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Bruno Frei: Als kommunistischer Journalist in Ungarn 1956

Aus Bruno Freis Autobiografie "Der Papiersäbel" [Seite 307 bis 321]

Budapest

Panzerwagen flößen Furcht ein; als Schutz und Schirm sind sie willkommen. Wir schlichen die Häuserfronten entlang und versuchten zu erraten, ob die an den Straßenecken biwakierenden Soldaten Freund oder Feind seien. Marinefüseliere von der Donauflottille, entschied Pal. Auf dem Marktplatz kauerten Langrohre auf Raupenfahrzeugen, stählerne Reptilien. Freund oder Feind?

Wir betraten ein graues Mietshaus, abgebröckelter Putz, Gangtür ebenerdig. Frau Pal warf sich an den Hals ihres Gatten. »Warum sind die Fensterflügel ausgehängt?« Die Möbel waren von ihrem Platz gerückt. Stoßweise kamen die Satzfetzen aus dem verweinten Gesicht. Vom Fenster hätten sie auf die Polizei geschossen. Zwei Tote. »Wer hat geschossen? Auf welche Polizei?« In Ujpest hätte ein von der Partei Ausgeschlossener die Führung an sich gerissen; ein gewisser L. Im ehemaligen Pfeilkreuzlerlokal hätten sie ihr Hauptquartier. Dreimal hätte die Polizei die Fahne gewechselt. Das sei gestern gewesen. Jetzt sei Waffenruhe. Die Schreibmaschine habe sie weggeräumt und auch die Leninbüste aus der Vitrine. Einer von jenen wohne im Hause. Illike, vier Jahre alt, wurde hochgehoben. »Geweint habe ich, weil Vati nicht zu Hause war.« Bananen und Schokolade aus Wien taten Wunder.

Ich ging mit Pal. Zu Hause war der Windhund eingeschriebenes, vielleicht sogar tätiges Parteimitglied. Sein Geschäftssinn in Wien und sein Eiertanz auf der »Täncsics« hatten mich irregeführt. In Ujpest war sein Revier; die Leute auf der Straße grüßten ihn. Man musste die örtliche Lage erkunden; morgen würde ich versuchen, nach Budapest zu kommen. Vor dem geschlossenen Tor der Schiffswerft lungerten Männer mit geschulterten Gewehren. Zsigmond, ein älterer Arbeiter, stand mir Rede: er sei seit vierundzwanzig Stunden im Wachdienst. Von den dreitausendfünfhundert Mann Belegschaft hätten sich bloß an die dreißig bis vierzig gemeldet. Mit Eisenstangen sei der erste Ansturm abgewehrt worden. Entlaufene aus dem Gefängnis von Väc hätten zu plündern versucht. Eine Maschinenfabrik. Das Schlachthaus. Überall dasselbe. Bewaffnete Arbeiter verteidigten ihre Betriebe gegen Plünderer. Mehr nicht. Sind sie für die Regierung oder für die Aufständischen? Zsigmond zerrte an seinem Koppel. Das hatte er sich anders vorgestellt, damals, als es losging. Zuviel Gemeinheit habe es gegeben. Der Arbeiter habe sein Recht nicht bekommen. Unmöglich habe es so weitergehen können.

Mir wird schmerzlich klar: sie bewahren ihre Arbeitsstätten vor boshafter oder zufälliger Beschädigung, aber ihre Fabriken gegen die Konterrevolution verteidigen? Nein, das nicht. Diese Fabriken sind ihnen fremde Fabriken, staatliche gewiss, aber nicht ihre. Da ist etwas Schlimmes geschehen. Abends sitze ich bei Pal im Wohnzimmer. Nachbarn sind da, vielleicht Freunde. Ein Ehepaar, mittlerer Jahrgang, weiß zu erzählen, was BBC gesendet hat. Nein, selber hätten sie es nicht gehört. Man ist ins Paläolithikum zurückgefallen, jeder sitzt in seiner Höhle. Die Stadt ist in Bezirke zerfallen, die Bezirke in Wohnviertel, die Wohnviertel in Häuserblocks, die Häuserblocks in Häuser, die Häuser in Zweizimmerwohnungen. Jeder fürchtet jeden. Das Große, Verbindende, das die Geselligkeit, die Gesellschaftlichkeit herbeiruft, ist aufgehoben.

Seit dem Ausbruch der Kämpfe ist das Telefon ausgeschaltet. Immerhin funktioniert das Radio, Einbahnstraße der Kommunikation. In Pals Wohnraum flüstern bei gedämpftem Licht in Panik geratene Gerüchtemacher. Die UNO werde eingreifen, auch in Korea habe sie eingegriffen. Irgendein Sender habe es angekündigt. Im Kossuth-Radio wird der Aufruf der Aufständischen verlesen. Ich habe ihn auf dem Bahnsteig von Hegyeshalom kennen gelernt und seinen Sinn begriffen. In der Ferne hört man Kanonendonner. Wer regiert in dieser Stadt? Frau Pal richtet mir auf der Couch ein Bett. Sie hat das Lager nach strategischen Gesichtspunkten aufgestellt: aus dem Schussfeld möglicher Straßenkämpfe.

Am Morgen verabschiede ich mich von meinen Quartiergebern; noch wissen sie nicht, wohin sie gehören. Pal hat, als ich frage, ob er noch zur Partei stehe, eine nie gehörte Gegenfrage zur Hand: Wer ist die Partei? Nach einigem Überlegen bringt er mich zum Sitz der Bezirksleitung von Ujpest. Eine große Menschenmenge, dem Anschein nach Arbeiter, ist dort versammelt, viele Halbwüchsige mit geschultertem Gewehr. Vor einem Fleischerladen steht eine Menschenschlange. Verängstigte Frauen rennen mit dem erstandenen Stück Essen nach Hause. Von einem Lkw mit dem Plakat LEBENSMITTELVERSORGUNG wirft ein Bursche Zeitungspakete auf die Straße. Das Parteiorgan »Szabad Nep«. Datum: Montag, Z9. Oktober 1956. In einem verrauchten Zimmer, den Zutritt musste ich mir erkämpfen, stoße ich auf die Verantwortlichen. Nervöse Spannung prägt Gesichter und Stimmen. Man spricht durcheinander. Was bedeutet die Wendung, von der die Zeitung den befremdenden Beweis liefert? An der Spitze des Blattes prangt das neue Emblem, das Kossuth-Wahrzeichen der magyarischen Unabhängigkeit, die patriotische Kokarde der nationalen Honved-Truppen. Unter der Titelzeile »Es wird Frühling« lesen die Genossen mit rotem Kopf, es sei der heiße Wille des ganzen Volkes, dass Ungarn endlich wieder Ungarn werde. Die revolutionäre Jugend habe sich um das Vaterland verdient gemacht; nur mit ihrer Hilfe könne die Zukunft Ungarns gesichert werden. Ministerpräsident Imre Nagy begrüßt in seinem Aufruf an das Volk die revolutionäre Bewegung und deren Ziele: die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Souveränität. Die Regierung, verkündet Nagy, verurteile diejenigen, die in der mächtigen Volksbewegung eine Gegenrevolution sehen. Er verspricht den Abzug der sowjetischen Truppen, die Auflösung des Staatssicherheitsdienstes, die Wiederherstellung der ehrwürdigen Symbole der Nation. Am Kopf der Zeitung steht »Szabad Nep«, Zentralorgan der Partei der Ungarischen Werktätigen. Mir kommt die Gegenfrage von Pal in den Sinn: Wer ist die Partei? Die Drehung um hundertachtzig Grad muss den Treuesten schwindlig machen. Der Bezirkssekretär bemüht sich um eine Deutung. Die Partei stelle sich an die Spitze der Bewegung, um zu retten, was zu retten ist.

Während im Beratungszimmer Ratlosigkeit um sich greift, wird der Lärm draußen vor dem Parteihaus immer stärker. Inmitten der unschlüssig Umherstehenden beobachte ich eine Schar Jugendlicher, die mit dem Gewehr herumfuchteln und im Sprechchor wiederholen: »Russki raus!« Was jetzt geschieht, öffnet mir ein wenig die Augen. Der Bezirkssekretär gibt von der Plattform eines Lkw bekannt, über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ujpest werde bereits verhandelt, es sei also der Weisung zur Wiederaufnahme der Arbeit Folge zu leisten. Das Gemurmel kann Zustimmung bedeuten, zumindest Schwanken. In diesem Augenblick springt einer der Jugendlichen auf die improvisierte Rednertribüne. »Erst Abzug der Russen, dann Wiederaufnahme der Arbeit.« »An-die-Spitze-Stellen« ist schlau, aber es sieht nicht so aus, als ob es gelingen würde. Andere stehen bereits an der Spitze. Das ist die Feststellung Nummer eins, die ich treffe, und ich bin noch gar nicht in Budapest.

Auf der direkten Telefonleitung - nur diese funktioniert - wird meine Ankunft der Stadtleitung gemeldet; bald darauf holt mich ein Militärfahrzeug ab. Auf der Fahrt mit dem Jeep, an der Seite eines nicht mehr jungen Offiziers, wird mir das Auseinanderbrechen einer Gesellschaft, in der ich die Verheißung der Zukunft erblickt hatte, zum erschütternden Erlebnis. Schwarze Fahnen und rot-weiß-grüne, geschlossene Läden, umgeworfene Straßenbahnwagen, abgerissene Oberleitungen, Artilleriestellungen inmitten der Stadt, das schrille Pfeifen der Rot-Kreuz-Wagen. Damals, im belagerten Madrid, wie einfach, wie klar war alles. Dort, jenseits der Linie, am Rande der Universitätsstadt die Faschisten, hier die heldenhaften Verteidiger von Demokratie und Sozialismus. Alles, auch die Toten, hatten einen Sinn. Wo verläuft hier die trennende, alles begründende, alles rechtfertigende Linie? Aufwühlender jedoch als die Häusernarben der Kämpfe, deren Sinn ich zu ergründen suche, ist das nervenaufpeitschende, monotone Hämmern auf Metall, sobald wir uns der Ecke Rakoczi ut und Akäcfa utca nähern. Auf dem Straßenpflaster liegt der überdimensionale Torso der Stalinstatue. Mit Äxten, Hämmern, Meißeln, Sägen wird das Metall bearbeitet. Halb Veitstanz, halb Schlosserei. Auch Frauen und Kinder finden ihren Spaß an der makabren Volksbelustigung, die mir schmerzlich zum Bewusstsein bringt, um wie viel schwerer es ist, den Denkstandard des Menschen zu heben als seinen Lebensstandard.

Auf dem Republikplatz, vor dem Neubau der Stadtleitung, stehen Panzerwagen. Ein aufgeregter Bote platzt in das Gespräch, mit dem ich meine Mission eröffne. Das Redaktionsgebäude von »Szabad Nep«, unweit gelegen, würde von bewaffneten Jugendlichen belagert. Verhandlungen mit den Russen seien ihnen nicht genug, sie forderten sofortigen Abzug. Genau wie morgens in Ujpest. Ich werde die weiteren Ereignisse in der Redaktion abwarten, vielleicht bekomme ich auch von dort Verbindung zu Münnich, zu Lukäcs ... Es ist nicht leicht durchzukommen. Das Gebäude ist umstellt. Bewachen oder bedrohen sie die Redaktion? Freund oder Feind? Schießfreudige Jugendliche - das ist für mich das dunkelste Kapitel. Am folgenden Tag erzählt mir einer von ihnen - er ist immerhin schon dreiundzwanzig Jahre alt -, er habe das automatische Gewehr im Getümmel des Anfangs, am Abend des dreiundzwanzigsten, bekommen; von einem -Militärwagen habe es ihm jemand gereicht. Ein Dreiundzwanzigjähriger mag berechtigt sein, an einem Aufstand teilzunehmen — aber sind Elfjährige und Fünfzehnjährige Aufständische? Ich habe ihnen in die Augen geschaut. Einer hat mit dem Gewehr auf mich gezielt. Da war jener großtuerische Genus des Gewehr-in-der-Hand-Haltens, den ich aus gewissen Filmen kenne. Kinder haben Waffen in die Hand bekommen, und jemand sagt: »Schießt, zeigt, dass ihr Helden seid.« Die Helden haben um das Gebäude der Zeitung eine dreifache Menschenkette gelegt. Den Ausländer lassen sie durch. Kollege S. macht Schlussdienst der Abendausgabe. Das Haus scheint menschenleer. Die Büroräume sind größtenteils demoliert, Papierberge stapeln sich auf den Korridoren und im Treppenhaus. Telefonanschluß ist vorhanden, aber ich kriege keine Verbindung. Münnich, Innenminister, kommt nicht an den Apparat. Lukäcs, Kulturminister, verweigert eine Erklärung; ich möge mich an das ZK wenden. Das werde ich gewiss tun; vorläufig lausche ich den Erzählungen des Kollegen S., ein müder, ratloser Kollege, ohne Hoffnung, der sein Herz ausschüttet: Wie man die Flut hat anschwellen lassen! Der geheime Hass in der Räkosi-Ära, der verrückte Zirkus mit der exhumierten Leiche des unschuldig hingerichteten Rajk, die Redeorgien im Petöfi-Klub, das Gedicht von Julius Hay in der Literaturzeitung -»Aufforderung zum Tyrannenmord« - und schließlich das Massaker vor dem Parlament am Abend des dreiundzwanzigsten Oktober. Ein Fehlgriff habe den ändern übertroffen. Seit dem XX. Parteitag wisse niemand, was recht ist und was unrecht; auch nicht, wie man Unrecht wieder zu Recht macht. Was Wunder, dass die Gewesenen im Inland und im Ausland fänden, ihre Stunde sei gekommen? Hier hat einer offenbar aufgegeben. Die Sonderausgabe der Abendzeitung, in einigen hundert Exemplaren gedruckt, plakatiert die von den Demonstranten erzwungene Losung: »Sofortiger Abzug der Russen!« Das Morgenblatt ist Sprachrohr der Regierung, das Abendblatt das der Aufständischen.

Kapitulation des Zentralorgans der Partei vor einigen Hundert leicht bewaffneten Jugendlichen? Mir kommt ein verrückter Gedanke: Schickte die Partei tausend unbewaffnete Arbeiter zum Schütze ihrer Zeitung, der Spuk wäre vorbei. Noch immer hatte ich die Wahrheit nicht erfasst; ich treffe die andere furchtbare Feststellung: Die Partei existierte nicht mehr. Es gibt zwei Parteien, und der Kampf zwischen ihnen ist noch nicht entschieden. Die Demonstranten machen Anstalten, das Haus zu stürmen - die druckfeuchte Zeitung mit dem ertrotzten Text gibt ihnen frischen Mut. Gegenüber parkt ein Wagen der Wochenschau. Gleich wird es etwas für den Kameramann zu tun geben — er weiß es. Eine Rotte ist bereits eingedrungen, man hört vom Treppenhaus den Radau. Neue Forderung: der Betrieb soll das Flugblatt der »revolutionären Jugend« drucken. Kollege S. gibt mir müde ein Zeichen. Wir verlassen das Gebäude über einen Hinterausgang, schleichen um den Häuserblock und kommen zur Vorderfront. Unter die Neugierigen gemischt, sind wir Zeugen, wie die Halbwüchsigen die Redaktion mit Geheul stürmen. Rund um den Häuserblock der Akademia utca, wo das ZK der Partei seinen Sitz hat, haben in langen Reihen russische Panzer Aufstellung genommen — eine stählerne Festung in der zerrissenen Stadt. Nogrady von der Abteilung Agitprop, zwischen Tür und Angel gestellt, ist kurz angebunden. Jawohl, es sei von dem Vertreter des ZK angeordnet worden, die Redaktion zu räumen. »Das Wichtigste ist jetzt die Exekutive. Ihre Taktik ist es, uns immer weiter zu treiben. Immer weiter. Wir wollten den Abzug der sowjetischen Truppen mit der Aufstellung der neuen Arbeitermiliz koppeln. Jetzt stehen wir unter dem Druck der neuen Forderung nach sofortigem Abzug.«

Es ist 16.45 Uhr. Eine Sekretärin, blas, übernächtigt, reicht Nogrädy einen Zettel. Ob man das im Radio verlautbaren soll? Niemand will entscheiden. Auch Nogrady will nicht. Im 8. Bezirk hat die Ablösung der Sowjettruppen bereits eingesetzt. Eine Journalistenabordnung fordert: Verlautbaren! Nogrady entzieht sich allen Fragen. Man möge dem österreichischen Genossen im Gästehaus der Partei ein Zimmer geben. Ehe er hinter einer gepolsterten Tür verschwindet, ruft ihm die Sekretärin nach: »Hoffentlich wird der österreichische Genösse nicht wie die Prawda schreiben.« Dann ist mein Gewährsmann verschwunden. »Szabad Nep«, durch deren verwirrenden Artikel mit der Losung »An-die-Spitze-stellen« die Wendung vollzogen wurde, hatte eine böse Polemik gegen die »Prawda« veröffentlicht: es sei völlig falsch, von Konterrevolution zu sprechen, im Gegenteil, in Budapest werde unter Wehen die nationale Unabhängigkeit geboren, überreife Frucht der Revolution von 1848. Meine dritte Feststellung: Zwischen der Regierung Imre Nagy und Moskau ist ein Graben aufgerissen. Verläuft der Graben auch mitten durch das Zimmer im Parlamentsgebäude, wo gegenwärtig ein Dutzend Männer über das Schicksal des Landes, vielleicht auch über das Schicksal des Weltfriedens beraten? Mitten durch die Regierung, mitten durch die Parteiführung?

Mit zwei Soldaten auf dem Trittbrett bringt mich das Auto zum Gästehaus. Aus der Ferne höre ich Artillerieeinschläge. Die Waffenruhe ist also abgelaufen. Rettungswagen flitzen vorbei. Der Westbahnhof hat das Aussehen einer Bombenruine. Auf dem Oktogonplatz deliriert eine Menschenmenge um ein Auto, dessen Kühler mit dem Sternenbanner bedeckt ist. Ein Panzergürtel rund um die Sowjetbotschaft. Polnische Kollegen haben im Gästehaus ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Ihre Bewegungsfreiheit ist uneingeschränkt. Die Aufständischen respektieren ihre Ausweise, kommen ihnen mit Sympathie entgegen. Ein junges Mädchen, ein blonder Brausewind, vertritt die Jugendzeitung in Warschau. In der erstürmten Redaktion hätten ihr die neuen Herren gesagt, das Volk wolle »Szabad Nep« nicht mehr sehen. Sie zeigt mir das Flugblatt, um dessen Herstellung es in den letzten Lebensminuten der Zeitung ging. Es ist kein sehr friedliches Pamphlet. »Jagt die AVOS!« ist die neue Losung. Angehörige des Staatssicherheitsdienstes seien vogelfrei. Der Druckvermerk ist der alte. Es riecht nach Blut.

Morgens begegne ich dem Brausewind im Treppenhaus. Sie kommt etwas zerzaust heim. Gegen Schläfrigkeit ankämpfend, doch aufgeräumt erzählt sie die Abenteuer der Nacht. Nette Jungens, diese Revolutionäre in der Redaktion. Auch die Fernschreibeverbindung nach Warschau habe geklappt. Zeitungen überbieten einander in schreienden Titeln, wie Handzettel werden sie an Straßenpassanten verteilt, kleben an allen Wänden, bekannte Zeitungen und solche mit Phantasienamen. Das papierene Antlitz der erwachenden Stadt ist vieldeutig. Es ist, als ob jeder Häuserblock seine Zeitung habe. Nur eine Organisation hat keine Zeitung: die Kommunistische Partei. Ich versuche zum Haus des Ungarischen Telegrafen-Korrespondenzbüros am Naphegy, auf der Ofener Seite, zu gelangen. Vielleicht gibt es eine Fernschreibeverbindung nach Wien. Wieder begleitet mich ein Soldat auf dem Trittbrett. Der Wagen wird immerzu angehalten. Von welcher Farbe die Patrouille ist, wird nicht gefragt. Hinter der Donaubrücke, in der Nähe des Szena-ter, stoßen wir auf eine Barrikade, gebildet aus Eisenbahnwaggons, Baumaterial und Parkbänken. Wäre der Fahrer nicht mit einem blitzschnellen Wendemanöver umgekehrt, der Bursche dort hätte auf mich gefeuert. Hier jedenfalls gibt es keine Ungewissheit, welchen Glaubens die Barrikadenbauer sind. Die Suche nach einer Fernschreibeverbindung nach Wien löst unzeitgemäßen Heiterkeitserfolg aus. Also vielleicht über Brausewinds Notausgang! Gegen vierzehn Uhr knattert im Stadtzentrum MG-Feuer. Flüchtende Passanten verbreiten das Gerücht: Aufständische greifen Gebäude der Kommunisten an. Glaubt noch jemand an die Fabel von der schlauen Parteiführung, die sich an die Spitze stellt? Wo ist der beflissene junge Mann, der sein Vitriol über die »Prawda« ausgoss, als diese das bittere Wort von der Konterrevolution aussprach?

Das Haus der Stadtleitung steht in Flammen. Ich stehe in der Parkanlage auf dem Republikplatz. Um mich schreiende Burschen, Rasen und Bänke überrennend, mit wutverzerrten Gesichtern. Aus den Fenstern des Neubaues der Stadtleitung, an der Querfront des Platzes, qualmt es. Vierundzwanzig Stunden vorher war ich da angelaufen. Auf dem Balkon sehe ich ein Menschenknäuel. Das Geschrei wird unerträglich. Sie zerren gefesselte Polizisten in blauer Uniform auf die Straße. In dieser Stunde habe ich meine Reporterpflicht verletzt. Vor dem Lynchmord an der Donau bin ich desertiert. Ich fühlte mich nicht stark genug, in einem Land, das sich zehn Jahre lang mit dem Ehrenschild des Sozialismus schmückte, einem Akt des weißen Terrors beizuwohnen.

Schon am nächsten Tag ist offenkundig, dass Imre Nagy kapituliert hat. Wenige Stunden nach den Vorgängen auf dem Republikplatz hält der Ministerpräsident jene Rede, in der er freie Wahlen verspricht. Das Radio ist, von den Aufständischen besetzt, Stimme der neuen Staatsautorität. Der Kardinal ist frei, Parteien wachsen wie Pilze aus dem Boden. Die Sozialdemokraten konstituieren sich im Haus der Gewerkschaftszeitung. Maueranschläge künden die Gründung einer zweiten Bauernpartei an; neben der Kleinbauernpartei eine Großbauernpartei. Hätten denn nicht auch Großbauern bürgerliche Rechte? Ob allerdings die Kommunistische Partei würdig sei, an »freien Wahlen« teilzunehmen, ist nicht ganz gewiss. Schon wird die neueste Losung geflüstert: an freien Wahlen dürfen nur demokratische und nationale Parteien teilnehmen. Was Freiheit ist, bestimmt der Sender »Freies Europa«.

Bei dem gellenden Ruf »Extraausgabe« gebe ich mir Rechenschaft, dass die Sache verloren ist. Unsere Sache. Meine Sache. Fette Lettern trompeten Sieg. Das Ultimatum würde erfüllt. Die Russen verlassen Budapest. Man rät mir, nicht ins Gästehaus zurückzukehren, wer weiß, was die Dunkelheit bringt. Der Kollege von »Trybuna Ludu« macht sich erbötig, mich für eine Nacht in der polnischen Botschaft unterzubringen. Noch etliche andere Unerwünschte haben hier Asyl gefunden. Das Haus ist voll. Man liegt auf den Korridoren. Der polnische Kollege ist nicht meiner Meinung. Habe nicht der polnische Oktober vom Bösen zum Guten geführt? Auf meinem unbequemen Lager flieht mich der Schlaf. Es gelingt mir nicht, das Bild vom Republikplatz zu verdrängen. Sind meine Maßstäbe zu starr, fehlt mir der Sinn für die gärende Jugend, für den Sturm? Ich sage dem Polen: »Ungarn aus dem sozialistischen Lager herausführen, ist Verrat.« Das ist meine Feststellung Nummer vier: »Daran ändert auch die Tarnbezeichnung Neutralität nichts. Die hundert Millionen Dollar, die der amerikanische Kongress vor fünf Jahren für die Unterstützung subversiver Bewegungen in den sozialistischen Ländern bewilligt hat, machen sich bezahlt. Der Einbruch an einer Stelle wird eine Kettenreaktion auslösen. Nicht Frieden bringt Imre Nagy, sondern Krieg.« Der polnische Kollege versucht, mich zu beruhigen. Wir trinken unseren Frühstückstee. Dann fahren wir mit dem Wagen der Botschaft zum Flughafen. Er steigt in die Maschine nach Warschau. Mich bringt ein Rot-Kreuz-Flieger nach Wien-Schwechat. Die sowjetischen Panzer, die sich zu beiden Seiten der Straße, die zum Flugfeld führt, sammeln, geben mir zu denken.

Ausklang in Wien

In der Kärntnerstraße sprach man vorwiegend ungarisch. Über die offene Grenze strömten verängstigte Kleinbürger zu Zehntausenden in das Land der goldenen Verheißung. Die Zeitungsüberschriften bemühten sich keineswegs um Zurückhaltung. »Volksdemokratie Ungarns hinweggefegt.« Die kommunistische Stimme, im Orkan kaum hörbar, zitierte aus dem Bericht einer amerikanischen Zeitschrift: »Es ist etwas Makabres an der Art und Weise, mit der die ungarische Aristokratie aus allen Nightclubs der Welt zu Hilfe geeilt ist.« Andere feierten die Wiedergeburt der Demokratie. Im Plenum des ZK der Kommunistischen Partei Österreichs standen meine Budapester Berichte im Feuer der Kritik. Einige Genossen bezichtigten mich übler Denkweise. Es fiel das böse Wort »Gräuelbericht«. Noch lag die Entwirrung im Ungewissen, und das trübte den Blick. Mir fiel es nicht leicht, die Vorwürfe wohlmeinender, aber schlecht unterrichteter Kritiker zurückzuweisen. Ich sei allzu leichtfertig mit dem Schlagwort »Konterrevolution« umgesprungen; die Forderung nach Abzug der sowjetischen Truppen mit Konterrevolution gleichzusetzen, sei irreführend. Wie war denn das?

Scheinwerfer auf den Wirbel vor dem Parteihaus in Ujpest. Momentaufnahme von der Belagerung des Redaktionsgebäudes. In dem Augenblick, da die neue Regierung durch die Zusage, dass die sowjetischen Truppen abziehen, die Wiederaufnahme der Arbeit zu erreichen suchte, tauchte wie auf Kommando überall die neue Forderung auf sofortigen Abzug auf, nicht früher würde gearbeitet. Wer, wenn nicht ein konterrevolutionäres Zentrum, hätte solches Störfeuer zustande gebracht? Wozu ich die Jagd auf die AVO beschrieben habe, solche Bilder wirkten demoralisierend. Als ich mich vor diese Anklage gestellt sah, begriff ich das tiefe Missverständnis. Der Ankläger schlug auf den schlechten Bericht, aber er meinte die schlechte Lage. Für die schlechte Lage fühlte ich mich nicht verantwortlich, höchstens für den schlechten Bericht. Freunde ließen mich dann wissen, dass gerade dieser Teil des Berichtes nützlich verwendet wurde: verwirrten Arbeitern konnte vor Augen geführt werden, wie erbarmungslos die Konterrevolution zuschlägt, sobald sie sich stark genug fühlt. Es ging am wenigsten um die Schwäche meiner Berichterstattung. In der Erregung, in der wir uns alle befanden, drängten wie überall in Betrieben und Büros die Kernfragen unseres Weltbildes nach Überprüfung. Wie war es möglich, dass diese Jugend, aufgewachsen in einem volksdemokratischen Gemeinwesen, sich mit der Waffe in der Hand gegen das Regime erhob? Die Frage hatte mich schon in Ujpest gequält, als ich an funkelnagelneuen Betrieben, Kindergärten, Kulturhäusern vorbeiging. Hätte ich diese Errungenschaften nicht in den glühendsten Farben geschildert, wäre ich acht Tage vorher dort gewesen? Bin ich ein Lügner? Wo ist die Wahrheit? Die Antwort, die ich mir gegeben hatte, trug ich dem hohen Forum vor, ohne mich gehemmt zu fühlen durch die Gewissheit, dass meine Überlegungen den einen altbekannt, den anderen befremdend erscheinen würden. Die Arbeiter in Ujpest betrachteten die Betriebe nicht als die ihren, sagte ich. Durch Fehler, die wir heute kennen, war der Sozialismus in ihren Augen diskreditiert, das Vertrauen vertan. In den Köpfen gähnte, ich weiß nicht wie lange schon, eine Leere. Wer immer daran interessiert war, konnte in dieses Vakuum ohne Schwierigkeiten dem Sozialismus fremde, ja feindliche Ideen hineinpumpen: Chauvinismus vor allem, der einen guten Nährboden findet in einem Land, das einen jahrhundertelangen Kampf um seine Unabhängigkeit geführt hatte. Überaus wirksam erwies sich auch jene eigentümliche Verwechslung von Freiheit mit Bananen und Nylonwesten, die man aus Wien importiert hatte. Die Jugend ist dem noch mehr ausgeliefert als die Erwachsenen. Errungenschaften wirken sich nicht automatisch aus, entscheidend ist, wie sie sich in den Köpfen widerspiegeln. Ich ahnte nicht, dass sich so schmerzhafte Überlegungen in den nächsten Jahren noch einige Mal wiederholen würden. Die Plenartagung vom zweiten und dritten November 1956 beschloss einen Appell zum Zusammenschluss. Am vierten November marschierten sowjetische Truppen in die ungarische Hauptstadt ein. Die Stimme am Deutschlandsender kam mir bekannt vor. Gerhart Eisler kommentierte: »Das Rumpeln der sowjetischen Panzer in den Straßen von Budapest ist Musik in unseren Ohren.« Pal bekam auf seine nie gehörte Frage die Antwort, die er am wenigsten erwartete. Die Partei ist wieder da. Die Wut der enttäuschten Hinwegfeger trat über die Ufer der politischen Konvention. Leitartikler im gesetzten Alter verloren die Selbstbeherrschung. Ein Stimmführer forderte Arbeiter und Intellektuelle auf, keinem Kommunisten die Hand zu geben. »Ist denn der noch ein Mensch, der das, was in Ungarn geschehen ist, gutheißt?« Gutheißen oder Verwerfen wurde zum Prüfstein gesellschaftlicher Tauglichkeit. Der PEN-Klub forderte von seinen Mitgliedern Verurteilung der sowjetischen Intervention. Mir (und einigen anderen) wurde, da ich mit Berufung auf die PEN-Charta die geforderte Unterschrift verweigerte, die Mitgliedschaft aberkannt; im Vorstand des Schriftstellerverbandes ging es nicht anders zu.

Was mich bedrückte, waren die Anzeichen beginnender Fahnenflucht. Manchen war die sowjetische Intervention ein Verbrechen, manchen war mit der Zertrümmerung des Stalinidols die Welt zusammengebrochen, manche waren dem Sophisma der Freiheit nicht gewachsen, manche brachen im Boykott des »Keine-Hand-Drückens« zusammen, manchen war das Schwimmen gegen den Strom zu beschwerlich, manche benützten einfach die Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Als das schwächste Glied der Front erwies sich die Gruppe der Schriftsteller und Journalisten, für die ich eine gewisse Verantwortung hatte. Auf der Wiener Landeskonferenz der KP trug eine Schriftsteller-Genossin die Meinung vor, das sowjetische Eingreifen sei »bestenfalls als eine bedauerliche Notwendigkeit in einer selbstverschuldeten Katastrophe« anzusehen, »aber keinesfalls als Anlass zu besonderen Solidaritätserklärungen«. Was der Rede den Anstrich einer Gruppenäußerung gab, war ihre Veröffentlichung im »Tagebuch«, der Zeitschrift der linken Intellektuellen, für die ich als einer der drei Herausgeber zeichnete. In den Spalten dieser Zeitschrift veröffentlichte Ernst Fischer, auch er Mitherausgeber, einen Aufsatz über »Die unbequemen Intellektuellen«, die, im Gegensatz zu den Arbeitern, ausgestattet mit einem empfindlichen persönlichen Gewissen, das Verlangen verspürten, »alles kritisch zu überprüfen, alles in Frage zu stellen, sich mit allen Problemen bis zum äußersten auseinanderzusetzen«, die »Wahrheit um jeden Preis« zu fordern. »Man soll daher aus dem Wort Klassenstandpunkt« keinen Fetisch machen.« Das Für und Wider im Intellektuellen-Streit, der diesem Aufsatz folgte, spiegelte die Widersprüche in der Beurteilung der ungarischen Ereignisse wider. Mitten im Hagel der Beschimpfungen, Erpressungen, Zeitungsbeschlagnahmen, Provokationen versammelten sich die "Wiener Kommunisten zur Feier des 39. Jahrestages der Oktoberrevolution im Messepalast. Die Veranstaltung wurde zu einer Kraftprobe zwischen den antikommunistischen Halali-Blasern und den Verteidigern der sowjetischen Intervention. Die von der Polizei gestattete Kundgebung belagerten Schlägerkolonnen, die den Aufrufen der Boulevardpresse und gewisser studentischer Scharfmacher Gehör schenkten. Es gab verbundene Köpfe, zerschlagene Straßenlaternen, verprügelte Demonstranten und Gegendemonstranten - aber die Kundgebung wurde durchgeführt. Ich konnte nicht in den Saal gelangen, den die Polizei wegen Überfüllung gesperrt hatte. Viele Hunderte Menschen hatten sich in den Straßen rund um den Messepalast versammelt. Der tiefe Zwiespalt, der die ganze Stadt zerriss, trennte auch in dieser Menge Billigende und Widersacher der sowjetischen Intervention. Zu meiner Bestürzung fand ich, dass die Scheidelinie, vielleicht gegen die Absicht der Wortberauschten - die Gegenkundgebung stand im Zeichen der arg missbrauchten Freiheitslosung —, mit der Bereitschaft zu einer bekannten, allzu bekannten Diskriminierung zusammenfiel: Kommunist und Jud. Im »Nieder«-Geschrei verschmolzen die Begriffe; wie einst. Die Exzesse dieser Nacht hielten sich eng an das Modell der unvergessenen Pogromtechnik. Versammlungslokale, Buchhandlungen, Gedenkstätten der Kommunisten wurden demoliert und in Brand gesteckt von Burschen, die wahrscheinlich glaubten, der Sache der Freiheit zu dienen.

Als ich am nächsten Abend zur Sitzung der Schriftstellergruppe ins Parteihaus ging, fand ich hinter dem verbarrikadierten Eichentor ernste Männer, die nicht danach aussahen, als ob sie vor verhetzten Rowdies davonlaufen würden: die Bereitschaftswache des Parteiaktivs. Alle waren gekommen. Ernst Fischer leitete das Gespräch; vom ersten Augenblick an versprach es stürmisch zu werden. Tagesordnung: Stellungnahme zu Ungarn. Die Luft war dick, zu dick für ruhiges Überlegen. Schlagworte knallten gegeneinander. Volksaufstand oder Gegenrevolution? Freiheitskämpfer oder Faschisten? Die sowjetische Intervention, Vergewaltigung der Freiheit oder Rettung des Sozialismus? Leidenschaft stand gegen Leidenschaft, Misstrauen gegen Misstrauen. Alte Wunden wurden aufgerissen, Fehler aus der Besatzungszeit breitgetreten. Manchen fiel es leicht, das entscheidende Wort: »Ich trete aus.« Andere wollten es sich noch einmal überlegen. Ich versuchte es mit einem Appell zur Einheit. Draußen stünden Kameraden, die ihre Nachtruhe opferten um des großen Gemeinsamen willen. Sollten nicht auch die Schriftsteller das Trennende zurückstellen und in dieser kritischen Stunde Bedenken und Vorbehalte der notwendigen Einheit der Kampfreihen unterordnen? Das Trommelfeuer, es beschränkte sich nicht auf Österreich, hatte seine Wirkung getan, der Einbruch war nicht wegzumoralisieren. Die Mehrzahl der Anwesenden schien überzeugt, in Ungarn sei ein Volksaufstand von russischen Panzern niedergewalzt worden. Es gab freilich auch solche, die von nichts überzeugt waren als von den Vorteilen einer rechtzeitig gewendeten Weste.

In diesen Tagen gaben nicht wenige Parteigenossen ihre Mitgliedsbücher zurück. Intellektuelle, Arbeiter, ja sogar Betriebsräte. Die Schriftstellergruppe löste sich auf; die Nachtsitzung im Parteihaus war die letzte. Zweifel, die manche Auseinandersetzung als Bodensatz der Gewissensprüfung zurückgelassen haben mochte, wichen voller Gewissheit, als ich im Dezember die Resolution »Über die Ursachen der Ereignisse im Oktober« zu Gesicht bekam, die vom ZK der Sozialistischen Arbeiterpartei Ungarns, nach einem Referat von Janos Kadar, beschlossen worden war. Die »vier Ursachen«, die eine gründliche Analyse der widerspruchsvollen Vorgänge herausfand, lagen nicht sehr weit entfernt von jenen, die ich in der Flüchtigkeit des Erlebens wahrzunehmen glaubte. Schuldig war die Rakosi-Gerö-Gruppe durch ihre bürokratischen Führungsmethoden; schuldig war die destruktive Kritik eines Teiles der Opposition, unter der Führung von Imre Nagy stellte sie die Grundlagen der volksdemokratischen Ordnung in Frage; schuldig war die heimische Reaktion, kapitalistischen und feudalen Charakters, die nur auf die günstige Gelegenheit gelauert hatte, um loszuschlagen; schuldig war schließlich in entscheidendem Maße der internationale Imperialismus, der sich zum Ziel gesetzt hatte, in Ungarn der Konterrevolution in den Sattel zu helfen.

Auf die Frage: »Was war am dreiundzwanzigsten Oktober in Ungarn?« lautete die parteiamtliche Antwort: »Die an den Oktoberereignissen mit ehrlichen Zielen beteiligten Massen müssen die bittere Wahrheit erkennen - auch jene, die das nicht wollten -, dass der bewaffnete Aufstand der Konterrevolution diente.«

Ein erklärender Zusatz schien mir geboten. In einem Artikel, den ich in jenen Tagen unter dem Titel »Von der Rolle des Bewusstseins« in einer Berliner Zeitschrift veröffentlichte, versuchte ich ihn zu formulieren. Die »Betrachtungen eines Reporters in Budapest« sollten vom Besonderen zum Allgemeinen führen. »Dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, haben wir gelernt. Die gut gelernt haben, wissen, dass die Beziehung nicht automatisch ist. Auch nicht einseitig. Vielmehr lehrte uns Engels die "Wechselwirkung zwischen Sein und Bewusstsein zu beachten. Das fortschrittliche Bewusstsein entsteht nicht von selbst, auch nicht bei Arbeiter-und-Bauern-Kindern. Es kann auch nicht in Kursen, so wichtig sie sein mögen, gelehrt werden. Es wächst in einer Atmosphäre des Vertrauens und der Wahrhaftigkeit. Die Arbeiter sind bereit, Opfer zu bringen, wenn sie wissen, wofür. Auf das Wissen kommt es an.«

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