CUBA: Das Buch, ein Politikum
Heute beginnt in Havanna die XIV. Internationale Buchmesse .
Über 3,7 Millionen Besucher werden erwartet.
[Ein Bericht von Deisy Francis Mexidor (Havanna) und Harald Neuber für die Wochenzeitung "Junge Welt"]
Keine der großen internationalen Buchmessen kann auf ihren rein kulturellen Charakter beschränkt werden. Kaum eine Veranstaltung aber ist derart ein Spiegel der politischen Realität wie die Internationalen Buchmesse von Havanna. Die immense Beteiligung der Bevölkerung belegt einerseits den weitgehend verwirklichten Anspruch der kubanischen Revolution, die Kultur der ganzen Bevölkerung zugänglich zu machen. Kein Verlag wird durch horrende Standgebühren ausgeschlossen, kein Besucher durch die hohen Eintrittspreise abgeschreckt. Die internationale Beteiligung zeigt auf der anderen Seite, wie sich ausländische Regierungen zu Kuba und damit zu der aggressiven US-Außenpolitik verhalten.
Das war besonders im vergangenen Jahr deutlich geworden. Damals hatte die Bundesregierung die deutsche Teilnahme unter Verweis auf angebliche Menschenrechtsverletzungen in Kuba abgesagt, obwohl Deutschland als Ehrengast eingeladen war. Sie kam damit dem Druck der ultrarechten Aznar-Regierung in Spanien nach, die antikubanische Positionen innerhalb der EU forciert hatte. Die kubanischen Organisatoren reagierten schnell. Nicht mehr Deutschland stand im Mittelpunkt der Messe, sondern die deutsche Literatur. Dank des Ende 2003 eilends gegründeten Büros Buchmesse Havanna konnten mehrere Dutzend Verlage dem Berliner Boykott entgegen an der Messe teilnehmen. Das Büro war von der Solidaritätsorganisation Cuba si ins Leben gerufen worden.
Boykott dauert an
An dieser Lage hat sich im Grunde nichts geändert. Auch in diesem Jahr nehmen keine offiziellen Vertreter Deutschlands an der Havanna-Messe teil. Das wiegt umso schwerer als die Zerwürfnisse zwischen Brüssel und Havanna seit Anfang der Woche beigelegt sind (siehe Spalte rechts). Trotz dieses andauernden Boykotts und der US-Blockade öffnet die XIV. Internationale Buchmesse in Havanna am heutigen Donnerstag ihre Pforten. Rund 500 Aussteller werden auf der geschichtsträchtigen Festung San Antonio de la Cabaña nahe des alten Hafenbeckens über fünf Millionen Bücher ausstellen. Viele Titel sind zu eher symbolischen Preisen in kubanischen Pesos zu erwerben. Die Aussteller kommen auf dieser Messe aus insgesamt 30 Nationen. Aus Deutschland werden nach Informationen des Büros Buchmesse Havanna 24 Verlage mit über 1000 deutschen Buchtiteln teilnehmen. Wie schon im vergangenen Jahr ist auch die junge Welt vertreten, diesmal mit Chefredakteur Arnold Schölzel, Auslandschef Gerd Schumann und Anzeigenleiter Peter Borak.
Gastland Brasilien
Gastland ist in diesem Jahr Brasilien. Zugleich wird das Werk der beiden zeitgenössischen kubanischen Schriftsteller Jesús Orta Ruiz und Abelardo Estorino geehrt. Im Gegensatz zum andauernden Boykott der deutschen Regierung wird aus Brasilien eine offizielle Delegation aus über 80 Vertretern erwartet, unter ihnen die Minister für Kultur, Gilberto Gil, Nationale Integration, Ciro Gómes, und Bildung, Tarso Genro. Zu Beginn der Buchmesse haben sich 150 Verlage aus dem südamerikanischen Gastland angemeldet. Neben dieser enormen Resonanz in Brasilien wird die Messe in Havanna auch wieder Treffpunkt progressiver Intellektueller aus aller Welt sein. So stellen die US-Amerikaner Howard Zinn und James Cockcroft in Havanna neue Bücher vor. Erwartet wird auch der an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies lehrende Historiker Piero Gleijeses. Weitere prominente Gäste sind Ernesto Cardenal, Volodia Teitelboim, Thiago de Melo, José Saramago, Alfonso Sastre, und Arundhati Roy.
Nach Angaben der Veranstalter konnte die internationale Buchmesse von Havanna im vergangenen Jahr rund 3,7 Millionen Besucher verzeichnen, verkauft wurden mehr als drei Millionen Bücher. Diese Zahl soll in diesem Jahr noch übertroffen werden. Diese enorme Resonanz bei der Bevölkerung ist auch darin begründet, daß die Messe nicht nur in der Hauptstadt ausgerichtet wird. Wie schon in den vergangenen Jahren wird die Messe nach ihrem Torschluß in Havanna am 13. Februar in weiteren 24 kubanischen Orten stattfinden. Gemäß dem Motto »Leer es Crecer« (Lesen ist Wachsen) sollen auch die Bewohner der entlegendsten Landesteile Zugang zu den Büchern erhalten.


