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Ulrich Schwemin, Havanna: "Glaubt nicht, sondern lest!"

Fidel Castro und Hugo Chávez eröffneten Internationale Buchmesse in Havanna. Großkundgebung vor 200000 Menschen. Abzug der Besatzer aus Irak gefordert
Der unglaubliche Ansturm der Bevölkerung von Havanna auf die 15. Internationale Buchmesse am Samstag morgen machte bei den Ausstellern alle Anstrengungen der vergangenen Tage bei Aufbau und Vorbereitungen vergessen. Vor allem junge Leute schoben sich den ganzen Tag lang durch die Dutzenden von Messehallen, kauften Bücher, diskutierten mit den Ausstellern, sahen Filme und erlebten Buchpräsentationen.

Am Freitag nachmittag war die Messe auf der historischen Festung San Carlos de la Cabana offiziell eröffnet worden. Und das mit einem Paukenschlag.

Fidel Castro war gekommen, und er hatte seinen Staatsgast Hugo Chávez, den Präsidenten Venezuelas, mitgebracht. Beide Comandantes unterzeichneten vor den mehr als 1000 Gästen der Veranstaltung einen Vertrag über die gegenseitige Förderung von Kultur und Kunst. Protokoll, Politikalltag? Mitnichten. Zwischen den beiden Ländern hat sich in den vergangenen Jahren eine immer stärkere Bindung entwickelt; und Castro wie Chávez sind offensichtlich entschlossen, diesen Prozeß weiter voranzutreiben. Das war für alle Teilnehmer deutlich auch am lockeren und freundschaftlichen Umgang der beiden miteinander zu spüren.

Der Vertrag wird für junge Leute, Studenten, Literaten, Film- und Fernsehschaffende, Künstler aller Richtungen neue Möglichkeiten schaffen. Bedeutung wird er jedoch auch über Kuba und Venezuela hinaus haben, denn in ihm ist auch die Gründung eines großen Verlages im Rahmen von ALBA, der bolivarischen Alternative für Lateinamerika, festgeschrieben.

Im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung stand ein Buch des venezolanischen Schriftstellers arabischer Abstammung Tarek William Saab – »Die Kinder des Unglücks«. Fidel Castro hatte den von Chávez als Dichter der Revolution bezeichneten Autoren auf die Idee gebracht, nach dem verheerenden Erdbeben vom 8. Oktober 2005 nach Pakistan zu reisen. In seinem Buch berichtet Saab über das Schicksal der Menschen nach der Katastrophe, aber auch über den Einsatz der Brigade »Henry Reeve« in Pakistan – 2500 Ärzte, Krankenschwestern, Techniker aus Kuba, die seit dem vergangenen Herbst in der Erdbebenregion tätig sind. Saab berichtete von seinem Aufenthalt in Pakistan und davon, daß die kubanischen Ärzte bereits 600000 Erdbebenopfer behandelt hätten. Schließlich bat er Hugo Chávez, aus seinem Buch vorzulesen. Der ließ sich zur Freude der Gäste die Gelegenheit nicht nehmen, auch seine rezitatorischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Venezuela ist in diesem Jahr Ehrengastland auf der Buchmesse. Die Delegation wurde vom Kulturminister Venezuelas, Farruco Sesto, vorgestellt. Sie ist so groß, daß damit alle Rekorde aus vergangenen Jahren gebrochen werden. 80 Delegierte und 35 Schriftsteller stellen 1200 Titel aus 62 Verlagen vor, insgesamt sind eine Million Bücher aus Venezuela auf die Festung gebracht worden. Bei seiner ersten Kuba-Reise, so Sesto, habe er an einer Bibliothek einen Satz Castros gelesen: »Glaubt nicht, sondern lest!« Dafür würden jetzt auch in Venezuela die Voraussetzungen geschaffen, denn vor Chávez sei die Literatur ausschließlich Sache der Eliten gewesen. Das ändere sich jetzt. In Zukunft will das Land täglich fünf neue Buchtitel für seine Bevölkerung zur Verfügung stellen.

Der Abend fand seinen Abschluß mit einer Kundgebung auf dem Platz der Revolution in Havanna. Fidel Castro zeichnete Hugo Chávez mit dem von der UNESCO gestifteten »José-Martí-Preis« aus. Die Auszeichnung wurde für den großen Beitrag des Präsidenten zur Integration Lateinamerikas, für seine Verdienste bei der Bewahrung der kulturellen Traditionen und der Alphabetisierung der Bevölkerung verliehen. Lateinamerika, so betonten beide Politiker vor mehr als 200000 Kundgebungsteilnehmern, erlebe eine Wende. Hier werde der Neoliberalismus scheitern, und dieses Scheitern sei für die Menschheit überlebensnotwenig. Scharf kritisierte der venezolanische Präsident den Imperialismus der USA, der die Welt dem Zusammenbruch ausliefere und forderte den Abzug der US-Truppen aus dem Irak. Er begrüßte die Regierungsübernahme durch Evo Morales, den indigenen Gewerkschaftsführer der Kokabauern, in Bolivien und bezeichnete ALBA, den Zusammenschluß der Völker für ihre eigenen Interessen und gegen die Interessen des Imperialismus der USA, als das notwendige politische Modell für Lateinamerika. Der einzig gangbare Weg zu einer gerechten Welt, so Chávez unter dem Jubel der 200000, sei der Sozialismus.

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