Julia Sastra / UZ: Sex in the City
Überraschung! Nach 365 Tagen ist kommenden Mittwoch 8. März, und die Redaktion erwartet von einer weiblichen Mitarbeiterin einen Beitrag zum Frauentag für die Kulturseite. So treffen einmal im Jahr lauter Minderheiten aufeinander. Da sich aber im letzten Jahr für uns nichts getan hat und wir für uns nicht viel tun konnten: Bitte, lieber Kulturredakteur, druck einfach den Text vom vorletzten Jahr noch einmal.
Wir hätten immerhin eine Bundeskanzlerin? Stimmt, für die legten sich sogar einige Stars und Sternchen ins Zeug, allen voran Alice Schwarzer.
Begründung: es wäre die erste Frau auf diesem Posten. Das Geschlecht als Wahlargument - geht's noch dümmer? Glücklicherweise hat sich Alice Schwarzer inzwischen wieder auf ihr Kerngeschäft besonnen und fordert einmal mehr "Rechte für Tiere!". Gerade erhielt sie für solcherart "Wortgewalt und spitze Feder" von der Zeitschrift "MediumMagazin" die Auszeichnung "Journalist des Jahres". Das ist nicht zu toppen. Es sei denn, Journalist Alice würde für ihren Schwachsinn noch auf Großplakaten werben. Tut sie aber nicht. Was nicht heißt, dass der "öffentliche Raum", der schon längst nicht mehr öffentlich ist, weil jede Hauswand vermietet wird für Werbung und also für Waren, uns gehören würde. In Köln z. B. wirbt derzeit eine italienische Klamottenfirma auf riesigen Plakatwänden mit lustig rammelnden Kaninchen, in deren Mitte eine rar bekleidete Frau mit geschürztem Rock und nacktem Hintern auf das Ihre wartet. In Wien zeigen Plakatwände eine ans Bett gefesselte Frau - Werbung für Schuhe, die Frau ungefesselt gleich säckeweise kaufen würde. So drastisch muss es aber gar nicht sein: Ob für Dessous, Lotto, Hundefutter oder Autos, die Werbung mit ihren standardisierten jugendlichen Schönen, ob sie nun Fleisch zeigen oder nicht, zementiert das noch immer vorherrschende Rollenbild einer allzeit verfügbaren, tendenziell lasziven Spielgefährtin, degradiert die Frau zu einem an Bulimie leidenden netten Accessoire: "Sie brauchen nur zugreifen, meine Herren!"
Von den Hauswänden auf die Straße des vermeintlich öffentlichen Raums. Dank der intellektuellen Vermittlertätigkeit des Museums der Arbeit in Hamburg, das in einer großen Ausstellung Prostitution - also den entwürdigenden Verkauf des eigenen Körpers - als normale Dienstleistung anpreist, geschieht dies entsprechend entspannt, zumal eben diese Dienstleistung in Kürze einen wahren Boom erleben und also zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen wird: Normalerweise tragen hierzulande etwa 400 000 Frauen ihren Körper zu Markte, was ihren Zuhältern jährlich 15 Milliarden Euro Umsatz beschert - Karstadt brachte es 2004 auf 13,4 Milliarden. Unter bestimmten Bedingungen lässt sich der Umsatz mit Lebendfleisch noch steigern, Mann muss sie nur zu nutzen wissen: Nehmen wir die Fußballweltmeisterschaft, bei der drei Millionen Fans erwartet werden, und bei der es nicht nur um "Brot und Spiele" geht - also darum, von der realen Misere abzulenken und damit Aggressionen abzubauen - sondern auch um Geld. Zum Beispiel um das der zigtausend Männer, die da jeweils in den Stadien hocken und für die eine Mannschaft, und das der zigtausend Männer, die für die andere Mannschaft grölen.
Diese Männer wollen versorgt sein. Schließlich haben sie dafür gezahlt, mal so richtig grölen zu dürfen, mal so richtig aus sich rauskommen zu können, mal so echt unter Männern zu sein. Viele Mühen haben sie dafür auf sich genommen: sind von weither angereist, zahlen ein teures Hotel und teures Essen und teures Bier und erfreuen damit die um ihr leibliches Wohl besorgten Stadt- und Gemeinderäte. Weil so ein Spiel aber nur 90 Minuten dauert und 90 Minuten für Karte und Anreise und Hotel und Essen und Bier ziemlich wenig sind, machen sich nun Stadt- und Ratsherren Gedanken, was Mann den Männern noch so bieten könnte, wenn sie nach dem Spiel siegesbesoffen bzw. frustriert durch die Fußgängerzonen der um ihr Wohl so besorgten Städte ziehen. Naturgemäß wissen DFB, Städte- und Gemeinderäte, was Sieg für ein geiles Gefühl ist, und wie man danach geil ist, und sie wissen auch, wie Niederlagen aggressiv machen und eine Triebabfuhr her muss - da wär halt ein Stück Lebendfleisch genau das richtige. Um die gesteigerte Nachfrage befriedigen zu können, erwarten die Herren zusätzlich etwa 40 000 Frauen aus Osteuropa, zumeist Zwangsprostituierte, die sich verkaufen müssen, damit es ihren Menschenhändlern fein geht. Damit sind auch die Stadtherren fein raus und können loslegen: An allen zwölf Austragungsstätten sollen Prostituierte die Genehmigung erhalten, ihre Dienste auf der Straße anzubieten. In der Hauptstadt werden Sponsoren gesucht, um am Olympia-Stadion 100 000 Kondome verteilen zu lassen. Ein WM-Edel-Bordell hat dort bereits eröffnet. In Köln folgte das mit 141 Zimmern größte des Landes. Gleichzeitig läuft in Köln und Dortmund die Einrichtung mobiler Bordelle auf Hochtouren: In Dortmund sollen innerstädtische Brachflächen mit sogenannten Verrichtungsboxen bestückt werden, das Amtsdeutsch trifft es hier ausnahmsweise einmal genau. Andernorts werden private Garagen umgebaut, mit Kondomautomaten, Toiletten und Notausgängen versehen.
Seit Monaten verlangen Gutmenschenorganisationen wie Kirchenverbände und Deutscher Frauenrat von Politikern und Internationalem Fußballverband sich von dieser allgemeinen Geilheit zu distanzieren, kürzlich forderte sogar das Europäische Parlament die Bundesregierung auf gegen zu erwartenden Menschenhandel und Zwangsprostitution vorzugehen. Die Angesprochenen schwiegen: Mann weiß halt, was Mann braucht. Und so werden sich, weil niemand sie hindert, alle die es wollen, erleichtern können: Die, die so geil sind. Und die, die so frustriert sind. Eine WM macht halt Druck, da kommt Mann naturgemäß nicht gegenan.
Unvorstellbar, eine WM fände in Schweden statt, wo Prostitution verboten ist, und wer eine Frau kauft, aus dem Bett weg verhaftet und bestraft wird, während sie frei ausgeht. Eine absolut gegen Männer gerichtete Sauerei. Da sind deutsche Paragraphen vor, die all dies zu einer Dienstleistung erklären. Und deutsche Geschäftsinteressen. Sollen doch die Schweden in Schweden bleiben, hier werden die kommunalen Kassen klingeln. Sorge bereitet den Stadt- und Gemeinderäten nur eines: die Lebendfleischkäufer könnten von osteuropäischen Zuhältern und den "schlechten Diensten" ihrer Sklavinnen übers Ohr gehauen werden. Der Imageschaden für die Städte wäre nicht auszudenken.
[Unsere Zeitung - UZ, 03.03.2006]


