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Rainer Rupp: Drohkulisse aufgebaut


War bereits 1999 beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien beteiligt – das amphibische Angriffsschiff USS Kearsarge
Foto: US Navy Photo
Laut offizieller Verlautbarungen des Pentagon ist seit Dienstag die 4. US-Flotte wieder voll einsatzfähig. Operationsgebiet des seit Anfang April rekonstituierten Kriegsmarineverband sind die Karibik und die Küstengewässer Zentral- und Südamerikas. Die Brasilianerin Maria do Socorro Gomes, Präsidentin des Weltfriedensrates, verurteilte die neue US-Bedrohung im Südatlantik als »ernste Gefahr für den Frieden, die Sicherheit und die Souveränität aller Nationen und Völker Lateinamerikas«. Bereits in der vergangenen Woche warnte Venezuelas Präsident Hugo Chávez bei einer Militärparade anläßlich der Lieferung hochmoderner russischer Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi30 Washington, sein Land werde sich von der 4. US-Flotte nicht erpressen lassen.

Ursprünglich war die »4th Fleet« 1943 zusammengestellt worden, um während des Zweiten Weltkrieges im Südatlantik Blockadebrecher und Kriegsschiffe der Achsenmächte, zu bekämpfen, insbesondere U-Boote der deutschen Wehrmacht. Nach dem Krieg wurde die 4. Flotte aufgelöst, ihre Aufgaben wurden 1950 von der 2.US-Flotte übernommen. Fortan aber ist die auferstandene »Vierte« wieder für die Region zuständig. Offiziell lauten ihre Aufgaben: »Zusammenwirken mit den Kriegsmarinen von Partnerländern, Kooperation in militärischen Krisenregionen, bi- und multilaterale militärische Ausbildung und die Unterbindung von Drogenschmuggel«. Die Herkunft des kommandierenden Admirals der 4. US-Flotte, Joseph D. Kernan, deutet jedoch die eigentliche Zielrichtung an. Als ausgebildeter Navy Seal ist er Spezialist für verdeckte Militäroperationen; zuletzt war Kernan Kommandeur für Sonderoperationen der US-Kriegsmarine.

Die 4. US-Flotte ist Teil des U.S. Southern Command, ihre Hauptbasis hat sie in Mayport, Florida. Sie besteht aus einem Flugzeugträger, Landungsschiffen und Hubschrauberträgern für verdeckte schnelle Operationen sowie weiteren Kriegsschiffen aller Art. Einsatzgebiet ist der Südatlantik, wo die Flotte entlang der Küsten des südamerikanischen Subkontinents die Machtansprüche der USA in der Re­gion untermauern soll. Denn außer dem US-Vasallenstaat Kolumbien sind alle anderen lateinamerikanischen Länder inzwischen mehr oder weniger auf Distanz zu Washington gegangen. Zum Entsetzen der Yankee-Imperialisten streben viele Länder sogar eine links-sozialdemokratische (z.B. Brasilien) oder sozialistische Entwicklung (z.B. Venezuela) an. Washington, das seit Jahren zwanghaft mit dem Irak beschäftigt ist, hatte diese Entwicklung in dem von den USA jahrzehntelang als »Hinterhof« behandelten Subkontinent weitgehend verschlafen. Nun aber soll dort offensichtlich die »natürliche« Ordnung der US-Hegemonie durch den Aufbau einer massiven Drohkulisse wiederhergestellt werden.

Der Operationschef der US-Kriegsmarine, Admiral Gary Roughead, feierte denn auch die Wiedereinsatzfähigkeit der 4. Flotte als »starkes Signal« an alle in Lateinamerika. In der Tat wird das »starke Signal« in der Region weithin als Warnung an die Adresse der fortschrittlichen Kräfte gesehen, zumal der nuklear bewaffnete Marineverband eine ernste atomare Bedrohung darstellt. Weltfriedensratspräsidentin Gomes forderte alle Länder der Region auf, sich von der »aggressiven, interventionistischen« US-Flotte nicht einschüchtern zu lassen. Er sieht in ihrer Bereitstellung einen »Versuch der USA, die Prinzipien des Präventivkriegs – eine faschistische Doktrin im Dienst des Staatsterrorismus – auf unseren Kontinent zu übertragen«.


Junge Welt; 02.06.2008