"nVs" zum 8. März - Internationaler Frauentag
Heinz R. Unger: DREI ROTE PFIFFE IM WALD
Im Kreis ihrer Enkel die alte Frau
zeigt mit erhobener Hand
auf die Wälder, die dunklen, über der Drau:
Jetzt zeige ich euch euer Land!
Dort drüben, da hab' ich geschuftet am Hang,
Dort drüben, da hab' ich geschuftet am Hang,
als ich so jung wie ihr heut' war.
Bei der Christmette mit Glockenklang
hing Eis von Rock und Haar.
Die Bergknappen kamen vom Lindenwirt
und flüsterten heimlich, mit List,
dass sich in der Welt etwas ändern wird,
nichts bleiben muss, wie es ist.
Verschwiegene Bäume.
Verschworener Wald.
Und drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe im Wald.
Die Drau hinunter trieb Mond um Mond,
es brach der Faschistenkrieg aus.
Da hatte ich dann einen Mann an der Front,
und hatte drei Kinder im Haus.
Wie tönte da markiger Nazigesang
von deutschem Boden und Blut.
Manch' ein Bursch in die Berge entsprang.
Ich trug Flugblätter unter dem Hut.
Der Gestapo war kalt und der Gauleiter schalt:
Partisanen im eigenen Land!
Ich trug Geflüster und Brot in den Wald.
Sie haben mich Jelka genannt.
Verschwiegene Bäume.
Verschworener Wald.
Und drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe im Wald.
Der Winter war nass, und uns wärmte der Hass.
Viele sind's, die die Erde heut' birgt.
Wir haben gefochten, dort oben am Pass,
und an unsrer Befreiung gewirkt.
Der Krieg war vorbei, da war Stille im Land,
da waren die Lautesten leis',
sie nahmen das Hitlerbild von der Wand,
ihre Westen, die wuschen sie weiß.
Ihr meine Enkel, was hört ihr so stumm
die alten, die kalten Berichte?
Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum!
Erinnert euch meiner Geschichte ...
Verschwiegene Bäume.
Verschworener Wald.
Und drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe,
drei rote Pfiffe im Wald.
Kurzbiografie
Helena Kuchar-Jelka war Magd auf einem Bauernhof, schloss sich als vierfache Mutter den Partisanen an, erlebte am eigenen Leib den Terror der Gestapo. Als andere sich nach dem Krieg enttäuscht zurückzogen, kämpfte sie weiter. Trotzdem ist ihre Erzählung kein Heldenepos. Es ist die Lebensgeschichte einer einfachen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Die zeitgenössische Version einer Mutter Courage, die mit der Schlauheit und mit der Beharrlichkeit - den Waffen der jahrhundertelang Geknechteten - mehr vertraut als der technischen Übermacht des Gegners. Und es ist, anhand von Jelkas Leben, die Geschichte der Kärntner Slowenen - ihrer Verfolgung, ihres Widerstandes und ihre Diskriminierung. Eine Geschichte, die nicht zu Ende geschrieben ist ...
Literatur: Thomas Busch, Brigitte Windhab: „Jelka aus dem Leben einer Kärntner Partisanin“, nach Tonbandaufzeichnungen von Helene Kuchar, 1984 Basel
Aus der »nVs« , No. 1/2006 (15. Jahrgang)


