Heidi Urbahn de Jauregui: Das Frauenbild im Werk von Peter Hacks

Albert Ebert, »Adam und Eva im Paradies«, 1969 (Illustration zu Peter Hacks’ Drama »Adam und Eva«)
»Was ich für die Menschheit unterließe,/Tu ich immer gerne für die Weiber.« Dichtet da ein Frauenfreund, der die Frauen nicht zur Menschheit zählt? – mögen Kämpferinnen für die Frauenrechte fragen. Soviel läßt sich sagen, daß Frauen im Werk von Peter Hacks eine bedeutende Rolle spielen. Kein Wunder, höre ich, schließlich bevölkern sie mit den Männern zu gleichen Teilen die Welt. Nun, die Welt schon, aber nicht die große Dichtung, nicht wenn sie danach fragte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die klassische Dichtung, der Hacks sich verpflichtet fühlte, war nämlich Männersache.
Die darin auftretenden Frauen dienten zur Erziehung und Persönlichkeitserweiterung der männlichen Hauptgestalten im Werk oder in der Welt. Das galt selbst dann, wenn Frauen Titelfiguren waren. Hat sich das bei Hacks geändert? Die Voraussetzung ist natürlich die gleiche geblieben: Da er ein Mann war, schrieb er aus männlicher Perspektive, so wie Dichterinnen aus weiblicher Perspektive zu schreiben pflegen. Es gibt tatsächlich Frauenrechtler/innen, die man an diesen Gemeinplatz erinnern muß. Dies Sich-zu-seinem-Geschlecht-Bekennen bedeutet ja nicht, daß man das andere Geschlecht für minderwertiger erachtet.
Nun kenne ich eine feministische Richtung, welche die Frau aufzuwerten versucht, indem sie den Unterschied zwischen den Geschlechtern leugnet. Simone de Beauvoir ging da voran, als sie proklamierte: »Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau erzogen.« Sie stammte aus dem Bürgertum und hatte erfahren, daß die Entfremdung der Geschlechter und parallel dazu die Unterdrückung der Frau seit der Antike nicht solche Ausmaße angenommen hatte wie in der Bourgeoisie seit ihrer Machtübernahme nach der Französischen Revolution. Engels und Bebel haben nach den Gründen für diese Unterdrückung geforscht. Was Hacks zum Widerspruch reizte, war ein Feminismus, der wissenschaftliche Erkenntnisse hinter sich ließ oder verdrehte und moralisch oder sonstwie emotional aufgeheizt argumentierte, wie er es als für Frauen unwürdig empfand. Als es in der 68er-Bewegung Mode wurde, Kinder antiautoritär zu erziehen, gehörte dazu auch die Gleichschaltung der Geschlechter. Die armen kleinen Jungen sollten lernen, daß da, wo ihre Spielgenossinnen comme il faut gebildet waren, sie selbst nur eine »wuchernde Klitoris« besaßen. Gewiß, das waren Auswüchse (jetzt bildlich gesprochen), aber man – oder heißt es frau? – verfuhr ähnlich rabiat auch mit der Grammatik, wo es doch nur um praktisch ordnende Begriffe geht. (In der französischen Sprache ist das Männliche noch ganz anders dominant, und mir ist keine Französin bekannt, die sich je darüber gewundert hätte. Ob es daran liegt, daß Französinnen schon so viel länger als westdeutsche Frauen über ein eigenes Arbeitseinkommen verfügen?)
Um eine künftige Ordnung ...
Beginnen wir also bei der Sprache. Wie heißt es da bei Hacks: »Mir scheint angezeigt, gewissen Fraun/ Die fetten HinterInnen durchzuhaun.« Man hört förmlich den Protestschrei damaliger Feministinnen. (DDR-Frauen konnten darüber lachen, die verdienten ja ihr eigenes Geld.) Hacks bezeichnete diese im Westen proklamierte Annäherung der Geschlechter als Scheinemanzipation, ihre Adepten als »Frauentümlerinnen«. Es handele sich da, so Hacks, um einen infantilisierenden Rückschritt, der die beiden Geschlechter auf einem geistigen Niveau von Zwölfjährigen halten wolle, wo sie noch bisexuell seien. So betone er hingegen in seinen Stücken immer das Weibliche an den Frauen.
Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter, ihr so überaus schwieriges Zueinander-Finden wird immer wieder in seinem Werk thematisiert, wobei natürlich von seinem Standpunkt aus gesehen das weibliche Geschlecht das andere, rätselhafte, nie zu fassende ist. »Ein Wunder ist das Weib unter den Wesen ...«, läßt Hacks seinen Herkules sagen, »Beschämt/ Steht Arbeit vor so äußerstem Gelingen«. Das »Omphale«-Stück handelt von dem Versuch, das weibliche Gegenüber in der Entäußerung von allem Männlichen zu fassen. »Wie angestrengt: Ein Mann ...«, findet Herkules. Seine »Arbeit« trennt ihn von der Geliebten, denn »Mit jedem Keulenschlag/ Erschlag ich eine Möglichkeit in mir« – also auch die Möglichkeit, liebend ganz dem geliebten Gegenüber nahe zu sein. Natürlich gilt das auch umgekehrt für die Frau, und so wechseln sie beide ihre Rollen. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß eben Herkules für sein Begehren die bewegenderen Worte findet. Wenn der Dichter sein Stück nach der Protagonistin betitelt hat, so weil sie den Wunschtraum des Mannes verkörpert. (Übrigens geht das ja nicht leicht auf der Bühne darzustellen. Hosenrollen pflegen dem Weiblichen eine pikante Note zu geben, doch Schauspieler in Weiberröcken bekommen unweigerlich etwas Transvestitenhaftes. Warum aber ist das so?) Nun geht das Experiment des Rollentausches ja aber nicht auf. Die Umstände erfordern ihre angestammten Rechte, sie verlangen das Eingreifen des Herkules, und Omphale ist es, die ihm dazu seine Keule bringt. Sie selbst wird durch die Geburtswehen auf ihre weibliche Körperlichkeit zurückgeworfen. Ist es ein Zurück? Hier doch wohl, so wie Herkules' erneuter Männerkampf ebenfalls ein Zurück gegenüber der im Stück entworfenen Utopie bedeutet.
Ausdrücklich weist Hacks auf den geschichtlichen Werdegang der beiden Geschlechter hin. Es gibt da eine zweite Utopie im »Omphale«-Stück, die mit der ersten eng verknüpft ist. Am Ende steckt Herkules seine Keule in die Erde und wünscht, dieser »Sproß der Olive« möge wieder zu dem werden, was einst in ihm angelegt war. Das ist kein pazifistisches »Schwerter zu Pflugscharen«. Hacks trat stets für einen Sozialismus ein, der sich – notfalls mit Waffengewalt – zu verteidigen wüßte. Es ist vielmehr ein Hinweis auf den Weg der Menschheit vom Mutterrecht des Urkommunismus über das Vaterrecht der Klassengesellschaft zu einer künftigen Ordnung. Hacks hat stets energisch abgewehrt, wenn Feministinnen oder Linksextreme die erste Stufe verherrlichten und zu ihr zurückwollten. Im Balladenessay schildert er anschaulich, wie die Zeit des Mutterrechts auch die Zeit der Menschenfresserei und anderer Unannehmlichkeiten war. Die Herrschaft der Stammmütter sei alles andere als unblutig verlaufen. (Ob das der Grund ist, warum Simone de Beauvoir in ihrem Buch »Le Deuxième Sexe« – dt. »Das andere Geschlecht« – leugnete, daß es jemals eine Herrschaft der Frauen gegeben habe? So hielt sie sich da lieber an den ethnologischen Strukturalismus ihres Freundes Lévi-Strauss.)
... und höhere Freiheit

Albert Ebert, »Geht in die Welt, das Paradies habt ihr verloren«, 1974 (Illustration zu Peter Hacks’ Drama »Adam und Eva«)
Die Zwischenstufe der männerherrschenden Klassengesellschaft hält der Dichter für einen Fortschritt – auch für die Persönlichkeitsfindung der Frau, denn: »Mit der Warenwirtschaft entsteht das Individuum, mit dem Individuum die individuelle Liebe.« Dazu gehört, daß sich beide Geschlechter in ihrem Anderssein wahrnehmen und achten. Das Anderssein sieht Hacks erst einmal biologisch, und es ist ja nicht einzusehen, daß, wenn sich Affen und Menschen nur durch ganz wenige winzige Gene unterscheiden, der Unterschied von Mann und Frau aber, der immerhin ein Chromosom, also eine ganze Kette von Genen betrifft, bloß eine menschliche Erfindung sein sollte. Allerdings hüte man sich davor, eine Erbanlage gegenüber der anderen als die entwickeltere (also etwa das XY dem Affenstadium näher stehend als das XX) zu betrachten. Aber Hacks geht natürlich weiter: »Ich bin der Meinung, daß Frauen eine andere Rasse von Menschen sind als Männer, es sein müssen und bleiben werden, weil diese sogenannten biologischen Unterschiede, um das Mindeste zu sagen, Unterschiede im Sexualverhalten bedingen, und man müßte die menschliche Seele nicht kennen, um nicht zu wissen, wie stark Unterschiede im Sexualverhalten das Gesamtverhalten prägen.« Bei den Urmenschen war das Bewußtsein dieses Unterschieds noch unentwickelt. Sie waren sich ihrer Nacktheit nicht bewußt und übten den Beischlaf also »als eine Nebensache« aus, so Hacks. Wirklich interessant sei die Sache erst geworden, als sie mit Verboten belegt wurde.
Dieser Sprung von der anfänglichen natürlichen in die höhere, menschlichere Freiheit ist das Thema seiner »Adam und Eva«-Komödie. Mit der Scham nach dem Sündenfall (der Erlangung des Bewußtseins, also der Schuldfähigkeit) erkennt das Menschenpaar sich als unterschieden. »Komm, sehr Fremde ...«, läßt er seinen Adam sagen: »Ein Abgrund hat sich zwischen uns gebildet,/ Unüberbrückbar, aber lockend, sich/ In seiner tiefen Ferne zu zerschmettern ...« Die Steigerung des Bewußtseins ist also von Bedeutung auch für die Beziehung zwischen Mann und Frau. Adam: »Was nahm ich denn/ Für Lust vor heut?« (Im Lutherdeutsch steht bekanntlich »erkennen« auch für beischlafen. Die Erkennenden waren natürlich die Männer.) So wird verständlich, daß Hacks die Mode einer schranken- und schamlosen Sexualität, die an den unbewußten Urzustand anzuknüpfen sich bemüht, ein Greuel war. Natürlich ging es ihm nicht darum, die altbürgerlichen Schranken wieder aufzurichten, die ja mit der sexuellen Unterdrückung der Frau verbunden waren, sondern er wollte auch hier vorwärts in ein Neues, statt zurück ins Tierparadies. Man müsse dafür sorgen, »daß der Beischlaf, obgleich nun nicht mehr verboten, fortfahre, eine Hauptsache zu sein ..., also daß er nicht etwa zu einer Betätigung des Jugendalters schrumpfe«, das nichts von ihm verstehe. Schließlich sei Liebe eine Sache des Kopfes, nicht der Lenden. (So hatte Heine schon gesagt.) Es ist nicht der junge Hacks, der uns hier belehrt.
Aus all dem wird verständlich, warum er in seinen Stücken »immer sehr das Weibliche an den Frauen« betonte. Die Dichtung pflegt der Wissenschaft vorauszulaufen. Da las ich neulich im Text eines Neuropsychologen, es sei »wesentlich für die Fortpflanzung, also unser Überleben«, daß wir »das andere Geschlecht als sehr unterschiedlich« wahrnähmen. Es gehöre allerdings eine gewisse Stärke dazu, das Anderssein auszuhalten. Hacks sah das Überleben der Menschheit natürlich nicht vom bloß biologischen Standpunkt aus. In seiner »Amphitryon«-Komödie wird nicht einmal erwähnt, daß aus der Vereinigung von Jupiter mit Alkmene Herkules hervorgeht. Dem Dichter ist es um mehr zu tun. Seinen Jupiter läßt er sagen, daß »das Feuer ihrer Leidenschaft« sie beide, Alkmene und ihn, den Gott, auslösche und »in ein Drittes« schmelze. Hier geht es nicht um die Zeugung eines Kindes, vielmehr um die Hegelsche Triade: Aus zwei Verschiedenen geht ein Höheres hervor. Das ist nur möglich, wenn von zwei Ebenbürtigen ausgegangen wird. Kinder kann man auch mit Sklavinnen zeugen, aber es entstünde nicht das, wonach sein Werk immer wieder fragt. Liebe wie Kunst haben keine Zwecke, wohl aber den hohen Zweck, »das Mündigwerden des Menschen«. Wie im alten Bild der Griechen sieht er sich – unbeweibt – als unvollkommenes Wesen: »...Erst ein Weib/ Macht mich komplett, es ist mein halber Leib« und: »gern ...Träum ich dem Engel nach, der mich ergänzte«.
Zwischen Erhöhung und Kritik
Verschönert er das Bild der Frau, wird ihr also nur halb gerecht? Doch wohl bisweilen. Das geschieht vor allem da, wo er das Dichter-Ich von der Geliebten sprechen läßt, also im Gedicht. Doch auch in manchen Dramen erhöht er die Frau. Am Ende von »Adam und Eva« läßt er Eva alle Schuld auf sich nehmen, um Adam zu retten. Daraufhin sagt Gott: »Ich hatte stets gedacht, mein bester Wurf/ Sei Adam. Falsch, mein bester Wurf ist Eva.« In der »Amphitryon«-Komödie muß sich der Titelheld von Jupiter sagen lassen: »Klar durch Alkmene bist du widerlegt.« Nur sie sei ihm, dem Gott, ebenbürtig. Von den beiden Pandora-Varianten, dem Weib als Verführerin und als Erlöserin, wählt er mit Goethe die frauenfreundliche Fassung. Im »Frieden« kommt ihm (und den Frauen) das griechische (übrigens auch das lateinische) Vokabular zu Hilfe. So ist seine Eirene eine Friedensgöttin und kein -gott. Der auferstandene Sozialismus wird im »Barby«-Stück einzig von der jungen Heldin freudig begrüßt, während alle Männer entsetzt fliehen. In der späten Russentrilogie ist es jeweils eine Frau, die den hohen Gedanken der vereinten russischen Nation zu verkörpern hat, und in der »Binsen«-Komödie wird gezeigt, wie allein eine Frau gegen den Verfall der von Männern geführten DDR anzukämpfen versucht usw. usw. An beherzten, klugen und tapferen Frauen fehlt es nicht in diesem Theater.
Wenn sich dennoch fast mehr über die kritische Frauensicht in Hacks' Dramatik sagen läßt, so deshalb, weil Kunst eben von den Fehlern der Welt lebt und davon natürlich auch die Frauenrollen betroffen sind. So hat Alkmene zwar le beau rôle, aber Amphitryon bekommt sehr stichhaltige Argumente zu seiner Verteidigung, will sagen: zur Anklage Alkmenes. Als Jupiter ihm vorhält, Alkmene habe sich rein erhalten, obwohl sie in der gleichen Welt lebe wie er, entgegnet der gekränkte Ehemann: »Die in der Welt? .../ Sie lebt so wenig in der Welt als Sie./ Sie leben drüber, sie noch nicht mal drin.« So rein sei sie, weil »so unvermischt/ In die Gesetze unsrer Nahrungssuche«. In Männerzeit sind es die Männer, welche die größere Schuld auf sich laden.Wessen Handeln folgenlos bleibt, dessen Schuldfähigkeit ist vermindert. Daß das kein Verdienst der Frauen ist, vielmehr Folge eines ihnen Aufgezwungenen, wird mehrfach deutlich in Hacks' Werk. Daß es die Frauen – außer in der Mythologie und im Gedicht – nicht schöner macht, ganz im Gegenteil, ist dort auch zu lesen. So hat er harte Worte für Goethes Gretchen, das, ein Beispiel für das deutsche Kleinbürgerweib, »stärker als jeder andere Mensch zerstört und gesellschaftlich invalid« sei. In seinem Monodrama stellt er eine Frau (diesmal aus der Oberschicht, Charlotte von Stein) einem Genie (Goethe) gegenüber. Beide, so der Autor, repräsentieren sie gesellschaftliche Grenzfälle, die ihren ihnen gebührenden Platz noch nicht gefunden haben. Das verbindet sie. Die Stein ahnt in Goethe jemanden, der ebenfalls die Männergesellschaft erleidet. Doch wird sie, im Gegensatz zum Genie, dadurch eingeschränkt und vermindert. So habe es zwischen ihnen »keine Ähnlichkeit der Seelen« gegeben. Sie liebten beide nicht sich, sondern nur das Bild, das sie sich vom andern gemacht hatten. Diese Phantomliebe förderte Goethe und führte ihn in die Welt, während die Stein, ungefördert, wieder zurückfiel in ihren engen, angestammten Kreis. Hacks spart nicht an negativen Zügen bei ihrer Darstellung, sie ist haushälterisch geizig, gehört auch in ihrem politischen Verständnis ganz dem reaktionären Adel an und gelangt nicht hinaus über dessen Grenzen. Natürlich bekommt sie auch entlastende Argumente – das gehört sich in Hacks' Theater. Sie habe in Angst gelebt, erst vor dem strengen Vater, dann vor den ständig drohenden Schwangerschaften. Andauernde Angst stärkt nicht die Persönlichkeit, und so ist auch sie »gesellschaftlich invalid«.
Zweierlei Kostbarkeit
Es ist offensichtlich, daß Frauen aller Stände im 18. Jahrhundert benachteiligt waren. Doch pflegten Hacks' in der Geschichte und Mythologie angesiedelte Dramen nicht allgemein Untersuchungen zur Gegenwart zu sein? Das Monodrama entstand in der DDR, von der er später gedichtet hatte: »Was Männer durften, durften auch die Weiber.« Umso erstaunlicher scheint, was er zur Stellung der Frau auch in seiner sozialistischen Gegenwart sagte: »Die endgültige Rolle sowohl der Frauen als der Genies wird sich erst unter der Bedingung wesentlich höherer Produktivität herausstellen. Für die jetzige Aufgabe, Ärmliches zu erzeugen ..., sind beide Sorten, wie ich glaube, zu wenig umweltgeschützt und wohl auch zu kostbar.« Das habe sich also in einer Gesellschaft mit gerechterer Güterverteilung nur ungenügend geändert. Auffallend ist, daß er diejenigen, die aufgrund ihrer Benachteiligung dem Zeitgeist nicht eben vorauszueilen pflegten – im Gedicht spricht er von den »saumnachschleppenden Weibern« – und jene anderen, die eher die gesellschaftliche Vorhut bilden, nebeneinander stellt. Überdies nehmen erstere die Hälfte der Menschheit ein, während letztere seltene Ausnahmefälle darstellen, daher ihre »Kostbarkeit« einleuchtet. Eine Gesellschaft, in der einem lauter Hackse über den Weg liefen – der Himmel bewahre uns.
In einem erst kürzlich veröffentlichten Gespräch1 hat sich Hacks über die unzureichende Stellung der Frau selbst im Sozialismus des 20.Jahrhunderts geäußert. Weder der Parteiapparat, noch der Produktionsprozeß, so heißt es da, seien gemacht, um den Frauen zu gefallen. Man fragt sich allerdings, ob letzterer den Männern so viel mehr gefallen habe, hatte der Dichter doch einst gesagt, daß der Produktionsvorgang als solcher »klassenindifferent« sei, daß es also auch im Sozialismus noch entfremdete Arbeit gebe. Doch hielt er eben diese Entfremdung für noch größer bei Frauenarbeit. Er schwärmte nicht für Traktoristinnen und weibliche Stachanows, hielt einen solchen Einsatz nur für vorübergehende Notlösungen. Er drückte das frauenfreundlich aus, sagte, der Produktionsprozeß sei noch »zu armselig, zu unerfinderisch«, als daß sich die Frauen darin wohlfühlen könnten, er ließe ihnen keinen Raum für ihre eigene Kreativität. Sie könnten ihren Platz also nur in einem weniger aggressiv eingerichteten Arbeitsprozeß finden. (Wie geht das aber mit höherer Produktivität zusammen, die ihm in der DDR so fehlte?) Das gelte auch für die Parteiarbeit, an der Frauen, aus den obigen Gründen, so viel seltener teilnahmen als Männer. Gewiß, hätten nämlich die Frauen in der DDR ihren eigentlichen Platz tatsächlich gefunden, so hätte es ja keines Frauentags mehr bedurft. (In einem von »Frauentümlerinnen« beherrschten Land wäre wohl ein Männertag vonnöten.)

Peter Hacks mit seiner Ehefrau Anna Elisabeth Wiede
Foto: Hansgeorg Michaelis/Eulenspiegel Verlag
Anders als so viele Feministinnen sah Hacks die Frauenfrage – ähnlich wie die Umweltproblematik – als einen integrierten Bestandteil des gesellschaftlichen Kampfes. Auch die Sexualität, die gegenseitige Beziehung der Geschlechter überhaupt, waren nicht daraus zu lösen. Hacks: »Ich lieb nicht schlechter, als ich schreib,/ Bin ja dasselbe Wesen./ Der Unter- wie der Oberleib/ Hat seinen Marx gelesen.« Was er von Saul Aschers Meinung zur Judenfrage sagte, galt ihm auch zur Frauenfrage: Ascher »begriff, daß die Mündigsprechung der Juden nur in einer mündigen Gesellschaft durchführbar sei«. In seinem »Musen«-Stück gestaltet er eine gemeinsame Abhängigkeit der Frauen und der Künstler von der Gesellschaft. Die vier Frauen der vier in jeweils verschiedenen Zeitabschnitten angesiedelten Akte haben eine negative, kunsthindernde Rolle. Im ersten Akt ist der Unterschied zwischen dem klassischen Genie (Goethe) und der schon mit romantischen Zügen behafteten »Muse« noch riesengroß. Sie rücken dann immer näher zusammen, will sagen, der Künstler steigt mehr und mehr zu seiner »Muse« herunter, bis beide sich schließlich im vierten Akt in einer verkommenen DDR in den Toilettenräumen des Staatsratsgebäudes treffen.
Wenn der Dichter Frauen in einer eindeutigen Negativrolle zeigt, so, weil sie nicht auf der Höhe ihrer Zeit stehen, sondern eine düstere Vergangenheit verkörpern. Die Titelfigur aus »Margarete in Aix« will nichts als blutige Rache für den Verlust des englischen Throns. Ihr heiterer kunstliebender Vater und der fortschrittliche französische König sind ihre Gegenspieler. In »Fredegunde« ist es die spanische Prinzessin am Merowingerhof, welche die kluge Politik der positiven Titelgestalt mit ihren reaktionären Intrigen bekämpft. In seinem Kinderroman »Liebkind im Vogelnest« steht eine Bösewichtin für die Unordnung der schadenstiftenden, überwunden geglaubten westlichen Gesellschaftsordnung. Sie heißt Grilla, Fee von Kerfistan, Fürstin von Kakerlak und Mückenburg, Herrin von Raupenau, der Blattlausitz ... Ganz ähnlich, nur ins Männliche gewandelt, stellt sich Mephisto vor. Auch in seiner letzten, sehr bitteren Erzählung tritt das Böse, das den Helden zu sich herüberziehen will, in weiblicher Verkörperung auf, als Gräfin Pappel. Auch sie steht für die westliche Reaktion.
Nur scheinbar fortschrittlich hat sich Senecas Frau zu gebärden. Sie beharrt auf ihrem vermeintlichen Recht, beim Gastmahl ihres Mannes zugegen sein zu dürfen – ausgerechnet an dem Tag, da ihr Mann den kaiserlichen Befehl erhielt, Selbstmord zu begehen. So gehört auch sie zu denen, welche seinen männlich tapferen Vorsatz, den letzten Lebenstag in Würde zu bestehen, mit dem eigensinnigen Beharren auf ihren Sonderinteressen durchkreuzen. Hacks läßt seinen Seneca sagen: »Was dem Tätigen/ Das Tun erleichtert, Ordnung, sie, die wenig tut,/ Befeindet es ...« Man sehe darin zuerst ein Urteil über die vornehme Römerin, die in der Tat völlig ins Abseits gestellt war. Aber Seneca spricht zumeist Hacks-Wahrheiten. Daß Frauen einem anderen Ordnungssinn zu huldigen scheinen als er, der preußische Ordnungsadept, hat er mehrfach in negativen Rollen gestaltet. Semiramis, die Heldin seiner einzigen Tragödie (»Jona«) ist eine Königin, die mit ihrer chaotischen Politik ihr vom Vorgänger befestigtes Reich zugrunde richtet. Gewiß, diese Politik meinte die eines Mannes, nämlich diejenige Honeckers. Dennoch heißt es dazu: »der Geschäftsgang ist weibisch hier ...« Doch lag dem Dichter daran, daß man bemerke, wie diese Worte von einer Frau, der Tochter der Hauptheldin, gesprochen werden. Diese aber muß sich von ihrem Geliebten sagen lassen: »... Ihr kleines Hirn ist überfordert, voll mit Einzelheiten/ Und ohne das Vermögen, auch nur zwei/ Von denen einzureihen nach ihrer Ordnung.« Nun gut, das ist ein Rollendiskurs. Doch hätte ich wenig von Hacks begriffen, wenn ich bei dem, was er mir einmal sagte, nämlich daß meine Texte, denen es nicht an Witz und Anmut fehle, sehr weiblich seien, nicht das »aber«, die Kritik herausgehört hätte. In einer Ballade läßt er den im dunstverhüllten Urchaos herrschenden Drachen ausdrücklich weiblichen Geschlechts sein. Aus dem zerstückelten Leib dieser grauenvollen Urmutter schafft der Sohn den Anfang einer Welt.
»Und Weisheit an der Frau ...«
In einer etwas später angesiedelten Ballade wird die Preußenkönigin Louise dafür verspottet, daß sie sich unbefugt einmischt und gegen die fortschrittlich napoleonische Politik ihres Mannes intrigiert. Frauen, die ihren Ort nicht kennen und sich auf eine wenig förderliche Weise vordrängen, fanden nicht viel Nachsicht beim Dichter. Wenn er in einer Komödie einen Perserkönig sagen läßt: »Und Weisheit an der Frau macht stets den Mann geneigt./ Er ahnt und ehret sie, so lang sie sie nicht zeigt« – so ist es gewiß ein Rollendiskurs und zudem in der verkürzenden Verssprache gesagt, die, laut Goethe, nicht einer gewissen »Unvernunft« zu entbehren pflegt. Dennoch scheint dem Dichter dieser König, schon weil er König ist, nicht unsympathisch gewesen zu sein. Nicht bedeutet es jedoch, daß Hacks nicht voller Hochachtung sein konnte gegenüber Frauen, die ihn durch außergewöhnliche Klugheit überzeugten. Stellvertretend nenne ich zwei Frauen, die er sehr verehrte, und die in sehr männlich besetzten Bereichen tätig waren: die geniale Politikerin Elisabeth, die Shakespeare als Vorbild für die zahlreichen klugen Frauen in seinem Werk diente, und Rosa Luxemburg. Zu den »zehn Gerechten«, welche auch nach dem Ende seines Landes »der Wissenschaft unbeugsame Bekenner« blieben, zählt er ausdrücklich Frauen und Männer.
Zwei Dichterinnen schrieb er außerordentliche Elogen. Einmal der Sarah Kirsch, von der er damals sagte, es gebe zur Zeit »keinen besseren deutschsprachigen Dichter«. Gewiß, der Anlaß war, daß er damit die Dichterin bestärken wollte, in der DDR zu bleiben. Doch nahm er den Essay unter seine Werke auf, auch nachdem sie in den Westen gegangen war, anders als seine Elogen auf den Schriftsteller Christoph Hein, der immerhin bis zum Ende in der DDR ausgeharrt und erst während der Wende sich ganz dem Westen zugewandt hatte. Ob Hacks da von einem Mann mehr verlangte als von einer Frau, die, weniger verstrickt in die gesellschaftlichen Verhältnisse, weniger schuldfähig wäre? Ferner bedachte er seine Landsmännin Friederike Kempner mit amüsiertem Lob. Sie beeindruckte ihn nicht wegen der Vollendung ihrer Gedichte, sondern aufgrund ihres »mannhaften Verstandes« und ihres »mannhaften Willens«, wegen Eigenschaften also, die ihm nahe waren. Übrigens brachte er es fertig, sie gemeinsam mit Wilhelm Busch als »zwei alte Jungfrauen vom Lande« zu titulieren. Er gebrauchte männliche und weibliche Attribute, wie es ihm gefiel. Den eigentlichen Theaterhelden aber, »den Menschen in seiner äußersten Ausprägung, den hochstehenden, wichtigen weltumspannenden Menschen« dachte er sich eher in männlicher Gestalt, als »Schuft, Politikus, Schwächling, Vater, Liebender, Weiser« par excellence.
Da er eine hohe Auffassung von der Liebe hatte, die ihm Vorschein eines späteren Reichtums war, ging ihm alle Hurenromantik, wie sie Brecht aus dem Expressionismus überkommen war, völlig ab: »Wer dumm ist, denkt schlecht, näht schlecht, kocht schlecht und liebt nicht gut.« Wenn er aber dichtet: »Man soll sie bespein, sie in den Rinnstein wegstoßen,/ Daß endlich einmal das Huren aus der Mode kommt«, so ist das wohl mit der Unvernunft der verkürzenden Verse gesagt. Im Essay zieht er gegen eine Variante, gegen das Frauenbild der Romantiker zu Felde. Er weist nach, daß es sich auch da um Scheinemanzipation handelt. Die Femme fatale sei nur »ein folgenloser Seitenzweig in der Menschwerdung des Weibes«, heißt es da, und »die freien Weiber von Jena« seien eine Vorwegnahme des Bildes von der Frau, »zu der man mit der Peitsche« geht. Auf solchem Boden konnte womöglich Ende des 19. Jahrhunderts ein Traktat wie der »Über den physiologisch bedingten Schwachsinn des Weibes« entstehen. Wenn nun der Dichter seinen Seneca sagen läßt: »Des Weibes Merkmal lautet Unzufriedenheit,/ Sie ist, was keiner gerne ist: der Schwächere«, so hört man ein Bemühen um Entschuldigung oder wenigstens um Erklärung heraus. Man könnte sagen, Unzufriedenheit ist ja eine Voraussetzung zur Emanzipation.
Wenn Hacks’ Seneca dann allerdings fortfährt: »Ihr kleinerer Geist behagt sich im Verworrenen,/... Drum als Gehilfin ist sie von Beschaffenheit/ Dem Mann bestimmt«, so fände das schwerlich den Beifall einer Frauenrechtlerin. Doch selbst wenn hier die Eigenschaft des Rollendiskurses (des Römers) wieder mehr in den Vordergrund tritt, so beachte man auch, daß es um mehr als um das leidige Mulier taceat1 geht. Hacks ist keineswegs der einzige Dichter, der das Verhältnis zur Frau auch als das zwischen Vater und Tochter, zwischen Lehrer und Schülerin gesehen hat. Der Gedanke, die Geliebte zu erziehen, was immer heißt, sie zu sich heraufzuziehen, ist allgegenwärtig. Heine: »Im großen Buche stand geschrieben/.../Ich hätt’ dich aus dem Pflanzentume/ Erlöst, emporgeküßt, o Blume,/ Empor zu mir, zum höchsten Leben –/ Ich hätt’ dir eine Seel’ gegeben.« Der neuere Frauenliebhaber sagt es spitzer: »Zu dir gab ich dir das Geleite ...«. Der weibliche Wildwuchs bedarf der Schere eines Gärtners. Seneca: »... Unbeschnitten nicht/ Von ihm gedeiht zur duftbegabten Blume sie ...« Und es pflegten wohl die Böcke die besten Gärtner zu sein?
Bedingungen der Selbstfindung
Was soll’s, sich hierüber zu ereifern. Dichter dürfen – auf ihre Weise – manches sagen. Diese Erlaubnis teilen sie mit den Narren. Doch sagen sie es schöner – vielleicht auch richtiger? Denn worum geht es eigentlich? Doch darum, daß der Dichter, wenn er liebt, auch von seinem Wissen und Vermögen in diese Liebe einfließen lassen möchte. Und da er die Erfahrung gemacht hat, daß er mehr davon besaß als die meisten Zeitgenossen, zu denen auch die Frauen gehörten, mußte schier jede Liebesbeziehung gewissermaßen ein Ungleichverhältnis sein. Es wäre dumm, anzunehmen, ein genialer Dichter wisse nicht über sich Bescheid. Ebenso dumm ist es aber von uns Frauen, nicht über uns Bescheid wissen zu wollen, darüber, daß wir, mangels bisheriger gesellschaftlicher Befugnis, erst am Anfang stehen und aufzuholen haben. Warum sollten wir uns da nicht helfen lassen von denen, die über eine so viel längere Lernerfahrung und deren Anwendung verfügen, d. h. von einigen wenigen unter ihnen? Dabei geht es nicht um ein einfaches Aufholen Zurückgebliebener. Hacks wußte das sehr wohl. Vielmehr schien es dem Ulbricht-Verehrer auch da um ein »Überholen ohne Einzuholen« gegangen zu sein. Eine höhere richtigere Stellung der Frau gäbe auch dem Mann eine bessere Bedingung zur Selbstfindung. Sein Adam spricht von der neuen Eva nach dem Sündenfall als von »der Werkstatt« seines Ich. In diesem Sinn ist das Ende von Goethes »Faust« zu verstehen (»Das Ewig-Weibliche/ Zieht uns hinan.«) – sowie Louis Aragons Vers, die Frau sei die Zukunft des Mannes – oder des Menschen? (Hacks hätte wohl beiden Lesarten zugestimmt.)
Nun mag allerdings irritieren, daß es da etwas gibt, das diesem »Ungleichverhältnis« noch Vorschub leistet. Die reifer gewordenen Dichter – und Hacks machte da keine Ausnahme – fühlen sich zu jüngeren, oft sehr viel jüngeren Frauen hingezogen. Heine: »Du warst mir Frau und Kind zu gleich ...« Hacks: »O gäb es sie, die, Weib zugleich und Kind,/ Reife und Reiz in Innigkeit vereinte ...« Als ich ihm einmal sagte, in seinen Wunschversen: »Gleichschön, gleichklug, gleichreich. Es geht nur so./ Nur Gleiche werden ihrer Liebe froh«, fehle wohl – »gleichalt«, da erntete ich nur ein verschmitztes Lächeln. Gewiß, man kann es erklären mit dem Hunger nach Schönheit, deren Widerschein bei einer Zwanzigjährigen leichter zu finden ist als bei einer Sechzigjährigen. (Am Ende wissen das nicht nur die Dichter.) Während es Frauen öfter zu Eigenschaften zieht, die bei einem Mann in reiferen Jahren eher zunehmen, wie Ansehen, Weisheit, Reichtum ...? Dies alte männerfreundliche Muster: reifer, wohlsituierter Herr, junge hübsche Frau – selbst Friedrich Engels hat sich dem wohl nicht ganz entziehen können. Nimmt er dies altbekannte Beispiel, um die Pervertierung der Beziehung zwischen den Geschlechtern durch das Geld zu zeigen? Nein, auch bei ihm kommt der alte Männeralbtraum zum Vorschein, wenn er schreibt: »...sogar alte ›Jungfern‹ von über sechzig heiraten zuweilen, wenn sie reich genug sind, junge Männer von ungefähr dreißig.« – Wie pervers! Die armen jungen Männer!
Liebe oder Dauer?
In Hacks’ Dichterphantasie war Liebe nurmehr eine utopische Ausnahmeerscheinung, fürs graue Alltägliche blieb da kein Raum: »... Mich packt die Furcht, wir würden/ Aus Liebenden zu treuen Wegbegleitern./ Mög unsre Liebe nicht an Freundschaft scheitern.« Liebe und Dauer schließen sich in seiner Dichtung aus; der erschütternde Höhepunkt und das Leben in seinem Lauf waren da verfeindet: »... die reinste Neigung endet/ In Überwürfnis oder unansehnlich./ Sie endet todgleich oder eheähnlich.« Liebe sei die Stelle, so seine Troubadoure, »wo das Vollkommene den Fuß ins Flüchtige setzt«. Gewiß, Liebespaare pflegen in der Dichtung nicht zu altern, Philemon und Baucis haben wir nicht in ihrer Jugend kennengelernt, Hacks nennt sie anläßlich des zweiten Faust-Teils gar Repräsentanten einer abgetanen Zeit. Daß Liebe und Dauer in der Kunst allgemein kaum zusammen darstellbar sind, pflegt doch eher zu Lasten der – nur vorübergehend jungen – Frauen zu gehen. Seinen Saturno läßt er zur jungen Emma sagen: »Du bist jung, und ich bin ewig. Wir/ Sind gleichen Alters fast ...«. Zeus ist alterslos, Venus aber mit ewiger Jugend begabt. Das trifft selbst auf deren Nachfolgerin, die Jungfrau Maria, zu. Ich kenne keine Darstellung der Pietà, bei der es nicht eine junge Frau ist, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält.
Daß Hacks dieser Ungleichheit nachgegrübelt hat, davon legt sein Werk Zeugnis ab. In seinem Gedicht »Von den Rechten des Weibes«, das ich nicht nur den Frauenrechtlerinnen ans Herz lege, heißt es: »Aber die andre, die Frau, wer auf ein gewürdigtes Alter/ Raubt ihr den Anspruch? Genießt jene nicht tiefere Lust/ Als das törichte Mädchen, und schenkt sie nicht ungleich viel tiefre?/ Ist nicht von eignerem Reiz ihre geprägtere Stirn?/ ... Sie liebt den Geist, und der, meint er, ihn hat, liebt ihn nicht? ...« In seinem »Numa«-Drama tritt Lucia, eine alte, sehr kluge Kampfgenossin auf, die zugibt, daß sie dem Vergnügen der Jüngeren nicht ohne Neid zusieht: »Damals, in jammervoller Gegenwart,/ Um beßrer Zukunft halb auf Glück verzichten/ War leicht, doch nun auf Glück verzichtet haben/ In süßer Gegenwart ist bitter ...« Ihr Schicksal ist das jener männlich tapferen Frauen, denen während der Zeit des Kämpfens oft wenig Raum für ihr Weibsein blieb. Es läßt sich das aber dann nicht nachholen. Lucia: »... Ich hab mein Wesen/ So vor der Zeit mit Männlichem vermischt,/ Daß ich nicht häufig aufgefordert ward,/ Auch meinen Leib mit Männern zu vermischen.«
Ungelöste Fragen
Der Dichter hat nicht aufgehört, sich mit der Frage nach Wesen und Stellung der Frau herumzuschlagen und zu versuchen, ihr Anderssein in Worte zu kleiden. Z.B. stimmt er dem Aufklärer Lamettrie zu, der den Menschen als Apparat bezeichnet hat. Mensch heißt im Französischen »homme«, bedeutet also auch »Mann«. Nur in dieser Bedeutung will Hacks das Wort des Franzosen verstanden wissen und kommt so zu dem Schluß: Wenn der Mann als Apparat bezeichnet werden kann, dann die Frau als Lebewesen. Und er fügt hinzu, ein Apparat sei in seinem Wesen dadurch gekennzeichnet, »daß er kaputt ist«. An anderer Stelle variiert er diesen Gedanken, es heißt da nämlich, die Frau habe keine Teile, im Gegensatz zum Mann. Seine Sarah Kirsch läßt er sagen: »Kann ich nicht gewinnen wie ein Mann, bin ich auch nicht zerstörbar wie ein Mann.« Kann sein, daß der Frau diese »Ganzheit« aus fernen Zeiten überkommen ist? Der Dichter schließt es wohl nicht aus. Seine tapfere, in kriegerischer Männerzeit sich behauptende Polly (im gleichnamigen Drama) spricht er am guten, Künftiges vorwegnehmenden Ende dem indianischen Prinzen zu, der in seiner rührend gütigen Weltfremdheit eine sehr ferne Vergangenheit verkörpert. Es bedeutet nicht, daß die Heldin zurückfällt ins Abgetane, sondern daß sie, Altes erinnernd, aufbricht in eine neue Zeit, die nicht mehr die Männerzeit ihres Macheath ist. Sie verkörpert das Aufhebenswerte aus alter Zeit und aus der Gegenwart. Daraus wird ein Neues entstehen.
Bis zum Ende ist Hacks nach der Erkundung jenes anderen Wesens unterwegs: »Sie, die, nie ausgeschöpft, von keiner Art/ Und aller, unbestimmt durch Wo und Wann,/ Das Seltne bindet, das Entlegne paart,/ Es gab sie einst, die es nicht geben kann ...« Und er kommt zu dem Schluß, daß da eine Trennung zwischen den Geschlechtern in unserem heutigen Verstand als kaum aufhebbar erscheint: »... Doch immer/ War zwischen ihr und mir ein Hindernis.« Ihm, dem wortereichen Dichter, scheinen gar die Worte zu fehlen: »Du bist nicht säglich ...« Wenn er dichtet: »Ach, ich lieb euch ja, weil ihr,/ Frauenzimmer, anders seid«, so beruhigt er sich aber nicht bei diesem Anderssein. Er läßt nicht ab davon zu prüfen, inwieweit eine Verbindung mit jenem rätselhaften anderen Wesen möglich sei. Die Voraussetzung dafür ist, daß die Frau sich in der Welt nicht mehr fremd fühlt. Aber er, der für gewöhnlich keine Frage ungelöst ließ, vermochte sie nicht zu beantworten. Er gibt zu, es handle sich da um eine Schwierigkeit, »deren künftige Beseitigung sich auch im gedanklichen Vorgriff nicht ausmitteln lassen will«.
Hier schließt sich der Kreis, und wir wären bei unserem Spaziergang wieder am Ausgangspunkt angelangt. Für zwei Fragen, die den Dichter persönlich betrafen, und von denen ihn vor allem die letztere sehr beschäftigte, fand er keine Lösung: Was macht der Sozialismus mit den außerordentlichen Köpfen, und was macht er mit den Frauen. Seinen Numa läßt er gegen Ende, angesichts der klugen, doch verzweifelten jungen Emma sagen: »Im übrigen, der Staat ist in den Fugen,/ Und auf den Fugen sitzt ein Weib und weint.«
Kanzone des Königs Salomon
Als Schönheit kam und kam den Weg herab,
Geschah, daß Weisheit keinen Rat mehr sah
Und stieg vom Thron, zerbrach den Königsstab
Und hat sich keinem Weiseren ergeben.
Und sie verwarf mit Lust ihr Lehrgebäude.
Im Lieben, sprach sie, wohnt so große Freude,
Daß großes Denken hat nicht Platz daneben.
Und sprach: ich bin besiegt, denn du bist da.
Im Herz der Winde, in der Fluten Schoß
Waltet Vernunft und kann Witz Sieger sein.
Nur deine Herrlichkeit ist ursachlos.
O Schaun, zitternden Augs, vor deinem Bilde,
O Sinn im Abersinn, Triumph in Schwächen.
Seit du mir halfst die enge Schranke brechen,
Kenn ich des Glücks entlegenste Gefilde,
Stärker als je, mehr klug, minder allein.
Vor Reicharabien hat Israel
Bei hellem Tag getaumelt und gesungen.
Wie ist dein Name, Weisheit oder Torheit?
Mein Nam ist Weisheit, von Schönheit bezwungen.
zu »Margarete in Aix«, aus: Peter Hacks, Werke, Bd. 1, S. 62 Tastend
Nervig nie war mein Bein, doch eben arm nicht an Nerven,
Ganz der Fülle gewahr wirds deiner spendenden Haut.
Eher auch reißt mein Sinn sich von jedem edleren Ziel ab,
Ehe die Wölbung der Hand der deiner Brust sich entreißt.
Menschen müssen auf Menschen liegen, Alles in Allem.
Tastend, tasten sie wohl endlich zur Menschheit sich vor.
aus: Peter Hacks, Werke, Bd. 1, S. 383
Blumen schenkt mir die Liebste (2)
Aber als, den Strauß im Arme, ich heimging, inmitten Gähnte des städtischen Beets, seltsam dem ähnlich, ein Fleck. Und die Gewißheit fuhr, die schlimme, durchs Hirn mir. Ich wandte Auf dem Fuße mich um. Her, und zur Rede gestellt: So ja geht das nicht! – Und warum nicht? – Nämlich, wenn alle ... – Dich überhäuften wie ich? Das also hättest du gern! – Nein, du weißt, was ich meine. – Weiß ichs? Ist dir das BöseNicht besonders genehm, das dir mein Lieben bezeugt? – Sicher, halb nur zürn ich. Nicht rauben nur, fühl ich, auch morden Wolltest du herzlich für mich; sicher, ich lieb dich dafür. Freilich mehr noch, als für das Schwerere, würd ich dich lieben, Könntst du aus Neigung zu mir sacht der Gesittung dich nahn. (Sprachs, und hatt es gesagt. Doch nimmer, wußt ich, gebessert Wird durch Liebe das Weib, sondern gebessert durch nichts).
aus: Peter Hacks, Werke, Bd. 1, S. 364
1 Mulier taceat in ecclesia (lat.), »das Weib soll in der Gemeindeversammlung schweigen« (nach 1. Kor. 14, 34) – d.Red.
2 im April 1974 geführt von Theaterwissenschaftlern der Leipziger Theaterhochschule »Hans Otto«, erschienen in dem Band »Fröhliche Resignation. Interview, Briefe, Aufsätze«, hrsg. v. Gottfried Fischborn, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2007, d. Red.
Heidi Urbahn de Jauregui, Literaturwissenschaftlerin, war Professorin an der Universität von St. Étienne und lebt in Montpellier. Seit 1975 hatte sie direkten Kontakt zu Peter Hacks, promovierte über dessen Werk und begleitete es mit einer Reihe von Essays. 1986 erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR. Den vorliegenden Text schrieb sie exklusiv für junge Welt. Zuletzt erschien von ihr: »Zwischen den Stühlen. Der Dichter Peter Hacks«, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2006, 272 S., gebunden, 24, 90 Euro
Die Graphiken von Albert Ebert entnahmen wir dem Band »Albert Ebert. Zeichnung und Druckgraphik«, hrsg. v. Helmut Brade, Faber und Faber, Leipzig 2006. Die Rechte für die Hacks-Gedichte liegen beim Eulenspiegel Verlag, Berlin.
[Junge welt; 29. und 31.3.2008]


