»Ideologie des Regionalismus«
Kenias nahmhaftester Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o hat angesichts neuer Massenproteste der Opposition gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen gegenüber der BBC beide Seiten kritisisiert. Ngugi, wegen seiner antiimperialistische Haltung 1977/78 für ein Jahr inhaftiert, erklärte vor einigen Tagen: »Was in Kenia vor sich geht, könnte gut meinem Roman ›Wizard of the Crow‹ (Der Zauberer der Krähe, 2006) entnommen sein, in der die herrschende Partei und die Oppositionsparteien, die sich in einer vom Westen gesponserten Demokratie engagieren, in ihrer Absurdität und Indifferenz gegenüber den Armen zu Spiegelbildern voneinander werden.Das Bild von Männern und Frauen, die in einer Kirche verbrannt wurden, in der sie Zuflucht gesucht hatten, verfolgt mich noch immer. Ein Kind, das von dem Feuer fortlief, wurde eingefangen und in die Flammen geworfen. Einer der wenigen Überlebenden wurde mit den Worten zitiert: ›Aber sie kannten mich doch; wir waren Nachbarn. Ich dachte, Peter sei ein Freund –ein guter Nachbar. Wie konnte Peter mir das antun?‹ Den gleichen verwirrten Aufschrei habe ich aus Bosnien gehört, aus dem Irak. Ich hatte die gleichen Worte auch aus Rwanda gehört. (…)
Gefälschte Wahlen, das ist die eine Sache, und die kann durch beidseitig festgelegte politische Maßnahmen wieder gerichtet werden – aber ethnische Säuberung ist was ganz anderes. Was beängstigend ist, ist die Tatsache, daß dieses Ereignis Teil eines koordinierten politischen Programms mit ähnlichen Taten zu sein scheint, die ungefähr gleichzeitig an verschiedenen anderen Orten gegen einfache Angehörige der gleichen Bevölkerungsgruppe begangen wurden. Normale Leute wachen nicht eines Morgens auf und entscheiden sich plötzlich, ihre Nachbarn umzubringen. Es ist oft die politische Elite der einen Gemeinschaft, die zu ethnischer Säuberung gegen eine andere Gemeinschaft aufhetzt. (…)
Frantz Fanon, der intellektuelle Visionär der Dritten Welt, hatte uns vor langer Zeit schon vor den Gefahren der Ideologie des Regionalismus gewarnt, die von einer Elite gepredigt wird, die genug Geld hat, um sich eine sichere Residenz in irgendeinem Teil eines Landes zu kaufen. Ein einzelner Vorfall vorsätzlicher ethnischer Säuberung kann zu einem nicht mehr zu stoppenden Kreislauf von Vendettas – einer Gewalt der Armen gegen andere Arme – führen, während diejenigen, die sie aus der Ferne durch ihre Ideologie des Hasses und der Dämonisierung gelenkt haben, in einem Mittelklasse-Frieden auf Cocktail-Parties mit der Elite der angeblichen Feind-Community die Gläser klingen lassen. (…)
Es ist oft einfacher, einer Regierung Vorwürfe zu machen, wenn sie in Massaker involviert ist, und das ist auch richtig so. (...) Aber was ist, wenn ein solches Massaker durch ein Programm einer Oppositionsbewegung inspiriert ist?«
So hat es die BBC am 10. Januar verbreitet. Ngugi nennt keine Namen, fordert eine UN-Untersuchung der Vorfälle. Er ist wie der amtierende Präsident Kikuyu. Die Opfer der Ereignisse in Eldoret North und anderswo gehören offenbar so gut wie ausschließlich dieser Ethnie an, während sich die Führung des Oppositionsbündnisses um Raila Odinga hauptsächlich aus den im Westen des Landes lebenden Lwo rekrutiert. Die politische Integrität Ngugis aber steht angesichts seiner Vita außer Zweifel. Seine Kritik an der Opposition ist ernstzunehmen, zumal diese Opposition die Interessen der Armen vertritt, was auch Ngugi zeit seines bisherigen Lebens getan hat.
[Anton Holberg; Junge Welt; 17.01.2008]


