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Jürgen Elsässer: Schatzkammer Amselfeld

Was macht Kosovo so interessant? Die wirtschaftlichen Hintergründe der westlichen Unterstützung für die Abspaltung der südserbischen Provinz


Wird die Sezession nicht stoppen können – Serbiens Armee bei einer Parade am Freitag in Belgrad Foto: AP
Um den Grund des westlichen Drängens auf die Eigenstaatlichkeit der Provinz zu finden, muß man nicht lange suchen: Bleibt das Kosovo bei Serbien, wird letztlich in Belgrad über den Verkauf von Bodenschätzen, Infrastruktur und ehemaligen Kombinaten entschieden. Zwar hat auch die UN-Übergangsverwaltung für Kosovo UNMIK entsprechende Verträge abgeschlossen. Deren Gültigkeit wird aber von der serbischen Regierung bestritten. Damit steht die Privatisierung unter einem rechtlichen Vorbehalt – nicht gerade eine Einladung für potentielle Käufer.
»Sezession historisch nicht zu begründen«


Die serbische Regierung hat in den letzten Wochen deutlich gemacht, daß sie russischen Investoren den Vorzug gibt vor Bewerbern aus den NATO-Staaten. So ging die staatseigene Ölfirma NIS an Gasprom – und damit die gesamte Energieversorgung des Landes. Die Luftfahrtgesellschaft JAT soll, so hört man immer wieder in Belgrad, an Aeroflot verkauft werden.

Die Schätze des Amselfeldes sind gewaltig. Die Braunkohlereserven des Kosovo gelten mit einem nachgewiesenen Umfang von 8,3 Milliarden Tonnen – mindestens dieselbe Menge wird zusätzlich vermutet – als die größten in Europa. Außerdem wird in der Trepca-Mine in der Nähe von Mitrovica Kupfer gefördert. Das Vorkommen ist so ergiebig, daß es im Zweiten Weltkrieg direkt der Wehrmacht unterstellt wurde (der Rest des Kosovo wurde Großalbanien zugeschlagen); in den achtziger Jahren waren 20000 Arbeiter in Trepca beschäftigt. Last not least gibt es Hinweise auf nennenswerte Lagerstätten von Gold (ebenfalls in Trepca) und von Chrom (an der Grenze zu Albanien). Die meisten dieser Reichtümer waren von der jugoslawischen Teilrepublik Serbien erschlossen worden: Seit 1970 wurden mit umgerechnet 15 Milliarden Euro Steuergeldern Kombinate und Infrastruktur im Kosovo hochgezogen. Mit dem Steigen der Rohstoffpreise wurden die Vorkommen in den letzten Jahren immer wertvoller.

In einer der größten Enteignungsaktionen der Geschichte wechselten einige der Filetstücke schon die Besitzer. Am 21. Januar 2005 hat die UNMIK die Bodenschätze in der Provinz erstmals für internationale Investoren ausgeschrieben. Durch die Vergabe von Abbaulizenzen rechnete die Okkupationsbehörde mit Einnahmen von 13 Milliarden Euro. Die lukrativen Verkäufe seien der »Zeugungsakt eines Staates«, jubelte die Presse in Pristina. Für die Privatisierung zuständig war von 2005 bis 2007 UNMIK-Abteilungsleiter Joachim Rücker, langjähriger Oberbürgermeister von Sindelfingen. Später wurde er Chef der UNMIK und ist es bis heute. Sein bisher größter Erfolg war der Verkauf des Nickelwerkes Ferronikeli. Dabei machte der Deutsche von seinen Eingriffsrechten rigoros Gebrauch: Eigentlich hatte die amerikanisch-albanische Firma Adi Nikel das frühere Kombinat für 50 Millionen Euro ersteigert. Aber Rücker kassierte den Abschluß und gab dem Zweitplazierten, der britischen Alferon von International Mineral Ressources, für 33 Millionen den Zuschlag. Der begründete Verdacht: Adi Nikel ist eine Briefkastenfirma der UCK-Mafia und wäscht Schwarzgeld. Der neue Besitzer hat diese Phase der räuberischen Akkumulation schon einige Zeit hinter sich.

[Junge welt; 16.02.2008]

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