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Studie zeigt Ausgrenzung von Gehörlosen auf

2005 wurde die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) in der österreichischen Verfassung als eigenständige Sprache anerkannt. Die Sprachwissenschafterinnen Verena Krausneker und Katharina Schalber untersuchten den Status quo der Gebärdensprache im österreichischen Bildungssystem. Die vom Sprachenzentrum der Universität mitfinanzierte Studie "Sprache Macht Wissen" zeigt, dass ÖGS an Gehörlosenschulen extrem unterrepräsentiert ist und generell großer Reformbedarf in Akzeptanz der ÖGS besteht. Der Forschungsbericht wird am 4. Februar 2008 an der Universität Wien präsentiert.

Vieles ist dem hörenden Österreich unbekannt. Zum Beispiel, dass es zwar sechs Gehörlosenschulen in Österreich gibt, davon allerdings nur an einer offiziell in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) unterrichtet wird. Entgegen der landläufigen Meinung unterscheiden sich die Gebärdensprachen von den Lautsprachen nicht nur dadurch, dass sie mit Händen und Mimik "gesprochen" werden, sondern auch dadurch, dass sie eine andere Grammatik haben. Sie sind somit eigenständige Sprachen, die auch von Land zu Land stark variieren: Die American-Sign-Language (ASL) etwa steht zur ÖGS so wie Deutsch zu Französisch.

Weiters ist nicht genau bekannt, wie viele Menschen hierzulande gehörlos sind. "Tatsächlich wurde diese Zahl bis dato noch nicht erhoben", erklärt die Sprachwissenschafterin Dr. Verena Krausneker: "Grundsätzlich geht man von einem Promille der Bevölkerung aus, das heißt, wir schätzen die Zahl in Österreich auf 8.000 bis 10.000 Personen."

Auch der Gedanke, dass LehrerInnen an einer Gehörlosenschule selber gehörlos und der ÖGS mächtig sind, erscheint nur logisch. Falsch gedacht: In Österreich dürfen Gehörlose laut Gesetz nicht LehrerIn werden. "Per Ausnahme- und Sonderregelung gibt es derzeit zwar sechs ausgebildete gehörlose Lehrerinnen, davon sind allerdings nur zwei in Gehörlosenschulen aktiv", erzählt Gebärdensprachenexpertin Verena Krausneker..

Status quo in Österreich

Die Studie "Sprache Macht Wissen", die Verena Krausneker und Katharina Schalber von August 2006 bis August 2007 durchführten und die vom Sprachenzentrum der Universität Wien sowie dem Sprachenkompetenzzentrum Graz finanziert wurde, zeigt – leider – noch weitaus mehr Mängel als die oben genannten zum derzeitigen Stand der ÖGS im Bildungswesen auf.

Krausneker, die auch am Institut für Bildungswissenschaft und am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien unterrichtet, und ihre Kollegin Schalber untersuchten im Zuge der Studie den Pflichtschulbereich von vier der sechs österreichischen Gehörlosenschulen sowie die Universität Wien.

Problem LehrerInnenausbildung

"Es existiert keine eigene Grundausbildung für LehrerInnen, um gehörlose Kinder zu unterrichten. Das heißt jede/r PflichtschullehrerIn kann an eine Gehörlosenschule berufen werden", so Krausneker zur Situation im Bildungsbereich für Gehörlose: "Viele der LehrerInnen sind darauf aber nicht vorbereitet und wurden dahingehend nicht ausgebildet. Ein berufsbegleitender Lehrgang kommt für viele zu spät." Da die Beherrschung der ÖGS keine Voraussetzung für den Job ist, ja sogar an drei der vier von den Wissenschafterinnen besuchten Schulen gar nicht gewünscht wird, zahlen sich die LehrerInnen ÖGS-Sprachkurse oft selbst, um zumindest mit den Kindern kommunizieren zu können.

Nur Deutsch gewünscht

Warum werden gehörlose Kinder eigentlich nicht in der ÖGS unterrichtet? "Weil gehörlose Kinder als behindert angesehen werden und man versucht, sie so gut wie möglich zu integrieren, indem man ihnen Deutsch und Lippenlesen beibringt. Doch dass Bilingualität, sprich Gebärdensprache und Deutsch, nur von Vorteil ist, auch um die Deutschkompetenz zu erhöhen, wird übersehen", erklärt Krausneker die Lage.

Doch das vermeintliche Integrations-Credo "keine ÖGS an Gehörlosenschulen" geht an der Realität gehörloser Kinder vorbei, denn rund zwei Drittel gebärden in der Pause untereinander. "Oft ist ihre Gebärdensprache ähnlich dem so genannten 'Ausländerdeutsch', da sie es nicht richtig können, weil der Großteil der Kinder keine gehörlosen Eltern hat. Kinder mit gehörlosen Eltern erlernen ÖGS schon zu Hause und gebärden es daher kompetent und altersadäquat", sagt die Studienautorin.

Innovationspaket: 86 Maßnahmen

"Durch bildungspolitische Maßnahmen lässt sich die Situation von gehörlosen Kindern verbessern", so Verena Krausneker. Die beiden Studienautorinnen haben daher ein Innovationspaket entworfen, in dem sie nicht nur auf Missstände hinweisen, sondern auch Verbesserungsvorschläge machen, wie zum Beispiel ÖGS als Unterrichtssprache einzuführen oder gehörlosen LehrerInnen die Ausbildung zu ermöglichen und diese an Gehörlosenschulen einzusetzen. "Die Auswertung der Fragebögen der hörenden LehrerInnen hat gezeigt, dass die Mehrheit diese Maßnahmen ebenso unterstützt."

An der Universität Wien

Der zweite Teil der Studie "Sprache Macht Wissen" beschäftigt sich mit der Situation gehörloser Studierender an der Universität Wien. Hier sei die Situation viel besser, sagt Katharina Schalber, zum Großteil, weil es sich bei den Studierende um "selbstbestimmte, junge Leute handelt, die es geschafft haben, in Regelschulen zu maturieren – Gehörlosenschulen bieten keine Matura an – und über eine gefestigte Identität verfügen, auch weil sie zum Großteil aus gehörlosen Familien stammen. ÖGS hat eine zentrale Funktion in ihrem Leben und Studium."

Die Universität Wien selbst ist um einen barrierefreien Zugang bemüht. So sind etwa wichtige Informationen rund um das Studium und die Organisation der Universität als Videos in ÖGS und auch vertont abrufbar. (Liste aller barrierefreier Seiten der Universität Wien)

Zudem bietet eine Broschüre der Universität Wien, die sich v.a. an Lehrende richtet, allgemeine Informationen über Gehörlosigkeit und Gebärdensprachen sowie Empfehlungen zur Änderung von Prüfungsmodalitäten für gehörlose Studierende.

Gehörlose Studierende

In Wien studierten im Erhebunsgzeitraum 14 Gehörlose, davon zehn an der Universität Wien, deren Interessen vom "Verein gehörloser StudentInnen (VÖGS)" vertreten werden. Mittels Fragebögen und Interviews wurde ihre Situation untersucht. Ein grundlegendes Ergebnis ist, dass die Kommunikationssituation an der Universität für gehörlose Studierende generell wenig zufriedenstellend ist.

Um dem Studienbetrieb folgen zu können, benötigen die gehörlosen Studierenden DolmetscherInnen für Vorlesungen, Seminare und auch für Behördenwege. Als gehörlose Studierende werden sie vom Fonds Soziales Wien (FSW) mit erhöhter Studienbeihilfe, erhöhter Familienbeihilfe und Pflegegeld unterstützt. "Von diesen Pauschalen müssen sich die gehörlosen Studierenden auch die DolmetscherInnen finanzieren. Da diese sehr teuer sind, reicht das Geld oft nur für ein bis zwei Lehrveranstaltungen pro Semester", so Schalber. An der Universität Hamburg, wo Krausneker bis Februar 2008 eine Vertretungsprofessur inne hat, sei es "Standard, ausreichend DolmetscherInnen und MitschreiberInnen zu finanzieren. In Wien ist diese Selbstorganisation ein Riesenaufwand und nicht selten auch mit Kosten verbunden", erklärt Krausneker. (td)

Die Studie "Sprache Macht Wissen", von Dr. Verena Krausneker und Mag. Katharina Schalber, MA, wurde von September 2006 bis September 2007 durchgeführt. Das Sprachenzentrum der Universität Wien und das Sprachenkompetenzzentrum Graz finanzierten die Studie.

Präsentation des Forschungsberichts "Sprache Macht Wissen" Montag, 4. Februar 2008 von 9 bis 18 Uhr Elise Richter Saal, Hauptgebäude Universität Wien Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien

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