Das zweite Sterben von Ulrike Meinhof
In der jungen Welt vom 10.9. hat das ehemalige RAF-Mitglied Ronald Augustin Fakten zusammengetragen, die den Schleier des Geheimnisses schon früher lüften könnten – wenn ihnen nachgegangen würde. Die unausbleiblichen »Pannen« könnten das Netz sein, in dem sich die beteiligten Personen und Dienste verfangen könnten, vorausgesetzt, die Öffentlichkeit würde sich dafür interessieren.
Nicht nur der Tod der drei Stammheimer Gefangenen bleibt mysteriös, sondern auch der Tod von Ulrike Meinhof, die eineinhalb Jahre früher, am 8. Mai 1976, in ihrer Zelle erhängt gefunden wurde. Ich habe Ulrike von meinem fünften bis zum 16. Lebensjahr (1976) gekannt und kann nur das bestätigen, was Ron Augustin (siehe jW vom 10. September 2007) über seine Freunde und Genossen schreibt: Ulrike hat sich mir gegenüber mehrmals mündlich und schriftlich dahingehend geäußert, daß Selbstmord das letzte sei, was sie jemals tun würde. Falls jemals davon die Rede sein sollte, sollten wir das nicht glauben. Sie hat ihre Kinder geliebt und wollte sie wiedersehen. Sie sprach oft von der Zukunft ihrer Kinder und gab mir auf, ihnen eine gute Stütze zu sein, bis sie ihnen eines Tages, wenn sie erwachsen seien, alles selbst würde erklären können. Sie sprach davon, als Revolutionärin alle Zeit der Welt zu haben, da man warten könne – im Gegensatz zu den Kapitalisten, die nicht warten könnten. Niemals aber wäre sie aus dem Leben getreten, ohne eine einzige Zeile an ihre Kinder zu richten, ohne ein Abschiedswort, ohne eine Erklärung, ohne einen Brief. Hätte sie sich tatsächlich aus Verzweiflung umgebracht, wie es seit mehr als 30 Jahren durch die Medien geistert, dann hätte sie dies mit Sicherheit durch einen Brief zu erklären versucht. Denn sie hat immer alles erklärt, das war ihre ganz besondere Eigenart.
Sie soll, wie mir der Rechtsanwalt Axel Azzola 1976 auf der Beerdigung sagte, die Tage vor ihrem Tode guter Laune gewesen sein und gelacht haben, sie soll Pläne gemacht und Texte ausgearbeitet haben. Nein, niemals hat sich Ulrike Meinhof selbst das Leben genommen, ich habe keinen einzigen Tag in den letzten 31 Jahren an einen Selbstmord geglaubt.
Als ein Jahr später die anderen starben, konnte ich das natürlich ebensowenig glauben. Daß allerdings viele Linke, viele ihrer Freunde und Verwandten, ungetrübt an den stummen Selbstmord von Ulrike glaubten, das hat mir oft genug die Seele zerrissen. Ich habe es ähnlich wie Ron Augustin empfunden: Es ist, als ob wir sie damit ein zweites Mal töten, schlimmer noch, wir töten ihr Andenken, wir unterstellen etwas, was sie nie getan hätte und nie in Erwägung gezogen hat, ebensowenig wie die anderen.
Warum werden in den Zeiten des sozialen Massenelends, in den Zeiten neuer Kriege um Rohstoffe, in den Zeiten staatlich geschönter Massenmorde im Irak und in Afganistan gerade die Taten der RAFler derart verteufelt, daß schon das Sprechen über sie, das Nachdenken über sie, der Wille, ihnen Achtung entgegenzubringen, als Verbrechen gilt?
Tabuisiert wird die Einstellung der RAFler, die eine andere, gerechtere Welt nicht nur wollten, sondern bereit waren, dafür auch konsequent einzutreten, daß sie unbestechlich waren, als man ihnen sonst was versprach, daß sie kämpften, als man versuchte, sie zu brechen, daß sie standhielten, als man sie mürbe zu machen versuchte. Das macht Menschen, die am Boden liegen, Mut. Man denke nur: Acht Millionen Arbeitslose, die sich plötzlich trauen, ihre eigene Gesellschaft aufzubauen.
KomInform
http://www.kominform.at/article.php/20070915015651995