertel Alt-Amuri«. In der dort ausliegenden Dokumentation heißt es, Amuri sei einst ein Arbeitervorort gewesen. Als Ende der sechziger Jahre mit dem Abriß der alten Holzhäuser begonnen wurde, habe man bewußt fünf Wohnblöcke verschont, um die Lebensverhältnisse in der Frühphase der kapitalistischen Industrialisierung zu dokumentieren.

Die Museumsführerin erläutert: Die vorgestellten Biographien der damaligen Bewohner seien zumeist fiktiv, jedoch in einem Forschungsprojekt als typisch herausgearbeitet worden. Die Räumlichkeiten inklusive des Originalmobiliars seien so rekonstruiert, daß sie die Lebensweise finnischer Arbeiterfamilien in jeweils einem bestimmten Jahr widerspiegeln. Grauenhafte Bedingungen erschließen sich uns – eine bedrückende Enge der Zimmer und bitterste Armut. Oft mußten sich sechs oder sieben Personen einen winzigen Raum teilen. Es gibt eine Gemeinschaftsküche für das ganze Haus, auf dem Hof primitive Sanitäreinrichtungen. Keine Hoffnung also? In einer spartanisch eingerichteten Arbeiterstube des Jahres 1918 hängt ein Bild von Karl Marx an der Wand. In dem erläuternden Text heißt es, der Bewohner hätte im Bürgerkrieg auf seiten der Rotgardisten gekämpft.

Unsere nächste Station ist das »Zentralmuseum der Arbeiterbewegung« in den Hallen einer stillgelegten Textilfabrik. Hier finden wir ein buntes Sammelsurium von Exponaten aus verschiedenen Epochen der finnischen Geschichte – meist aus den Zeiten der nationalen Unterdrückung zunächst als Teil des schwedischen Königreichs bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dann als Großfürstentum des russischen Zarenreichs bis 1917.

Informiert wird ungeschminkt über die mörderischen Arbeitsbedingungen in den Werkhallen. Bilder der ersten Streiks und Demonstrationen werden ausgestellt; ein Foto zeigt einen zerlumpten, bettelnden Krüppel. Die Arbeiter litten Hunger, während die Fabrikbesitzer die Zarenfamilie bei Festessen mit Ananas bewirteten, heißt es in einem erläuternden Text zu den frühen Arbeitskämpfen. In der gleichfalls dokumentierten »Roten Deklaration« des Jahres 1905 fordern streikende Arbeiter der Stadt Tampere erstmals die staatliche Unabhängigkeit Finnlands.

Ausführlich informiert über den unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung Finnlands ausgebrochenen Bürgerkrieg werden wir dann im Museumszentrum »Vapriikki« – einer stillgelegten Baumwollspinnerei. Eine Landkarte zeigt, daß sich nach dem Aufstand vom 27. Januar 1918 der gesamte Süden Finnlands unter Kontrolle der von Gewerkschaften und Sozialdemokratie gebildeten provisorischen Arbeiterregierung befand, während sich in Zentralfinnland und im Norden die bürgerliche Regierung der nationalen Bourgeoisie behaupten konnte. Höhepunkt der damaligen Kämpfe war die Schlacht um die Arbeiterhochburg Tampere vom 28. März bis 6. April 1918, die mit dem Einmarsch der weißen Truppen endete.

Der zaristische General

In der Ausstellung »Tampere 1918« hört man aus Lautsprechern patriotische Reden des vormaligen zaristischen Generals Mannerheim, den die Regierung mit der Niederwerfung der revolutionären Bewegung beauftragt hatte. Auf Propagandapostkarten der Weißen bedrohen aus einer roten Gewitterwolke heraus – in Form von Blitz und Donner – Kommunismus und Sozialismus die friedliche Idylle des finnischen Bauernhofs. Und unser Museumsführer erklärt, daß die meisten Angehörigen der weißen Schutzkorps Bauernsöhne aus den zurückgebliebenen Agrargebieten Zentralfinnlands waren. Auf Flugblättern liest man Texte Mannerheims, in denen er den roten Verteidigern der Stadt Pardon verspricht, wenn sie sich ergeben – eine Zusage, die er nicht einhielt.

Es werden Filmaufnahmen aus dem roten Tampere gezeigt: Die Verteidiger bewaffnen sich, errichten Barrikaden. Die Szenen erinnern an frühe sowjetische Revolutionsfilme – hier sind es Dokumentaraufnahmen. Noch nicht die ihnen bevorstehende Niederlage ahnend winken Rotgardisten fröhlich in die Kamera. Die letzten Fotos der Ausstellung zeigen zerschossene Häuser, Straßen und Fabrikhallen voller Leichen. 600 weiße Soldaten und 1800 Rotgardisten starben bei den Kämpfen in der umzingelten Stadt, ehe die letzten Verteidiger die Waffen streckten. Insgesamt kamen während des Bürgerkrieges etwa 20000 Menschen ums Leben – nur die Hälfte von ihnen bei Kampfhandlungen. Allein über 8000 gefangene Rotgardisten fielen der Rache der Sieger zum Opfer.

Nach dem Ende der Kämpfe dann internierte die Regierung 80000 als »Rote« verdächtigte Arbeiter in Lagern; 12000 bis 13000 von ihnen starben an Hunger und Seuchen oder wurden von den Wachmannschaften umgebracht.

Ein Haus für Lenin


Nach der Schlacht: Tampere wurde im finnischen Bürgerkriegs 1918 (28.1. bis 15.5.) weitgehend zerstört
Wir finden ein weiteres Museum in einer Hauptstraße, unweit des Stadtzentrums. Das Haus macht einen ehrwürdigen Eindruck, erbaut bereits im 19. Jahrhundert. Seine ganz eigene Historie handelt von der lokalen Arbeiterbewegung, erzählt von seiner Zeit als Gewerkschaftshaus von Tampere, in dem im Dezember 1905 und im November 1906 Konferenzen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) stattfanden. An denen nahm auch Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, als Delegierter teil. Gleich nach dem Betreten des Gebäudes stoßen wir auf ein Bild von Lenin – mit einladend gestrecktem Arm zeigt er als Wegweiser in die zweite Etage.

Das Lenin-Museum wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eingerichtet, als sich die Beziehungen zwischen Finnland und der Sowjetunion normalisierten. Betreiber war damals die Finnisch-Sowjetische Gesellschaft – mittlerweile in innisch-Russische Gesellschaft umbenannt. Im derzeitigen Vorstand des Museums sitzen Vertreter dieser Gesellschaft, der Stadtverwaltung von Tampere und des finnischen Unterrichtsministeriums. Ziel des Museums sei es, die finnisch-russische Zusammenarbeit zu vertiefen, so der Anspruch. Und tatsächlich scheint das Museum ungeachtet der politischen Umbrüche im Mutterlande Lenins weitgehend im ursprünglichen Zustand belassen worden zu sein. Ein kurzer Hinweis im Material, daß Lenin heute eine »stark umstrittene Persönlichkeit« sei und sehr unterschiedlich eingeschätzt werde, ist die einzige ins Auge fallende Anpassung an den Zeitgeist – und auch deswegen wird unser letzter Museumsbesuch hier zum Höhepunkt des Streifzuges durch das revolutionäre Tampere.

Das, nach eigenen Angaben, einzige Museum seiner Art ist in zwei Sälen untergebracht – denselben Räumen, in denen 1905 und 1906 die russischen Revolutionäre konferierten. Anhand von historischen Dokumenten und Fotos sowie Büchern und Zeitungsartikeln wird der Weg Wladimir Uljanows vom begabten Oberschüler zum Revolutionsführer und Begründer des ersten sozialistischen Staates nachgezeichnet. Irgendwo zwischen den zahlreichen Porträts des Protagonisten findet sich dann auch eines von Josef Stalin – beide trafen im Jahre 1905 in diesen Räumen erstmals aufeinander. Natürlich findet sich auch in Tampere das Bild von der berühmten Laubhütte in Rasliw bei Sankt Petersburg, in der sich Lenin mehrere Wochen vor Kerenskis Polizei verbergen mußte. Und ein Foto des finnischen Lokomotivführers Hugo Jalava, der im August 1917 den als Heizer verkleideten Revolutionär aus Petrograd herausschmuggelte. Schließlich stehen wir fasziniert vor dem Schreibtisch, an dem Lenin im September 1917 sein Werk »Staat und Revolution« vollendete. Was im Geschichtsunterricht der DDR irgendwann nur noch Langeweile hervorrief und schnell überblättert wurde, wirkt hier unerwartet aktuell.

Finnlands Unabhängigkeit

Die Exposition hebt das Wirken Lenins als Internationalist hervor, der keinerlei großrussische Ambitionen hegte und das ehemalige Zarenreich in eine Union freiwilliger und gleichberechtigter Staaten umwandeln wollte. Ausgestellt ist zum Beispiel ein Artikel Lenins aus der Zeitschrift Iskra, in dem er sich mit der zaristischen Unterdrückungspolitik gegenüber den nichtrussischen Bevölkerungsteilen auseinandersetzt und sich für die Wahrung der politischen und nationalen Rechte des finnischen Volkes ausspricht. Schließlich die historische Urkunde: Der Rat der Volkskommissare des revolutionären Rußlands erkennt am 31.12.1917 die staatliche Unabhängigkeit Finnlands an. Nur wenige Monate später wird der weltweit erste Vertrag zwischen zwei sozialistischen Staaten abgeschlossen: Die Kooperationsvereinbarung zwischen Sowjetrußland und der finnischen Revolutionsregierung stammt vom 1. März 1918 und hängt als Reproduktion aus.

Nur wenige Exponate behandeln den finnischen Bürgerkrieg des Jahres 1918: Lenin verhandelte gerade mit dem Deutschen Reich den Friedensvertrag von Brest-Litowsk und vermied eine direkte Einmischung. Erst spät lieferte Rußland den finnischen Arbeitern einige Gewehre, Freiwillige eilten ihren finnischen Klassengenossen zu Hilfe. Das kaiserliche Deutschland aber unterstützte die finnische bürgerliche Regierung von Anfang an mit Waffen und durch die Entsendung von Truppen. Dokumentiert sind Briefe Lenins, in denen er gegen den in Finnland wütenden weißen Terror protestierte und Flüchtlingen Hilfe versprach.

Ungeschönter Blick

Am Ausgang fragen uns zwei Besucher auf englisch, ob wir »Germans« wären. Sie kämen aus Australien und wären eigens wegen des Lenin-Museums nach Tampere gereist. Zum Abschied winken sie uns fröhlich zu. Es habe sich gelohnt, meinten sie vorher noch. Und auch wir ziehen das Fazit, daß uns der museale Streifzug durch Tampere einen ungeschönten Blick in die jüngere Vergangenheit des Landes bot, wie er im gegenwärtigen Deutschland kaum denkbar ist. Man stelle sich in der »Heldenstadt« Leipzig eine Ausstellung über Max Hölz und den mitteldeutschen Aufstand vor! Offenbar wirkt in Finnland noch immer die jahrzehntelange Neutralitätspolitik nach, erlaubt einen unverkrampften Umgang mit der eigenen Revolutionsgeschichte.

In Gesprächen wurde uns immer wieder bestätigt, daß die Zeit der engen wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion sei das »Goldene Zeitalter« der finnischen Wirtschaft gewesen. Blitzschnell kletterte mit dem Ende der sowjetischen Schwerindustrie und ihrer finnischen Zulieferbetriebe die Arbeitslosigkeit von drei auf zwanzig Prozent. Heute habe sie sich zwar bei etwa zehn Prozent eingepegelt, aber von einem »Wirtschaftswunder« sei Finnland weit entfernt.

Doch auch ohne die Hinweise Einheimischer ist kaum zu übersehen, daß nicht alle der nach der Stillegung der klassischen Industrieunternehmen Tamperes »freigesetzten« Arbeiter und Angestellten vom Glanz der Kulturmetropole und dem benachbarten High-Tech-Zentrum Nokia profitierten. Deutlichstes Bild: Menschen durchsuchen Papierkörbe nach Eßbarem oder Flaschen. Und eine Hotelangestellte bricht in schallendes Gelächter aus, als wir arglos unseren neu erstandenen Reiseführer zitieren: Die Einführung des Euro habe in Finnland ein Absinken des Preisniveaus zur Folge gehabt. Genau des Gegenteil sei der Fall gewesen, meint sie. Wir nicken. Ja, das kennen wir.

Junge Welt; 29.09.2008


KomInform
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