Vor 60 Jahren: Der Untergang der deutschen 'Heeresgruppe Mitte'
Die deutschen Generäle vermuteten allenfalls Fesselungsangriffe. Doch ihrer Luftaufklärung entgingen die sowjetischen Truppenaufmärsche im Hinterland. Mit massierten Kräften durchbrachen die Russen im Juni 1944 die Front. Hitlers starrsinnige Befehle verschlimmerten die Lage. Deutsche Hybris und sowjetisches Geschick bereiteten der Wehrmacht eine Katastrophe.
Am frühen Morgen des 22. Juni 1944 hatte alles scheinbar harmlos angefangen. Russische Infanterieangriffe in Bataillonsstärke richteten sich, nach kurzen heftigen Artillerieschlägen, gegen einige der deutschen Divisionen der "Heeresgruppe Mitte" an der Ostfront. Starke Aufklärung, allenfalls Fesselungsangriffe vermuteten die deutschen Generalstäbler und waren zuversichtlich, sie abweisen zu können. Aber am folgenden Tag schon mußte man erkennen, daß die Angriffe nordwestlich Witebsk von einer bisher nicht erkannten Gardearmee mit größter Wucht geführt wurden, daß sie durch Panzerangriffe südöstlich von Witebsk ergänzt wurden, daß noch weiter südlich, bei Orscha und Mogilew, aus Richtung Smolensk angestürmt wurde, nun nach zum Teil infernalischen Artillerievorbereitungen - Feuerkonzentrationen, wie man sie im Krieg gegen die Sowjetunion noch nie erlebt hatte. Am 24. Juni begann auch im Süden der Heeresgruppe bei der 9. Armee nördlich und südlich von Bobruisk ein weiterer Zangenangriff der Roten Armee. Zwei Tage später war eigentlich schon alles entschieden: Vor allem im Norden bei der 3. Panzerarmee und im Süden bei der 9. Armee waren die Russen mehrfach durchgebrochen. In die immer weiter aufreißenden Frontlücken ergossen sich mehrere Panzerkorps, die rasch immer tiefer in die rückwärtigen Räume und Verbindungen der Deutschen einbrachen.
Nach einer Woche schon waren nicht nur die größten Teile der 3. Panzerarmee um Witebsk und der 9. Armee bei Bobruisk eingekesselt. Auch alle Zwischen- und Auffangstellungen, etwa entlang dem Dnjepr oder entlang der Beresina, waren von den vorwärtsstürmenden sowjetischen Panzertruppen, darunter die 5. Gardepanzerarmee, durchbrochen worden. Verzweifelt versuchten sich Reste der zentralen deutschen 4. Armee Richtung Minsk zurückzukämpfen, die Marschkolonnen ständig bedroht von den parallel vordringenden russischen Kräften oder Partisanen am Wegesrand. Die Rückmärsche mit den vielen Verwundeten, tagelang ohne Verpflegung oder Nachschub von Munition, führten zur Aufgabe der eigenen schweren Waffen und Fahrzeuge, wandelten sich bald in führerlose Flucht. Am 3. Juli wurde Minsk von den Russen erobert. Die Reste der 4. Armee - ursprünglich mit elf Divisionen fast 200 000 Mann stark, hinzu kamen noch vier versprengte Divisionen - waren nun endgültig abgeschnitten. Ausbruchsversuche unter einzelnen Führern scheiterten. Die in Sumpfwäldern gestrandeten Reste von Flüchtlingen kapitulierten am 8. Juli unter General Vincenz Müller, dem späteren Stabschef der DDR-Volksarmee. Nur etwa 900 Leuten gelang es in den kommenden Wochen, sich zu den eigenen Linien durchzuschlagen.
Innerhalb von 10 Tagen hatte die Wehrmacht die größte Katastrophe erlitten, viel schlimmer als die Niederlage von Stalingrad. Eine riesige Frontlücke von über 500 Kilometern Breite gähnte im Osten, gerade als die Führung jede Einheit brauchte, um die Invasion im Westen wenigstens einzudämmen. Nicht nur eine Armee wie in Stalingrad, sondern eine ganze Heeresgruppe mit drei Armeen war vernichtet. 28 Divisionen mußten auf einen Schlag aus den Listen gestrichen werden. 350 000 Mann waren tot oder gefangen. Auch die anderen Divisionen der Heeresgruppe waren angeschlagen und einige weitere, die zu spät von anderen Kriegsschauplätzen zur Verstärkung entsandt worden waren, wurden mit in den Strudel der Niederlage gerissen.
Von der eigenen Ideologie geblendet.
Während Generalfeldmarschall Model, als Feuerwehr entsandt, mühsam mit rasch zusammengekratzten letzten Reserven, mit Alarmeinheiten und Waffenschulen und drei vom Süden der Ostfront herangeführten Panzerdivisionen eine Sicherungslinie aufzubauen versuchte - die eigentlich nur halten konnte, weil den Russen nach 400 Kilometer Vorwärtsstürmen inzwischen der Nachschub ausging -, brach am 15. Juli, südlich der Pripjetsümpfe bei Kowel, der Sturm des linken Flügels der 1. Weißrussischen Front in Richtung Lublin los. Hier hatte der deutsche Generalstab ursprünglich die russische Sommeroffensive erwartet. Aber wegen der Katastrophe im Norden hatte man die Front schwächen müssen. Und so brach Rokossowskis Front im Süden der Pripjetsümpfe ebenso durch wie drei Wochen zuvor nördlich bei Bobruisk. Am 30. Juli ging nach 300 Kilometern Vormarsch den Russen wieder die Luft aus - nachdem sie die Weichsel erreicht hatten und vor den Toren Warschaus standen. Und am gleichen Tag erreichten die sowjetischen Panzerverbände, nachdem sie Brest-Litowsk erobert hatten und Wilna und Kaunas, mit letzten Kräften westlich von Riga die Ostsee: Die Heeresgruppe Nord war von der Heeresgruppe Mitte abgespalten; die Russen standen an der Grenze Ostpreußens.
Nie war eine deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg umfassender gewesen und in so kurzer Zeit besiegelt. Und dennoch ist die Vernichtung der ganzen Heeresgruppe im kollektiven Gedächtnis der Deutschen kaum vorhanden. Dies lag nicht nur daran, daß die amtlichen OKW-Berichte die Vernichtung der Heeresgruppe hinter Formeln verbargen: an diesem oder jenem Ort im Osten sei die Front in erfolgreichen Abwehrkämpfen auf eine Sehnenstellung zurückgenommen worden, sei ein gegnerischer Umfassungsversuch unter großen Opfern für die Bolschewisten gescheitert, hätten sich die eigenen Kräfte zurückgekämpft. Die Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni, einen Tag nach dem alliierten Einmarsch in Rom, bestimmte schon für die Zeitgenossen die Wahrnehmung. Nach der ersten Euphorie, nun werde man die kampfscheuen Amerikaner ins Meer zurückwerfen, begann sich, als das nicht gelang, zunehmend Resignation breitzumachen. Und kurz darauf bot sich der NS-Führung der 20. Juli dazu an, parallel zur "Säuberung" des Militärs von Kritikern Gerüchte zu streuen, die überraschend schnelle Niederlage der Mitte der Ostfront könne nur an Verrat gelegen haben.
Wie aber war es zu der katastrophalen Niederlage innerhalb weniger Tage gekommen? Auch hier wird die Wahrnehmung der Zeitgenossen, die sich dem russischen "Untermenschen" überlegen fühlten, sich aber von der "Materialüberlegenheit des Amerikaners" besiegt sahen, von Stereotypen überlagert: den angeblichen riesigen russischen Menschenmassen, die ohne jede Rücksicht auf Menschenleben anstürmen. Nichts davon ist wahr. Tatsächlich hatte die russische Führung längst erkannt, daß man unter einem Mangel an Infanteristen litt. Die sowjetischen Streitkräfte wurden professionell geführt. Nach drei Jahren Krieg hatte man die deutschen Prinzipien des Gefechts der verbundenen Waffen begriffen und übernommen. Statt wie früher auf breiter Front anzugreifen und sich zu verzetteln setzte man bei der Operation gegen die Heeresgruppe Mitte auf äußerste Konzentration der Kräfte; die Angriffe stießen ohne Rücksicht auf die Flanken einfach in die Tiefe. "Festungen" wurden umgangen, man überließ sie, wie einst 1940 und 1941 die Deutschen, nachfolgenden Truppen.
Die sowjetischen Panzertruppen mit 2700 Panzern und 1355 Selbstfahrlafetten wurden überaus wendig geführt, ebenso die überwältigend starken Artilleriekräfte mit 22 000 Geschützen und Granatwerfern. Damit waren die sowjetischen Streitkräfte nicht nur zu operativen Feuerkonzentrationen ungeheuren Ausmaßes bereit. Auch taktisch, so notierten die deutschen Divisions- und Korpskommandeure verblüfft, war die sowjetische Artillerie zu wirksamer Konzentration in der Lage, die deutsche Stellungen zermürbte und Bereitstellungen zu Abriegelungsangriffen zerschlug. Die sowjetische Luftüberlegenheit war mit 5300 Frontflugzeugen überwältigend. Die sowjetischen Flieger konnten die deutsche Artillerie, das Rückgrat der Verteidigung, weitgehend niederhalten. Sie attackierten massiv die deutschen Nachschub- und Verbindungsstrecken und dann die flüchtenden Kolonnen. Und die deutsche 20. Panzerdivision, die einzige wirkliche Reserve der Heeresgruppe, wurde aus der Luft weitgehend vernichtet, als ihr ein Gegenangriff bei Bobruisk "ohne Rücksicht auf eigene Verluste" befohlen wurde und sich die Panzer vor den sowjetischen Blockadetruppen stauten.
Von schon strategischer Bedeutung waren die Aktionen der nach sowjetischen Angaben etwa 240 000 Partisanen im Hinterland der deutschen Heeresgruppe, die in den Wald- und Sumpfgebieten schwer zu fassen waren, aber immer wieder vorstießen, um die deutschen Nachschubstraßen und Schienenverbindungen zu unterbrechen. So auch in der Nacht vom 19. zum 20. Juni, als überraschend an mehr als 10 000 Stellen Eisenbahnstrecken gesprengt wurden. Den deutschen Stäben wurde nun klar, was ihnen bevorstand. Ähnlich wie den Westalliierten, die die Deutschen glauben machten, die eigentliche Invasion richte sich gegen die Kanalküste bei Calais, gelang auch den Sowjets eine strategische Täuschung: Die deutschen Militärs rechneten mit einer sowjetischen Großoffensive gegen die Heeresgruppe Nordukraine südlich der Pripjetsümpfe. Hier wurden die deutschen Panzerreserven zusammengezogen. Bei der Heeresgruppe Mitte rechnete man nur mit Fesselungsangriffen. Die deutschen Armeen ließen sich gleichermaßen täuschen wie der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generalfeldmarschall Busch, und sein Generalstabschef, oder auch der Generalstab des Heeres unter Zeitzler und Hitler selbst. Als Reserven hinter einer über tausend Kilometer langen Front hatte man gerade zwei Infanteriedivisionen, eine schwache Panzergrenadierdivision, die aufgefrischt werden mußte, und dann, in letzter Minute noch, die 20. Panzerdivision.
Hitlers ständige persönliche Eingriffe.
Der deutschen Luftaufklärung entgingen wegen der massiven Überlegenheit der sowjetischen Luftwaffe die Aufmärsche im Hinterland. Die sowjetische Funkstille schuf Unsicherheit, ganze Armeen schienen plötzlich verschwunden. Die nächtliche Verlegung umfangreicher Panzer- und Artilleriekräfte von anderen Fronten in die Durchbruchsabschnitte war zudem meisterhaft getarnt. Erst in den letzten Tagen schwante den Deutschen, daß sich, vor allem vor der 9. Armee im Süden bei Bobruisk, etwas zusammenbraute.
Die generelle Überlegenheit der sowjetischen Streitkräfte in der Mannschaftsstärke von etwa 2,5 zu eins war der deutschen Seite bekannt, aber die bei Panzern von 4,3 zu eins und bei der Artillerie von drei zu eins wurde unterschätzt. Dank der massiven Konzentration war aber die sowjetische Überlegenheit in den sieben Durchbruchsabschnitten - je etwa 15 Kilometer breit - noch viel gewaltiger. Eine normal "abgekämpfte" deutsche Division, die eine Frontbreite von etwa 25 bis 30 Kilometern verteidigen sollte, hatte eine "Grabenstärke" von etwa 50 bis 80 Mann pro Kilometer und vielleicht zwei Geschütze und ein oder zwei Sturmgeschütze zur mobilen Panzerabwehr. An den Durchbruchsabschnitten, an denen die Russen etwa 80 Prozent ihrer Kampfmittel konzentrieren konnten, ohne sich anderswo zu entblößen, konnten sie etwa 180 Geschütze und Mörser pro Kilometer einsetzen. Die Überlegenheit bei Panzern und Sturmgeschützen im Durchbruchsabschnitt betrug etwa 20 zu eins.
Eine solche Überlegenheit konnten die abgekämpften deutschen Truppen bei aller Kampferfahrung und vielleicht immer noch überlegenen Führung nicht kompensieren, auch wenn die Heeresgruppe noch nach Tagen darauf vertraute, die Lage wie schon bei früheren Krisen meistern zu können. Die 3. Panzerarmee, die 4. und die 9. Armee hatten sich seit den Dezembertagen 1941, als die deutsche Offensive vor Moskau scheiterte, kämpfend schrittweise zurückdrängen lassen müssen. Die Rückzüge waren weitgehend geordnet verlaufen, immer mit Rücksicht auf die benachbarten Einheiten, von Zwischenlinie zu Zwischenlinie die Front zusammenhaltend, Material, schwere Waffen und Verwundete aufnehmend. Durchbrüche hatte man immer wieder abriegeln können und Umfassungsversuche durch Gegenumfassungen abgewehrt.
Die Führungsfähigkeit aber war durch Hitlers ständige persönliche Eingriffe in Details der Planung und die wiederholten Befehle, die Stellungen zu halten, behindert. Schon Ende Mai hatte Busch geplant, den zwischen der Heeresgruppe Nord und der Heeresgruppe Nordukraine nach Osten sich vorwölbenden balkonartigen Vorsprung der Front der Heeresgruppe Mitte zwischen Witebsk und Bobruisk um 55 oder 140 Kilometer auf die Dnjepr-Linie oder die Beresina zurückzunehmen. Dieser Vorsprung verlängerte die Frontlinie unnötig und lud zur Umfassung oder Abschnürung geradezu ein. Doch Hitler lehnte die Pläne brüsk ab. Er habe bisher nicht gewußt, daß auch Busch zu den Generälen gehöre, die stets nach hinten blickten. Dies führte dazu, daß Busch Hitlers starrsinnige Haltebefehle ebenso starr an die Armeebefehlshaber weitergab.
Hitler wollte auch unbedingt an den großen Städten Witebsk, Orscha, Mogilew und Bobruisk, dann weiter westlich an Borissow und Minsk als "Festen Plätzen" festhalten. Sie sollten als "Wellenbrecher" in der sowjetischen Flut dienen, um Zeit zu gewinnen für den Aufbau rückwärtiger Stellungen oder den Aufmarsch zu Gegenoffensiven. Hitler untersagte immer wieder, Stellungen aufzugeben, die vom Gegner umfaßt zu werden drohten. Nicht daß Hitler Rückzüge und Frontbegradigungen generell abgelehnt hätte. Er hatte schon im Frühjahr 1943 den Kessel von Demjansk räumen lassen und den "Bogen von Rschew". Auch in den Juni-Tagen der Krise der Heeresgruppe Mitte kamen manchmal die Genehmigungen überraschend schnell. Meist aber kamen sie zu spät. Hitler wollte die sich abzeichnende Katastrophe nicht wahrhaben, wollte die objektive Unterlegenheit durch Willenskraft kompensieren, glaubte, der vermeintlichen defätistischen Rückwärtsorientierung seiner Generäle durch Haltebefehle entgegenwirken zu müssen.
Wenn Hitler etwa befahl, eine Division in Witebsk stehen zu lassen, die dann freigekämpft werden müsse, war dies illusionär. Solche eigenen Reservekräfte gab es nicht. Der Haltebefehl, nur um sich die Niederlage nicht eingestehen zu müssen, bedeute so nur das Todesurteil für die betroffenen Soldaten. Schlimm war auch, daß Feldmarschall Busch und sein Generalstabschef, General Krebs (auch Hitlers letzter Generalstabschef beim Untergang in Berlin), die starren Haltebefehle stur weitergaben, sie teilweise noch übertrafen und selbst dann noch darauf pochten, als Hitler längst die Genehmigung zu Rückzügen abgerungen war. Hitler meinte, gute Gründe für seine Haltebefehle zu haben. Die Truppen standen im Juni 1944 in langen, aber halbwegs ausgebauten Stellungen. Rückzüge brachten stets die Gefahr mit sich, daß alles außer Kontrolle geraten konnte, daß man Material und schwere Waffen nicht zurückführen konnte. Weiter hinten hätte man dann weitgehend fiktive Stellungen ohne schwere Waffen und Munition halten müssen. Zu großräumigen Operationen, das hatte Hitler vielleicht sogar früher als Feldmarschälle wie Manstein oder Rundstedt begriffen, war das Deutsche Reich weder im Westen noch im Osten in der Lage - angesichts der Panzerzahlen und vor allem der Luftüberlegenheit der Gegner.
Deutsche Armeekorps als "wandernde Kessel".
Als Hitler sich dann der Notwendigkeit zum Rückzug beugte, war es zu spät: Die Truppen waren schon abgeschnitten. Hitlers Order an die 4. Armee, ihren Rückmarsch aufs äußerste zu beschleunigen, mutete dann schon grotesk an. Die Truppen der 4. Armee von Tippelskirch hatten gerade die Beresina erreicht, während die Nachhuten noch am Dnjepr kämpften - und inzwischen hatte die sowjetische 5. Panzerarmee sie schon überholt, stand 200 Kilometer weiter, sogar schon westlich von Minsk.
Die abgeschnittenen deutschen Armeekorps zogen noch für Tage "wandernden Kesseln" gleich nach Westen in der Hoffnung auf Anschluß an die eigenen Linien. Nur gelegentlich gelang noch eine notdürftige Versorgung aus der Luft. Es gab kaum noch Funkverbindung. Für die eigenen Geschütze ging bald die Munition aus, Panzer und Fahrzeuge mußten wegen Treibstoffmangels zurückgelassen und gesprengt werden.
Die Auswirkungen auf die erschütterte Truppenmoral nach den tagelangen Fluchtmärschen, den Verlusten, schließlich der Aufgabe der eigenen Verwundeten und dann dem Zusammenbruch der letzten Hoffnung auf Entkommen waren enorm. Das Gefühl, von Hitler verraten und sinnlos geopfert zu werden, und die verbreitete Bitterkeit über die Führungsfehler der Heeresgruppe veranlaßten zusammen mit der Erkenntnis der eigenen Hybris, durch operative Kunst die sowjetische Überlegenheit ausgleichen zu können, 17 gefangengenommene Generäle, sich in einem Appell gegen Hitler zu stellen.
Die versuchten Rückzüge bedeuteten zugleich ein Massengrab für Pferde. Im August 1944 mußte die Wehrmacht den Verlust von 250 000 Pferden bilanzieren, eine Folge der Trecks aus Weißrußland und aus Frankreich. Die Masse der Infanteriedivisionen Deutschlands, aber auch der Sowjetunion hingen mit ihrem Nachschub immer noch vom Pferdefuhrwerk ab. Da zumindest ein Teil der sowjetischen Truppen durch die Massenlieferung von amerikanischen geländegängigen Lkws schneller war als die marschierenden Deutschen, wird man bezweifeln können, daß größere Teile der Heeresgruppe sich den Einschließungen hätten entziehen können, selbst wenn sie frühzeitig die Genehmigung zum Absetzen bekommen hätten.
So sagte der Operationschef des Oberkommandos des Heeres, General Heusinger, schon am 25. Juni auf Vorwürfe der Panzerarmee, daß die Erlaubnis zum Rückzug aus Witebsk zu spät gekommen sei, die Überraschung über die Stärke des Gegners sei allgemein gewesen. Von niemandem gebe es Vorwürfe: "Beim OKH herrscht der Eindruck, daß es nicht viel besser gegangen wäre, wenn die Aufgabe von Witebsk rechtzeitig genehmigt worden wäre." Die sowjetische, von Marschall Schukow konzipierte Strategie aber war Modell für die anschließenden Durchbrüche im Januar an der Weichsel und im April an der Oder. Mit ihrer Artillerie- und Fliegerkonzentration schlugen die Sowjets auf Anhieb durch die deutsche Front.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2004, Nr. 148 / Seite 8


