FRAUEN DER KPÖ: Dr. Margareta Klug
Beitrag von: Anonymous
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"Wie ich zur Politik gekommen bin? Das war ganz einfach, in meiner Familie waren alle politisch interessiert. Wir haben ständig diskutiert und uns selbstverständlich an den verschiedenen Aktionen der Arbeiterbewegung beteiligt." Dr. Margareta Klug beschreibt ihren Weg zur Politik. Sie gehört zu den eindrucksvollen Persönlichkeiten der Kommunistischen Partei Österreichs: Eine attraktive Frau, die versteht zu repräsentieren und die ihr Selbstbewusstsein auch aus der jahrzehntelangen Erfahrung des Auftretens und Handelns in der Öffentlichkeit schöpft. >>>
Ich habe Margareta Klug im Zentralkomitee kennen gelernt, wo ihre informativen, um Konkretheit bemühten Beiträge auffielen. Ihre offene, kritische Haltung fand zwar nicht immer ungeteilte Zustimmung, wurde aber allgemein als wichtig für den Prozess der Meinungsbildung anerkannt. Seit ihrer Pensionierung arbeitet Margareta Klug ehrenamtlich in der Abteilung für Organisation - Politik mit, eine Schaltstelle in der Partei, an der ihr Wissen, ihre Lebenserfahrung, aber auch ihr Ansehen am besten zum Tragen kommen.
In unserem Gespräch möchte ich zunächst etwas über ihre Familie erfahren und die Umstände, die sie prägten, die stürmischen Zeiten in der Ersten Republik, in der sie (Jahrgang 1921) aufwuchs.
"Wie gesagt, wir waren alle politisch interessiert. Mein Vater kam schon als vierzehnjähriger Lehrling zur Sozialistischen Jugend. Mit 18 Jahren musste er als Soldat in den ersten Weltkrieg. In diesem grauenhaften Erlebnis wurde er zum Revolutionär. Als roter Soldat kehrte er zurück und nahm aktiv an der revolutionären Umgestaltung in Österreich teil.
Für uns war der 12. November, der Tag der Republik, ein großer Feiertag. Jetzt wird in den Medien behauptet, die Erste Republik sei der Staat gewesen, den niemand wollte'. Das ist nicht wahr, die Arbeiterbewegung hat die Republik errungen und verteidigt. Ich erinnere mich, wie in der Mittelschule der Staatsfeiertag unter Zwang durchgeführt wurde. Wir waren nur zwei oder drei in der Klasse, die bewusst an der Feier teilnahmen. Die meisten Schüler aus bürgerlichem Haus waren dagegen. Für uns aber hatte die Republik Schluss gemacht mit den Schmarotzern und die verlotterte Monarchie endlich überwunden."
Entwicklungen und Neigungen
"Wie bist Du mit politischen Organisationen in Kontakt gekommen?"
"Ich bin mit drei Jahren in den Arbeiterturnverein gekommen und mit zehn Jahren den Roten Falken beigetreten. Mein Vater war Eisenbahner und als Vertrauensmann aktiv, da habe ich schon als Kind von den gewerkschaftlichen Kämpfen erfahren. Innerhalb der Sozialdemokratie stand mein Vater am linken Flügel, in Opposition zur Führung. Später hat er sich dann den Revolutionären Sozialisten angeschlossen."
"Hat Deine politische Haltung nicht zu Konflikten in der Schule geführt? Wie konntest Du diese Situation bewältigen?"
"Zunächst hatte ich Glück. Meine Volksschullehrerin gab meinem Vater im Elternverein den Rat, mich in das Realgymnasium in der Diefenbachgasse zu schicken. Dort war ein Sozialist Schuldirektor, Erwin Zellwecker, dem der Ruf eines Salonkommunisten` anhing. Obwohl dieses Gymnasium eine Bubenschule war, bin ich eingetreten, wir waren dann nur neun Mädchen in der Klasse. Erwin Zellwecker hat sich der konfessionslosen Schüler angenommen. (Er war später in der Zweiten Republik Staatssekretär im Unterrichtsministerium unter Ernst Fischer.) Nach der Niederschlagung der Februarkämpfe 1934 ist Erwin Zellwecker über Nacht abgesetzt worden. Wir bekamen den erzreaktionären Direktor Kuppe. So begann für mich, ich war damals 13 Jahre, die politische Auseinandersetzung mit den Professoren, mit den Mitschülern. Der Bruch ging durch die Klasse, ungefähr ein Viertel war fortschrittlich, die anderen verbissene Anhänger der Vaterländischen Front oder der Nationalsozialisten."
Die Schuljahre mit der ständigen politischen Konfrontation waren eine harte Prüfung, die das Unbeugsame ihres Charakters entwickelte, ihre Fähigkeit, sich durchzusetzen. Aber gleichzeitig prägte sich in dieser Zeit auch eine andere Seite ihres Wesens aus: ihre künstlerischen Neigungen. Viele Jahre nahm sie Klavierunterricht und die Liebe zur Musik bestimmt ihr Leben ebenso wie die Begeisterung für die Literatur, das Interesse am Theater. Nach der Matura studierte sie Germanistik und Geschichte. Konsequenterweise befasste sie sich in ihrer Dissertation mit der Arbeiterdichtung, im besonderen mit Heinrich Lersch und Alfred Petzold.
"Du hast während der nationalsozialistischen Herrschaft studiert, wie war damals die Universität?"
"Es war einfach furchtbar. Als ich mein Studium begann, waren bereits alle Widerstandsgruppen zerschlagen, die Kämpfer verhaftet. Es gab keine antifaschistischen Professoren mehr. Das ganze Studium war eine ständige Gratwanderung. Im Lauf der Zeit habe ich dann Kontakte bekommen und Verbindungen aufgebaut zu einigen Kollegen aus dem christlich-sozialen Bereich und zu Monarchisten. Sozialdemokraten waren faktisch nicht vorhanden. Ich erinnere mich an den Historiker Srbik, eine Kapazität aus dem katholischen Lager. Er hielt einen raffinierten Vortrag über Reformation und Gegenreformation', in dem er die gegenwärtige Unterdrückung rechtfertigte und die Zuhörer auf den Faschismus orientierte. Ich habe mich dann auf das alte Fach zurückgezogen, weil der Professor nicht so fanatisch war, und ich einen kleinen Spielraum hatte. Aber diese Atmosphäre des Terrors kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Die NS-Studentenschaft hielt alles unter Kontrolle."
"Damals waren Kinder aus Arbeiterfamilien an den Universitäten eine Seltenheit, aber auch für Frauen war ein Studium ungewöhnlich."
"Ich möchte in diesem Zusammenhang von meiner Mutter erzählen. Sie war eine tüchtige Frau, Buchhalterin von Beruf, und sie ermutigte mich, Wissen zu erwerben, selbstständig zu sein. Der Gedanke zu heiraten, um versorgt zu sein, war mir völlig fremd. Für meine Mutter war der Beruf schon selbstverständlich und in diesem Sinn hat sie mich auch erzogen."
Margareta Klug, einzige Tochter einer politisch bewussten Arbeiterfamilie, kämpfte nicht um Gleichberechtigung, sondern nahm diese als selbstverständliches Recht in Anspruch. Im Leben musste sie erfahren, dar die Benachteiligung der Frau viele Facetten hat. Der Kampf blieb ihr nicht erspart: nicht im Beruf, nicht im privaten Leben. Als Frau war sie gezwungen, viel mehr zu leisten, um Anerkennung zu finden. Spürten Männer, dass ihre Arbeit besser war, dann setzten sie alle Mittel ein, um die angebliche Konkurrenz loszuwerden. Auch in persönlichen Beziehungen erlebte sie manche Enttäuschung. Sie heiratete noch während des Studiums und 1944 kam ihr Sohn Karl zur Welt. Ihr Mann musste einrücken und geriet später in amerikanische Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr musste sie feststellen, dass die Entfremdung zwischen ihnen unüberwindlich war. Sie reichte die Scheidung ein.
Erst in reiferen Jahren lernte sie Richard Klug kennen, kommunistischer Funktionär, engagierter Gewerkschafter, einfühlsamer und humorvoller Partner. Mit ihm erfuhr sie das Glück einer Zweisamkeit, die sich durch politische Übereinstimmung, viele gemeinsame Interessen vertiefte. Sein plötzlicher Tod 1987 war ein Schock, dann Schmerz, der sich nun in Trauer wandelte.
"Wir haben vorhin von der nationalsozialistischen Herrschaft gesprochen. Wie hast Du den Krieg erlebt?"
"Während der Ferien mussten die Studenten Kriegsdienst leisten. Ich wurde nach Posen, in eine Fabrik der Bayerischen Motorenwerke beordert. Das werde ich nie vergessen! In den Hallen wurden polnische Kinder wie Sklaven zur Zwangsarbeit gepresst. Halb verhungerte Kinder, die waren unter 14 Jahren, hantierten an den Schraubstöcken. Wenn wir Studenten an weißgedeckten Tischen das Essen serviert erhielten, habe ich diese Kinder vor mir gesehen ... Die anderen Mädchen sprachen über das Tanzen und wollten nur fesche SS-Männer kennen lernen. Am Heimweg durften die Polen nicht in den ersten Waggon der Straßenbahn einsteigen, der war für Deutsche reserviert. Da saßen vielleicht fünf Leute, während die hinteren Wagen so überfüllt waren, dass bald niemand mehr einsteigen konnte.
Im Arbeitsdienst lernte ich ein Mädchen aus Königsberg kennen, aus einer antifaschistischen Familie. Zufällig trafen wir uns in Posen wieder. Sie hatte die Aufgabe, wie andere Studenten auch, bestimmte Intellektuelle, Musiker, Schriftsteller, die sich nicht gemeldet hatten, auszuheben. Sie bat mich, mit ihr zu gehen. Da habe ich erlebt, wie auf unser Klopfen zögernd geöffnet wurde, die Angst und das Elend der Menschen. Ich habe das alles nicht mehr ertragen und bin heimlich in der Nacht nach Hause zurückgefahren. Mein Vater hatte mir zum Glück eine Freikarte ,Posen-Wien' mitgegeben. In Wien ließ ich mir den Blinddarm herausnehmen. Darauf konnte ich mich dann ausreden, als ich von der Gestapo ins Rathaus vorgeladen wurde. Das Verhör war sehr scharf und der Gestapo-Mann sagte abschließend: Heute gehen Sie noch bei dieser Türe hin aus, aber das nächste Mal nicht mehr! `Ich musste dann den Arbeitseinsatz nachholen und zwar bei einer Firma, die Elektroöfen erzeugte, in der Schönbrunner Straße. Die drei Wochen habe ich ohne Schwierigkeiten überstanden, vor allem, weil ich mich mit dem Vorarbeiter gut verstand, der ein aufrechter Antifaschist war.
1944 ist der Karl] zur Welt gekommen, und wenige Monate später wurde die Wohnung meiner Eltern ausgebombt. Wir bekamen eine Wohnung im 9. Bezirk zugewiesen, aber die meiste Zeit verbrachten wir ohnehin im Luftschutzkeller. Wir haben die Rote Armee herbeigesehnt! Nach zwei Wochen Kelleraufenthalt pochten sowjetische Soldaten ans Haustor und der Krieg war vorbei.
Wir haben damals Hunger gelitten, meine Mutter war ganz abgemagert. Fallweise sind wir aufs Land gefahren, um Lebensmittel aufzutreiben, zu ,hamstern`. Das war sehr schwierig, die Bauern behandelten uns wie Bettler. Es war auch nicht ungefährlich, weil Banden die Gegend unsicher machten. Ich erinnere mich, dar Männer der Ustascha, die sich nach Wien durchgeschlagen hatten, uns im Zug bedrohten, wir mussten unser Abteil verbarrikadieren."
Drei Politikfelder
"Wie bist Du zur Kommunistischen Partei gekommen?"
"Noch im Luftschutzkeller. Mein Vater und ich waren uns klar, dass wir die Kommunistische Partei aktiv unterstützen werden, wenn wir überleben. Dann haben wir im Luftschutzkeller zu Kommunisten Kontakt bekommen und sind der Partei beigetreten.
Am 13. Mai 1945 habe ich im Neuen Österreich' den Aufruf der ,Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft' gelesen und bin unmittelbar darauf ihr Mitglied geworden. Ich habe mich sehr für die Sowjetunion interessiert. Im Juni bekam ich dann Arbeit an der Universität und zwar im Institut für Leibeserziehung, dort habe ich die Bibliothek von Nazi-Schund und rassistischen Machwerken befreit. Bei den Betriebsratswahlen wurde ich als Betriebsrätin gewählt und so begann meine gewerkschaftliche Tätigkeit."
Alle drei Politikfelder: die KPÖ, die Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft und die Gewerkschaft haben die folgenden Jahrzehnte ihres Lebens wesentlich bestimmt, mit ihnen ist sie auch heute verbunden. In der KPÖ war sie in verschiedenen Leitungen tätig, jahrelang gehörte sie dem Zentralkomitee an. Derzeit arbeitet sie unter anderem in der Kommission des ZK für Frauenpolitik mit. Während der Parteikrise trat Margareta energisch gegen den Revisionismus auf und forderte als erste in einem Brief an die Parteiführung den Ausschluss Ernst Fischers.
Von 1972 bis 1983 war Margareta Klug Zentralsekretär der ÖSG. Sie organisierte Begegnungen mit sowjetischen und österreichischen Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern, Gespräche mit Ministern und Betriebsräten, kulturelle Veranstaltungen, Reisegruppen und Delegationen, Ausstellungen und Vorträge, wissenschaftliche Symposien und politische Diskussionen ... Jetzt ist sie einer der Vizepräsidenten im Vorstand der ÖSG und verfolgt mit großem Anteil die Umgestaltung in der Sowjetunion.
In der Gewerkschaft war sie viele Jahre Vizevorsitzende des GLB, arbeitete in der GPA als Vorsitzende der GLB-Fraktion und vertrat den Linksblock auf Tagungen und ÖGB-Kongressen.
"Wenn ich an meine politische Arbeit in der KPÖ zurückdenke, dann war ein Höhepunkt der Oktoberstreik 1950. Der Kampf der Arbeiter, die Massendemonstrationen, die brutalen Angriffe der Polizei mit Wasserwerfern und Knüppeln ... und die inhaltlichen Diskussionen: Mit welchem Erfolg können wir diese große Streikbewegung zu Ende bringen`? Ich wurde damals beim Flugblattverteilen verhaftet und bin einen Tag am Kommissariat in der Boltzmanngasse gesessen.
Andere Höhepunkte waren der internationale Friedenskongress 1951 in Wien und die Weltjugendfestspiele 1959. Der Einsatz unserer Genossinnen und Genossen war eindrucksvoll. Nur durch diese selbstlose Arbeit konnten derart riesige Veranstaltungen so gut abgewickelt werden. Und die Wiener haben die Begegnung mit der Jugend der Welt angenommen. Das ist meine Erinnerung an den Heldenplatz: Der Abschluss der Weltjugendfestspiele mit zehntausenden Menschen, und Paul Robeson sang: Freude, schöner Götterfunken ...` - ein grandioses Erlebnis.
Ich bin Kommunistin und möchte keinen Tag meines ausgefüllten Lebens missen. Durch unseren Kampf für Frieden, Völkerfreundschaft, soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wissen wir, dass wir nicht umsonst gelebt haben."
Gespräch führte Susanne Sohn Aus: Frauen der KPÖ. Gespräche und Porträts, hrg. Vom Frauenreferat der KPÖ, 1989


